Ist der Wandel der Moden eine unvorhersehbare Laune der Kultur? Mitnichten, sagt Barbara Vinken, auch wenn wir, die diese Moden tragen, meist keine Ahnung davon haben, was wir tun, wenn wir uns anziehen. Modewandel hat System. Fragt sich nur, welches?
Barbara Vinken ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und unterrichtete als Gastprofessorin zuletzt in New York, Paris und Chicago. Sie schreibt auch für 'DIE ZEIT', die 'Neue Zürcher Zeitung' und 'CICERO'.
Selten habe ich mich so schwer getan, eine Haltung zu einem Buch zu entwickeln.
Grundsätzlich stimme ich meinen Vorrednern zu: Frau Vinken gefällt sich auch für meinen Geschmack etwas zu sehr darin, scheinbar wahllos Fremdwörter assoziativ aneinanderzureihen, gerne auch wiederholt in ähnlicher Fomulierung. Ostentativ, um es mit ihren Worten zu sagen. Ich habe mich trotz eines Doktortitels in einer Geisteswissenschaft unheimlich schwer getan, ihren Gedanken zu folgen, und habe keinen Mehrwert darin sehen können, durch die verschwurbelte Sprache dem Leser den Zugang zu den Inhalten zu erschweren. Das ist für mich nicht anspruchsvolle, sondern prätentiöse Lektüre. Auch fehlte mir mehrfach schlichtweg der rote Faden und es drängte sich der Eindruck auf, dass es sich hier nicht um ein Buch aus einem Guss, sondern um eine Aneinanderreihung von Versatzstücken aus bereits publizierten Texten handelt. Letzterer Eindruck verstärkt sich für mich dadurch, dass ganze Absätze 1:1 wiederholt wurden - in der Ausgabe von Klett Cotta z.B. auf den Seiten 77 und 84 („Die männliche Kleidung, die allein der Norm des Modernen entspricht, ...“). Mit den Worten der Autorin: „Geborgt, aufgewärmt [...] als manieristischer Flickenteppich“ (S. 77).
Hätte ich das Buch nach den ersten 100 Seiten aus dem Fenster geworfen, was mein erster Impuls war, wäre es wohl bei diesem Eindruck und einer 0-Sterne-Bewertung geblieben. Doch dann weckte das Kapitel zu den feinen Unterschieden mein Interesse, die Sprache schien klarer und die Struktur durchdachter zu werden. Die seitenlange Beschreibung einzelner Kleider im Teil über japanische Designer mag lang sein, öffnete mir aber ähnlich wie eine Führung in der Kunsthalle die Augen für die Intentionen des Künstlers/Designers. Und auch wenn das Ende wieder zäh wurde und leider nicht die erhoffte Auflösung erbrachte, bin ich doch mit einigen Erkenntnissen mehr aus dem Buch gegangen.
So bleibt mein Fazit am Ende: ich bin froh, dass ich mich durch das komplette Buch gezwungen habe, eine Leseempfehlung auszusprechen fällt mir trotzdem schwer.
Ich hab' es verschlungen. Das Buch reißt das Thema auf und macht klar, dass an der Mode so ziemlich alles unklar ist. Was sind die Rollen der Geschlechter? Sind sie ein Naturgesetz, oder nur Software im Gehirn, die ausgetauscht werden kann? Ist Mode ein schrulliger Anachronismus, den fortgeschrittene Menschen hinter sich lassen? Oder ist sie ein so unverzichtbares Zeichensystem, dass sie sich immer Raum verschaffen wird?
Zunächst das Positive: ich habe das Buch zu Ende gelesen und allerlei neue Leute dabei kennengelernt. Auch der Switch von wadenbetonter Herrenmode zu diesen einfarbigen Priestergewändern, die heute die Bankangestellten so tragen, war mir nicht so streng mit der Französischen Revolution verknüpft. Die enorm politische Modesprache von Mcqueen ist mir erst hier bewusst geworden. Allerlei auf der Habenseite also und doch nur drei Sterne. Negativ und richtig nervig ist diese deutsch-professionale Sprache der Autorin. Ich fühlte mich regelmäßig an Einführungsreferate irgendwelcher Kunstprofessoren bei Vernissagen zeitgenössischer Künstler erinnert, die auch gerne enormes Sprachgeschwurbel bemühen, um einer simplen Aussage Bedeutung zu verleihen. Eine Sprache, die Karikatur ihrer selbst ist. Inhaltlich sehe ich allerlei Defizite. Die Transmission der Avantgarde-Mode in die gesellschaftliche Alltagswelt wird gar nicht vermittelt. Da ist man selbst beim Prada-Teufel besser bedient. Natürlich muss man die Wolfstatzenjacken und generell den Siegeszug der Polyestershells nicht schön finden. Aber einen beherrschenden Kleidungsstil, der unsere Innenstädte dominiert wie kein zweiter, auf eineinhalb Textseiten voller Arroganz und Verachtung abzusauen ist halt keine Analyse gesellschaftlicher Prozesse sondern einfach nur überheblich. Die historische Herleitung eines Großteils der Elemente unserer heutigen Herrenmode aus dem Formenschatz des Militärs wird kaum geleistet. Insgesamt viel mehr Schaum als Substanz. Ich sollte über den dritten Stern nochmals nachdenken.
Nicht zu empfehlen, inhaltlich sehr konfus, man weiß nicht ganz worauf die Autorin hinaus möchte. Wenngleich der sprachliche Duktus teils sehr geschwollen ist und mit Fachjargon gespickt ist, so wirkt es, als wolle dieser dadurch den Inhalt kompensieren. Das Wort »ostentativ« hat es ihr angetan.
Der Anfang liest sich ganz nett, dann werden die Sätze immer verwirrender und die zentrale These wird ständig wiederholt. Das ist typisch für amerikanische Sachbücher (die Autorin war lange Zeit Gastprofessorin in den USA). Man könnte den Text wahrscheinlich auf 10 Seiten eindampfen...
Hochinteressante und überaus geistreiche Interpretation der zeitgenössischen Mode in der Sprache und mit den Mitteln der Literaturwissenschaft. Barbara Vinken seziert die der Wandlung der Mode seit der französischen Revolution zugrunde liegenden Weltanschauungen, Strategien und Grundmuster. Wie bei einer literaturwissenschaftlichen Studie liest sie sich zunächst durch den (mageren) Kanon der Theorie zur Bedeutung von Mode in der Moderne, diskutiert und bewertet die Gedanken der Vor-Denker, um schließlich anhand der Kreationen von Vivienne Westwood, Martin Margiela, Comme des Garcons und Alexander McQueen eigene Schlüsse zu ziehen. Mühelos reiht sie die Erscheinungen der Mode in die kulturgeschichtlichen Entwicklungen ein, zieht Analogien und interpretiert den Sinngehalt von Silhouetten, Faltenwurf oder einem scheinbar simplen Reißverschluss. Ihre verbalen Pirouetten am Ende der jeweils kurzen Kapitel lassen sowohl Vinkens Vergnügen am assoziativen Verschärfen des Konstatierten als auch die diebische Freude an der Anwendung dieser exaltierten kulturwissenschaftlichen Sprachmodi auf das häufig als inhaltsleer abgewertete Feld der Mode erkennen.