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Mythos Kennedy

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In der an Tragödien überreichen Familiengeschichte der Kennedys gibt es immer wieder geeignete Anlässe für neue Publikationen. Nun, da sich die Ermordung von John F. Kennedy zum 40. Mal jährt, raschelt es wieder einmal besonders heftig im Blätterwald. Dass trotz der anhaltenden Bücherflut die Zugkraft des Mythos Kennedy beim Publikum ungebrochen ist, mag auch den Dokumentarfilmer Gero von Boehm dazu bewogen haben, just zu diesem Zeitpunkt seinen opulent ausgestatteten gleichnamigen Bildband vorzulegen. Dass er dabei reichlich aus Archivmaterial schöpfen konnte, liegt auf der Hand. Hatte er doch bereits in der Phoenix-Serie Die großen Clans die Kennedys porträtiert und Arte mit seiner Dokumentation über Jackie Kennedy Onassis den größten Quotenerfolg seit Bestehen beschert. Wer aus dem Untertitel Das Amerikanische Königshaus und dem Umschlagfoto im Weichzeichnerstil auf inhaltlichen Schwulst schließt, der täuscht sich. Illustriert mit einer Fülle von zum Teil erstmals veröffentlichten beeindruckenden Fotos unternimmt von Boehm in seinen klar gegliederten Porträts der wichtigsten und interessantesten Mitglieder dieser bemerkenswerten Familie den durchaus gelungenen Versuch eines Psychogramms. Selbst für den an Klatschgeschichten eher desinteressierten Leser wartet das Buch neben Altbekanntem mit einer Reihe von Überraschungen auf, die die Kennedys in ein etwas anderes Licht zu rücken geeignet sind. Die Fraueneskapaden von John F. Kennedy beispielsweise sind ja sattsam bekannt. Dementsprechend werden sie auch nur en passant behandelt. Jeder hat das Bild des braun gebrannten Strahlemannes vor Augen, der in Saus und Braus lebte und nichts anbrennen ließ. Dass Skilehrer-Teint, Sexualtrieb, Lebenshunger und offenkundiger Fatalismus jedoch die Folgen einer tödlichen Immunkrankheit und jahrzehntelanger Medikamentensucht waren, dürfte manchem neu sein. Oder was Bobby Kennedy betrifft, der als Rächer am organisierten Verbrechen und Hoffnungsträger der amerikanischen Outcasts zur Legende wurde, obwohl er ein glühender Verehrer des Kommunistenfressers McCarthy war und seine politische Karriere nur widerwillig auf Druck des ehrgeizigen Familienpatriarchen Weit weniger bekannt sein dürfte, dass es sich bei ihm um einen typischen Spätentwickler handelte, der mangelnde Begabungen in seiner Kindheit durch an Tollkühnheit grenzende Selbstüberwindung kompensierte. Das und noch manch anderes aufschlussreiches, bisweilen auch pikantes Detail enthält dieser durchaus empfehlenswerte und vor allem auch schöne Band, der sich einigermaßen glaubhaft auf eine Fülle von Gesprächen mit Familienmitgliedern, Freunden und kritischen Wegbegleitern der Kennedys stützt. --Roland Detsch

400 pages, Paperback

First published October 31, 2003

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