Alle Gedichte des Goncourt-Preisträgers in einem Band
Michel Houellebecqs Lyrik ist gezeichnet vom Schrecken über die Wiederholungen des Lebens und dem Moment zugewandt: Gedichte wie Songtexte. Sie lassen sich als ein einziges großes Parlando lesen – autobiografisch, bekenntnishaft und unangestrengt. Zwischen der ernüchternden Erfahrung des täglichen Erwachens und den berechenbaren Sehnsüchten der Nacht erkennen sie die unaufhaltsame Annäherung an ein Ende: »Den monströsen und globalen Mangel macht Houellebecq überall spürbar«, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Taschenbuchausgabe der gesammelten Gedichte vereinigt nun erstmals alle Gedichtbände inklusive des 2014 erschienenen ›Gestalt des letzten Ufers‹.
Michel Houellebecq (born Michel Thomas), born 26 February 1958 (birth certificate) or 1956 on the French island of Réunion, is a controversial and award-winning French novelist. To admirers he is a writer in the tradition of literary provocation that reaches back to the Marquis de Sade and Baudelaire; to detractors he is a peddler, who writes vulgar sleazy literature to shock. His works though, particularly Atomised, have received high praise from the French literary intelligentsia, with generally positive international critical response, Having written poetry and a biography of the horror writer H. P. Lovecraft, he brought out his first novel Extension du domaine de la lutte in 1994. Les particules élémentaires followed in 1998 and Plateforme, in 2001. After a disastrous publicity tour for this book, which led to his being taken to court for inciting racial hatred, he went to Ireland to write. He currently resides in France, where he has been described as "France’s biggest literary export and, some say, greatest living writer". In 2010 he published La Carte et le Territoire (published the same year in English as The Map and the Territory) which won the prestigious Prix Goncourt; and, in 2015, Submission.
Nach Friedrich Nietzsche ist die Hoffnung das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. Was geschieht aber, wenn die Hoffnung längst erloschen ist, aber die Qual trotzdem unverändert andauert? Das lyrische Ich in Michel Houellebecqs Gedichten befindet sich längst in solch einem Zustand der Vorhölle, ohne Aussicht auf vollkommene Erlösung und Glückseligkeit. Es spricht zu uns ein Mensch in einer tiefen Sinnkrise, die symptomatisch erscheint für die konsumorientierte Leistungsgesellschaft westlicher Prägung. Das Versprechen des Liberalismus auf individuelles Glück für Jedermann, erweist sich in vieler Hinsicht als Chimäre. Der Glaube an die Möglichkeit eines erfüllten Lebens schwindet, unter dem zunehmenden Druck der ökonomischen Zwänge. Wie Blöcke mitten im Raum / Bewegen die Arbeitnehmer sich rasch / Wie unabhängige Blöcke, / Sie durchlöchern die Luft, ohne eine Spur zu hinterlassen. Eine genormte Welt, die auf Funktionieren getrimmt ist, durchdringt sämtliche Lebensbereiche des Individuums. Die Leute sitzen in ihre Haut festgekeilt, / Sie lassen ihre Moleküle tanzen / Samstags machen sie sich hübsch, / Dann tun sie sich zusammen und ficken. Selbst der Ausbruch aus dem Alltagstrott, das kleine Glück des Sommerurlaubs mit dem Versprechen eines Urlaubsflirts, verkommt letztlich zu einem schalen Erlebnis. So reiben die Menschenwesen ihre Schleimhäute aneinander / Bevor alles wieder in die Schalenkoffer kommt, / So leben sie ihren Status als freie Wesen aus / Und ihr austauschbares, hohles Menschsein.
