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Bürger Grass: Biografie eines deutschen Dichters
1. Aufl. Bertelsmann, Mnchen, 2002. 447 S. mit zahlr. Fotos., Pbd.U. Neuwertig
- GenresBiography
448 pages, Hardcover
First published January 1, 2004
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July 27, 2016
Wer ein Buch über den Homo Politicus Espediensis Günter Grass sucht, mag mit Jürgs Biografie BÜRGER GRASS zufrieden sein. Im Zentrum der Biografie steht GGs Engagement für den Übervater Brandt, für den Grass sich als Ackergaul vor den Wahlkampfkarren spannte, natürlich aber auch das generelle für die Sozialdemokratie, denn: es gibt keinen Sozialismus ohne Demokratie, keine Demokratie ohne das Soziale; so oder ähnlich formuliert GG es an einer Stelle. In GRIMMS WÖRTER bringt es Grass sein Engagement unter A wie Arbeit noch einmal auf den Punkt:
"(...) bringen mir andererseits meine aus Bürgersinn nicht endenwollende Tätigkeit in der politisch betriebenen Tretmühle nahe."
Der Titel BÜRGER GRASS läßt ahnen, dass der Schwerpunkt dieser Biografie nicht auf dem Künstler und Schriftsteller Grass liegt, und wahrscheinlich war es naiv von mir anderes zu erwarten, als ich die Biografie 2002 kaufte. Damals habe ich sie schnell beiseite gepackt, mich nun aber doch noch einmal durchgekämpft.
Der Mensch Grass bleibt bei Jürgs im Halbschatten, vorgestellt wird er vor allem als Besser- und Bescheidwisser, als Einmischer, als Unbeugsamer. Das alles ist richtig und zeichnet Grass auch aus. Dass allerdings einem Werk wie der BLECHTROMMEL kein eigenes Kapitel, nur wenige Zeilen gewidmet werden, macht deutlich, dass Jürgs Journalist ist und sich mehr für politische Details und Gesellschaftskolumnen interessiert als für Kunst und Literatur.
Und so erfahren wir wieder und wieder, wen Grass wann und wo getroffen hat auf seinen Wahlkampfveranstaltungen, mit wem er sich erzürnt hat, wer ihm zu opportunistisch war oder die falsche Gesinnung hatte. Persönlich haben mich diese Details in ihrer Ausführlichkeit gelangweilt und ich schöpfte Hoffnung, als der Wahlkampf 69 gelaufen war, Jürgs möge sich nun endlich relevanteren Themen als den wiederkehrenden Politdetails und dem Kennzeichen des VW-Busses (BN-AV 36 war es, falls es jemanden interessiert) mit dem GG auf Tour war, zuwenden. Aber der Blick wird auch in der Folge nicht über den Tellerrand des politischen Tagesgeschehens gehoben. Grass ist verschnupft, dass Brandt ihm kein politisches Amt anbietet und seine Selbstachtung verbietet es, danach zu fragen.
Im Kontrast zum Abspulen dieser Politgeschäfte und ewigen Zwistigkeiten stehen Aussagen, die Jürgs zu Beginn der Bio zitiert:
"Wer in den zwanziger Jahren … geboren wurde, wer, wie ich, das Kriegsende nur zufällig überlebt hat, wem die Mitschuld – bei all seiner Jugend – an dem übergroßen Verbrechen nicht auszureden ist, wer aus deutscher Erfahrung weiß, daß keine noch so unterhaltsame Gegenwart die Vergangenheit wegschwätzen kann, dem ist der Erzählfaden vorgesponnen, der ist nicht frei in der Wahl seines Stoffes, dem sehen beim Schreiben zu viele Tote zu."
Aber wie sich dieses Credo auf das Werk ausgewirkt hat, auf Inhalt und Form der Romane des Nobelpreisträgers geht Jürgs so gut wie nicht ein.

"Auf den Berg einen Stein zu rollen, der immer wieder zurückrollt, ist zwar vordergründig betrachtet eine Horrorvision. Für Grass aber nur eine Parabel für die ihn antreibende Kraft, sich nie aufzugeben und nie zu resignieren.
Der Stein muss bewegt werden. Sisyphos Grass nimmt seinen nicht wie der klassische Sisyphos gezwungenermaßen auf sich, er ist geradezu glücklich mit seinem rastlosen Stein. Nur in Diktaturen sind Anstrengungen verboten, die stets von neuem begonnen werden müssen. Widerstand zu leisten gehöre ebenso zum Sisyphos-Mythos wie die Einsicht in die Vergeblichkeit. Widerstand zu leisten gegen manchen Zeitgeist sei Pflicht. Nie zu verharren auf der ideal scheinenden Spitze des Berges, immer wieder neu zu beginnen und alles in Frage zu stellen - das alles ist in der Legende von Sisyphos, und das alles ist auch in Grass."
