Puhhh, was ein Buch.
Cavanaugh steigt mit einem historischen Abriss des Pinochet-Regimes und der systematischen Folter ein, die zur Stabilisierung des Regimes angewandt wurde. Er argumentiert, dass Folter keine Ausnahme-Praxis in einem besonders schlimmen Regime ist, sondern dass Folter einer bestimmten Logik folgt, die allen Nationalstaaten eigen ist: die Zergliederung der Bevölkerung in isolierte Individuen. "Soziale Körper", die nicht der Staat sind, sind nach Cavanaugh staatlich nicht gewollt.
Folter richtet sich nicht ausschließlich gegen den Gefolterten, sondern erfüllt in erster Linie die Funktion, Angst und Schrecken zu verbreiten, ohne allerdings direkt sichtbar zu werden. Es geht um eine Atmosphäre des Schreckens, die Schweigen und Isolation produziert. Insofern behandelt er Folter exemplarisch als eine Praxis, die sich direkt gegen die Einheit der Kirche wendet.
Das wirft ekklesiologische Fragen auf. Wenn der Staat aktiv gegen die Einheit der Kirche arbeitet, also ihren "sozialen Körper" zergliedert, dann untergräbt das das Potenzial zur politischen Handlung der Kirche. Wendet man sich nun gegen den Staat oder versucht man eine "andere Einheit" herzustellen?
Cavanaugh zeigt, dass sich die Kirche in Chile während des Regimes stark auf die Innerlichkeit zurückgezogen hat. In Anschluss an die Position des Vatikans während der Diktaturen in Europa, hat man sich in Chile zu weiten Teilen damit begnügt, "das Gewissen der Nation" zu sein, ohne durch diziplinierte, gemeinschaftliche Praxis eine alternative Zugehörigkeit zu imaginieren. In Auseinandersetzung mit der Ekklesiologie von Pius XI. und Jacques Maritain stellt Cavanaugh heraus, dass die strenge Unterscheidung von Körper und Seele, Öffentlichkeit und privaten Raum, Gewissen und Handlung zur Impotenz der Kirche führt. Denn die Kirche ist es, die sich um Seele, Gewissen und privaten Raum kümmert. Dadurch wird sie in die Unsichtbarkeit gedrängt und verliert ihren "Körper".
Der Körper von Christus ist es nach Cavanaugh auch, welcher der Kirche wieder Sichtbarkeit gibt. In der Eucharistie empfängt die Kirche den Körper von Jesus, wird darin zu seinem Körper und empfängt Kraft, den eigenen Körper brechen zu lassen für den Nächsten. So wird am Altar die Gemeinschaft wiederhergestellt, welche durch die Folter zergliedert wurde. Und zugleich wird hier öffentlich, was vorher im Verborgenen war.
Unter Strich ein beeindruckendes Buch. Er arbeitet mühelos auf theologischen, soziologischen und historischem Gelände (wobei er mit diesen Unterscheidungen an sich wahrscheinlich total unglücklich wäre) und baut ein sinnvolles und stringentes Argument darauf auf.
Vielleicht ein Must-Read. Wer weiß das schon.
"[Zitat aus Mystici Corporis Christi:] We have had the great consolation of witnessing something that has made the image of the Mystical Body of Jesus Christ stand out most clearly before the whole world. Though a long and deadly war has pitilessly broken the bond of brotherly union between nations, We have seen Out Children in Christ in whatever part of the world they happened to be, one in will and affection, lift up their hearts to the common Father, who, carrying in his own heart the cares and anxieties of all, is guiding the barque of the Catholic Church in the teeth of a raging tempest. [...] [I]t also proves that, as Our paternal love embraces all people, whatever their nationality and race, so Catholics the world over, though their countries may have drawn the sword against each other, look to the Vicar of Jesus Christ as to the loving Father of them all.
It is not difficult to sympathize with Pius's effort to bring some hope of communion to a world riven with strife. Nevertheless, one can imagine that the Pope's words would be slight comfort to the Christion on the battlefield who find that a fellow member of the mystical body of Christ is trying to blow his legs off."