Dem Leser öffnen sich während der Lektüre dieser Essaysammlung nicht nur einige interessante, autobiografische Anekdoten aus dem Leben des Autors, sondern sie vertieft auch das Bewusstsein für seine politischen und gesellschaftlichen Gedanken und Überzeugungen. Bärfuss ist mir bereits vor dem Georg-Büchner-Preis als Autor aufgefallen, als er in Hundert Tage und Koala rücksichtslos, pointiert und gnadenlos ehrlich reale, soziale Tabus aufgriff und in seiner Fiktion ausarbeitete. Ich kann somit unterstreichen, dass der Schweizer in enger Nachfolge zu Frisch und Dürrenmatt steht (was die Juroren des Büchnerpreises nun ebenfalls betonen). Die beeindruckende und kurzweilige Sammlung ist zu vielfältig, um sie in wenigen Sätzen zusammenfassen zu können; nachfolgend jedoch einige Auszüge, welche mir auffielen:
Man kann im Theater nicht blättern. Nicht nach vorne, nicht nach hinten. Das Verpasste kommt nicht wieder. Durch die Ödnis des Augenblicks führt nur die Zeit. (S. 39)
Robert Walsers Literatur fragt mich nicht, wer ich bin, was ich kann, was ich gelesen habe oder wie gross mein Wissen ist. Sie fragt mich bloss: Bist du bereit? Willst du sehen? (S. 59)
Der Mensch ist Bürger zweier Welten, jener, die ist, und der anderen, die sein könnte. (S. 181)
In der Zeit, die Sie jetzt gerade mit Lesen vergeuden, nimmt das Elend der Welt zu, während sie nicht das Geringste dagegen tun und sich an der Gespreiztheit der Sätze delektieren. (S. 225)
Lukas Bärfuss’ Texte sind raffiniert, klug und doch niemals arrogant. “Der Ort der Dichtung”, “das Volk und ich” sowie “Ode an die Schüler” sind wohl meine Lieblingstexte dieses Essaybandes.
manche Essays sehr super und vor allem der Teil über die Geschichte und Kultur der Schweiz hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Manche Essays waren aber auch einfach sehr all over the place und merkwürdig und gewollt literarisch.
"Stil und Moral" bietet einige nette Kurzlektüren zu verschiedensten Themen. Gerade bei den system- und gesellschaftskritischen Betrachtungen merkt man allerdings schnell, dass Bärfuss keinen wissenschaftlichen Hintergrund hat - und dass er zum Schluss noch den Obermoralisten raushängen muss, nervt. Da bleibe ich lieber bei seinen Romanen.
Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Essays, in denen es einerseits um literaturspezifische Fragen und verschiedene kanonische Werke geht, andererseits um lebensweltliche und alltagsphilosophische Betrachtungen Bärfuss‘. Es werden also sehr verschiedene, oft interessante und wichtige Themen behandelt, aber trotzdem liest es sich ganz entspannt und kurzweilig. Mit Leichtigkeit kommt er von einem zum anderen Themen, streut interessante Fakten ein, aber auch Überlegungen, persönliche Erinnerungen und seine eigene Haltung. Letztere ist nicht immer meine, vor allem politisch und moralisch ist da sicher einiges streitbar. Aber das feuilletonistische Schreiben beherrscht Bärfuss gut, so dass das lesen anregend ist, ohne anstrengend zu sein.
Dieser Essayband lässt keinen Zweifel darüber bestehen, dass der Autor ein Literat und Kulturphilosoph von hohem Rang ist, der es vermag, neue literarische Perspektiven zu eröffnen und kritische Entwicklungen unserer Lebenswelt auf ganz eigentümliche Weise zu beleuchten. Der Titel Stil und Moral ist also gut gewählt. Ich denke, dass man noch viel von Lukas Bärfuss hören wird.