Gefangen im schrecklichen Kreislauf der Wiederkehr des immer Gleichen, stürzt Houellebecqs Mensch in einen Abgrund aus Traurigkeit und Erschöpfung. Gleichgültigkeit vertreibt die letzten Reste einer kümmerlichen Virilität. Deine Augen irrten zwischen den Tischen umher / Wie der Turm eines Panzers; / Vielleicht warst du wirklich begehrenswert, /Aber ich hatte die Nase restlos voll. Auf Liebe wird nicht mehr gehofft, man(n) begnügt sich mit notwendiger Triebabfuhr. Unartikulierte Erfahrungen, / Ich kaufe Erotik-Magazine / Voller grausamer Fantasien / Schließlich muss man ejakulieren Die totale Resignation dem gegenwärtigen Leben gegenüber, lässt die Sehnsucht nach einem Ausweg aus diesem Martyrium wachsen. Man glaubt nicht mehr ganz, dass der Tod so schlimm ist; / Eigentlich nur aus Prinzip lacht man noch von Zeit zu Zeit; / Man versucht vergebens, Zynismus zu erlangen. / Dann nimmt man alles hin, und der Tod erledigt den Rest.
Aber dann schlägt es doch wieder zu, das übelste aller Übel die Hoffnung. Ein kleiner weißer Hund sein, der unermüdlich / dem immergleichen Stöckchen nachjagt, / … / Das reglose und zyklische Glück der / Wiederholung erlangen. Gibt es also doch einen Ausweg aus der Qual des Daseins? Im letzten Gedichtband "Gestalt des letzten Ufers" deutet sich so etwas wie Altersmilde an. Die Unversöhnlichkeit mit der Welt, weicht einer zarten Zuversicht. Im Grunde habe ich immer gewusst, / Dass ich die Liebe erlangen werde / Und dass das eine kleine Zeit /Vor meinem Tod sein wird. ***
Es gibt, mitten in der Zeit, / Die Möglichkeit einer Insel.
*** Auch wenn ich Michel Houellebecq als Schriftsteller sehr schätze, habe ich sehr lange gebraucht, um die Gesamtausgabe seiner Gedichte zu lesen. Das liegt nicht allein am schieren Umfang, immerhin sind hier ganze vier Gedichtbände enthalten. Es ist auch die oft deprimierende Stimmung von Houellebecqs Gedanken, der man sich nicht andauernd aussetzen mag. Dessen ungeachtet beweist er auch als Lyriker seine Qualitäten. Seine Gedichte sind wie ein Destillat seiner Prosa. Ein Lob verdienen noch der Verlag und der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel. Alle Gedichte liegen zweisprachig vor, so dass man wunderbar die kleinen Unterschiede in der sprachlichen Wirkung vergleichen kann. Auf Französisch greift Houellebecq häufig zum Kreuzreim: Je lisais une étrange affection dans tes yeux / Et j’étais très heureux dans ma petite niche; / C’était un rêve tendre et vraiment lumineux, / Tu étais ma maîtresse et j’étais ton caniche. Auf Deutsch muss der Übersetzer zwangsläufig drauf verzichten: Ich las eine seltsame Zuneigung in deinen Augen / Und ich war sehr glücklich in meiner kleinen Hundehütte; / Das war ein zärtlicher und wirklich leuchtender Traum, / Du warst mein Frauchen und ich war dein Pudel. Der Verzicht auf den Reim verleiht der deutschen Übertragung eine strengere Note, die spielerische Leichtigkeit geht an manchen Stellen verloren. Dafür wirken andere Passagen, gerade im Ausdruck der inneren Verzweiflung, dringlicher als das französische Pendant.
Nietzsches Diktum zum Trotz, hege ich die Hoffnung, dass den Gesammelten Gedichten noch weitere folgen werden. Die Qual des Wartens verkürze ich mir bis dahin mit dieser ausgezeichneten Sammlung.
bissl wie eine mischung aus baudelaire, bukowski und till lindemann. wo man eher die einflüsse von baudelaire durchscheinen sieht ganz schön, wo es sich mehr wie die beiden letzteren liest genauso furchtbar wie deren werk