Grass hat dieses Arbeitsethos heroisch umgesetzt, und mit einer Portion Anmaßung könnte ich sagen, dass das Lesen dieser Bio über längere Passagen mir eine ähnliche Arbeitsauffassung abgenötigt hat. Leichter gemacht hat es mir Jürgs übrigens nicht gerade damit, dass er - insbesondere auf den ersten 50 Seiten - den Schreibstil von Grass nachahmt, natürlich lange nicht mit der Wirkung, die der Nobelpreisträger erzielt.
BÜRGER GRASS von Jürgs ist eine Biografie für Leser, die sich vor allem für die bundesrepublikanische Politik der 60er und 70er Jahre interessieren.
"(...) bringen mir andererseits meine aus Bürgersinn nicht endenwollende Tätigkeit in der politisch betriebenen Tretmühle nahe."
Der Titel BÜRGER GRASS läßt ahnen, dass der Schwerpunkt dieser Biografie nicht auf dem Künstler und Schriftsteller Grass liegt, und wahrscheinlich war es naiv von mir anderes zu erwarten, als ich die Biografie 2002 kaufte. Damals habe ich sie schnell beiseite gepackt, mich nun aber doch noch einmal durchgekämpft.
Der Mensch Grass bleibt bei Jürgs im Halbschatten, vorgestellt wird er vor allem als Besser- und Bescheidwisser, als Einmischer, als Unbeugsamer. Das alles ist richtig und zeichnet Grass auch aus. Dass allerdings einem Werk wie der BLECHTROMMEL kein eigenes Kapitel, nur wenige Zeilen gewidmet werden, macht deutlich, dass Jürgs Journalist ist und sich mehr für politische Details und Gesellschaftskolumnen interessiert als für Kunst und Literatur.
Und so erfahren wir wieder und wieder, wen Grass wann und wo getroffen hat auf seinen Wahlkampfveranstaltungen, mit wem er sich erzürnt hat, wer ihm zu opportunistisch war oder die falsche Gesinnung hatte. Persönlich haben mich diese Details in ihrer Ausführlichkeit gelangweilt und ich schöpfte Hoffnung, als der Wahlkampf 69 gelaufen war, Jürgs möge sich nun endlich relevanteren Themen als den wiederkehrenden Politdetails und dem Kennzeichen des VW-Busses (BN-AV 36 war es, falls es jemanden interessiert) mit dem GG auf Tour war, zuwenden. Aber der Blick wird auch in der Folge nicht über den Tellerrand des politischen Tagesgeschehens gehoben. Grass ist verschnupft, dass Brandt ihm kein politisches Amt anbietet und seine Selbstachtung verbietet es, danach zu fragen.
Im Kontrast zum Abspulen dieser Politgeschäfte und ewigen Zwistigkeiten stehen Aussagen, die Jürgs zu Beginn der Bio zitiert:
"Wer in den zwanziger Jahren … geboren wurde, wer, wie ich, das Kriegsende nur zufällig überlebt hat, wem die Mitschuld – bei all seiner Jugend – an dem übergroßen Verbrechen nicht auszureden ist, wer aus deutscher Erfahrung weiß, daß keine noch so unterhaltsame Gegenwart die Vergangenheit wegschwätzen kann, dem ist der Erzählfaden vorgesponnen, der ist nicht frei in der Wahl seines Stoffes, dem sehen beim Schreiben zu viele Tote zu."
Aber wie sich dieses Credo auf das Werk ausgewirkt hat, auf Inhalt und Form der Romane des Nobelpreisträgers geht Jürgs so gut wie nicht ein.

"Auf den Berg einen Stein zu rollen, der immer wieder zurückrollt, ist zwar vordergründig betrachtet eine Horrorvision. Für Grass aber nur eine Parabel für die ihn antreibende Kraft, sich nie aufzugeben und nie zu resignieren.
Der Stein muss bewegt werden. Sisyphos Grass nimmt seinen nicht wie der klassische Sisyphos gezwungenermaßen auf sich, er ist geradezu glücklich mit seinem rastlosen Stein. Nur in Diktaturen sind Anstrengungen verboten, die stets von neuem begonnen werden müssen. Widerstand zu leisten gehöre ebenso zum Sisyphos-Mythos wie die Einsicht in die Vergeblichkeit. Widerstand zu leisten gegen manchen Zeitgeist sei Pflicht. Nie zu verharren auf der ideal scheinenden Spitze des Berges, immer wieder neu zu beginnen und alles in Frage zu stellen - das alles ist in der Legende von Sisyphos, und das alles ist auch in Grass."
Grass hat dieses Arbeitsethos heroisch umgesetzt, und mit einer Portion Anmaßung könnte ich sagen, dass das Lesen dieser Bio über längere Passagen mir eine ähnliche Arbeitsauffassung abgenötigt hat. Leichter gemacht hat es mir Jürgs übrigens nicht gerade damit, dass er - insbesondere auf den ersten 50 Seiten - den Schreibstil von Grass nachahmt, natürlich lange nicht mit der Wirkung, die der Nobelpreisträger erzielt.
BÜRGER GRASS von Jürgs ist eine Biografie für Leser, die sich vor allem für die bundesrepublikanische Politik der 60er und 70er Jahre interessieren.
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