›Das Dosenmilch-Trauma‹ ist eine Zeitreise der etwas anderen Art durch eine Kindheit und Jugend, wie sie schlimmer nicht hätte sein können. Aufgewachsen als Kind der beiden einzigen bayerischen 68er (»Mama und Papa hatte ich nicht, ich mußte immer Eberhard und Renate sagen!«), macht Jess Jochimsen klar, warum seine Generation heute so ist, wie sie ist. Was bedeutet es, wenn die Eltern auf Che Guevara und freie Liebe stehen, man selbst aber Wickie und Winnetou als Helden auserkoren hat und ›La Boum‹ für den Gipfel der Erotik hält? Was wird aus einem, der von Freaks erzogen wurde und eigentlich immer normal sein wollte?
Die Stories dieses Buches, mal grotesk, mal liebevoll komisch, verdichten sich zu einem irrwitzigen Roman des Erwachsenwerdens, zu einem präzisen Bild der heutigen Endzwanziger, deren wichtigste Frage nie »links oder rechts?« war, sondern »Geha oder Pelikan?«.
»Jess Jochimsen ist ein begnadeter Schilderer von Kindheits-Katastrophen.« Süddeutsche Zeitung
Mit 74 von 100 eigentlich ein Fall für dreieinhalb Sterne, da im letzten Drittel des Buches doch etwas zu viel Sägemehl in Form von Kolumnentexten beigemischt wurde, aber bis Seite 130 bietet Das Dosenmilchtrauma uneingeschränktes Lesevergnügen mit herrlichen Volltreffern auf das Spießertum der 68er, die 15 Seiten über das Krippenspiel der zweiten Klasse, in dessen Verlauf Joseph und Maria eine Bahnrundreise im Speisewagen durch Palästina unternehmen, ehe sie in Bethlehem eintreffen ist das Wiztigeste, was ich je gelesen habe, entsprechend viel Zeit nahm auch die Lektüre in Anspruch. Das Klassentreffen erweist sich als gelungenes Finale auf ähnlich hohem Niveau. Ansonsten erweist sich diese Sammlung von bezeichnenden Anekdoten und Humoresken über das Aufwachsen in einem Hippiehaushalt als Bestätigung meiner Kritik an McCourts Asche, Jess Jochimsen erzählt in den 80 Seiten, die irgendwie mit seinen Eltern zu tun haben, nicht nur deutlich unterhaltsamer, sondern bringt die Tragödien seiner Jugend überaus erheiternd auf den Punkt.
Zitat "'Petting statt Pershing!' O Mann! Petting kannte ich, das hatte es ja eben erst gegeben, in der Früh, live daheim. Angesichts dessen musste Pershing etwas Grauenvolles sein. So lief sie ab, meine politische Grunderziehung: Bettlaken einsauen, beschriften und dann stundenlang in der Öffentlichkeit demonstrativ hochhalten." - Kapitel "Friede, Freude, Eiersuchen", Seite 61-62.
Meine Meinung Bei " »Mama und Papa hatte ich nicht, ich musste Renate und Eberhard sagen«: Das Dosenmilch-Trauma & andere Geschichten eines 68er-Kindes" handelt sich um eine Neuauflage des bereits 2000 erschienenden Buchs "Das Dosenmilch-Trauma: Bekenntnisse eines 68er Kindes"* von Jess Jochimsen zum 50jährigen Jubiläum der 68er Bewegung. Ich persönlich bin allerdings erst durch die Frühjahrsvorschau von dtv auf das Buch aufmerksam und vorallem wegen des Titels neugierig geworden.
Das Buch ist in einem lockeren, aber packenden Schreibstil verfasst. Der Humor kommt sehr gut rüber, was in Schriftform gerne mal daneben gehen kann. Selbst Geschichtsmuffel, die sich nie mit den 68ern auseinandergesetzt haben, kommen hier auf ihre Kosten.
Das Buch teilt sich in mehrere kleine Kapitel sowie einseitige Zwischenschübe mit jeweils einem mehr oder weniger dazu passenden Bild dazu auf. Es gibt immer wieder einzelne widerkehrende Elemente, wie Jess' ewige Jugendliebe, aber an sich wäre jedes Kapitel auch für sich alleinstehend lesbar. Ideal also für den kleinen Schmunzler zwischendurch.
Jedoch muss ich mir auch ein wenig Kritik erlauben. Wie bereits erwähnt, trifft der Humor zwar zumeist meinen Zahn, aber er ist auch an einigen Stellen daran vorbeigeschlittert. Hier wirkte es für mich so als würde der Autor sich vom humoristischen ins literarische wegbewegen wollen. Leider scheiterte für mich dieses Experiment. Da aber, wie gesagt, jedes Kapitel einzeln lesbar ist, könnte man theoretisch diese Teile einfach überspringen, wenn sie einem ebenfalls nicht gefallen.
Fazit "»Mama und Papa hatte ich nicht, ich musste Renate und Eberhard sagen«: Das Dosenmilch-Trauma & andere Geschichten eines 68er-Kindes" ist ein gelungener, spitzzüngiger, aber durchauch lustiger Rückblick auf Jess Jochimsens - oder sollte ich Jens Joachim sagen? - Kindheit zwischen Althippies und Dosenmilch. Hier und da gibt es kleinere Schwächen über die man aber im Größeren doch hinweg sehen kann.