»Dieses Buch ist für alle, die in Victory-Schuhen statt Nikes rumgelaufen sind. Für alle, die sich geschämt haben, Freunde nach Hause einzuladen. Für alle, deren einzige Freizeitgestaltung Fußball oder die Glotze war, weil für alles andere kein Geld da war. Für alle, bei denen es zu Hause nie Ruhe gab – in den Räumen und den Köpfen. Für alle, die mehr als einmal gehört Das können wir uns nicht leisten.«Um Jungs machte sie lange einen Bogen, denn Miriam Davoudvandi wusste, jeder Typ muss irgendwann ihre Wohnung von innen im schäbigen Sozialbau inmitten von Einfamilienhäusern, die vollgestellten Zimmer, das zerschlissene Bad. Die Scham, nichts bieten zu können und nicht dazuzugehören, prägte Miriam Davoudvandi spätestens seit ihrer Einschulung – und sie ist bis heute ein Teil von ihr.Inzwischen ist sie sozial aufgestiegen und verdient mehr, als ihre Eltern es je taten. Ihr Geld macht sogar sehr glücklich. Aber zu welchem Preis? Und welche Spuren haben ihre Erfahrungen hinterlassen? Ehrlich und ungeschönt erzählt Miriam Davoudvandi, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Dabei blickt sie nicht nur auf die offensichtlichen Schauplätze von Armut, sondern auch auf Aspekte wie Dating, Freundschaften, Familiengründung und Psyche, auf die Bedeutung des Fernsehers und das Leben als erste Studierende der Familie. Und zeigt, warum Arme sogar beim Sterben benachteiligt sind.Armut lässt sich vielleicht bemessen. Zahlen helfen jedoch nicht zu verstehen, wie sich Armut anfühlt und was sie langfristig mit einem macht. Zahlen zeigen nicht den Menschen – Menschen wie Miriam Davoudvandi. Umso wichtiger ist es, ihre Geschichte zu hören. Denn sie spricht für all die, die bisher keine Stimme hatten.
"armut hat keine lobby." wenn über armut gesprochen wird, dann nur voyeuristisch (20ste reeperbahn-pennymarkt doku) oder kapitalistisch (aufstiegsgeschichten).
davoudvandi gelingt es, einen dritten weg zu gehen: sie erzählt ihre geschichte, weil jeder mensch eine geschichte hat, die es wert ist, erzählt zu werden.
sie spricht aus, was ähnlich aufgewachse nur zu gut kennen und jenen, die privilegierter aufwachsen durften, gewährt sie einen ungeschminkten einblick.
kluges, berührendes, empfehlenswertes buch!
ps: bonuspunkte für die haftbefehl-zitate!
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hier ein paar weitere passagen, die mir geblieben sind:
"wenn man die zeitung aufschlägt, heisst es überall: sparen, sparen, sparen. als ob jch das nicht schon mein ganzes leben lang getan hätte"
"eine gute person kann ein schlechtes system nicht aushebeln, aber eine schlechte person kann ein schlechtes system erhalten"
"reiche menschen lieben es, armen menschen zu raten, wie sie mit geld umgehen sollten"
"der fernseher war das tor zur welt, das uns sonst so oft verschlossen blieb. fernsehen ist für viele menschen die einzige möglichkeit, kultur barrierefrei zu erleben."
"fast fashion ist umweltbelastend und entstehen unter prekären arbeitsbedingungen. aber fast fashion zu verteufeln ist klassistisch."
"laut studien tendieren arme menschen eher dazu, an fast allen bisher bekannten psychischen störungen zu erkranken"
"sterben ist teuer. so wie wir wohnen, sterben wir auch."
"wenn man sich krankheit nicht leisten kann, gesteht man sie manchmal nicht mal sich selbst sein."
"junge, was soll 'antizipieren' bedeuten?!"
"reiche hassen arme. aber arme hassen andere arme auch."
"beim funktionieren-müssen kann gar nicht die wut entstehen, die nötig wäre, um das ganze system zu hinterfragen"
In diesem Buch werden durch persönliche Einblicke und Erfahrungen so viele Facetten der Armut oder des Armseins gezeigt und deutlich gemacht, auf welchen unterschiedliche Ebenen sie einen prägen können. Das Kapitel über den Fernseher und welche Bedeutung der kulturellen Teilhabe er in einem armen Haushalt spielt, geht mir nicht aus dem Kopf. Genau so wie das beschriebene Schamgefühl, dass man nicht will, dass Leute sehen, wie es bei einem zu Hause aussieht. Oder was das alles im Kopf von einem macht. Dieses Buch berührt einen. Und ehrlich, stellenweise hat es mich so traurig gemacht.
Die Mischung aus persönlichen Berichten, dem eigenen Leben, popkulturellen Einordnungen und wissenschaftlichen Belegen macht dieses Buch so gut lesbar und nachvollziehbar. Wenn du Armut erlebst oder erlebt hast, kannst du dich identifizieren. Wenn du aus einer Familie ohne große Geldprobleme kommst oder Armut nicht so wie Miriam erlebt hast, gibt sie dir extrem wertvolle Perspektiven und zeigt, wie arm sein dich shaped und prägt. Ein Leben lang, auch wenn du es „raus geschafft“ hast. Und diese Schuld die man immer mit sich rumschleppt.
Armut hat System, Armut raubt dir Zeit und Armut wird durch das kapitalistische System, in dem wir Leben und durch dieses System gesellschaftlich konstruiert. Das schafft dieses Buch deutlich zu machen.
Sollten auf jeden Fall alle lesen, in my humble opinion.
„Das können wir uns nicht leisten“ von Miriam Davoudvandi (btb Verlag) hallt immer noch in mir nach.
In elf Kapiteln zeigt die Autorin, wie Armut sich auf ganz unterschiedliche Lebensbereiche auswirkt, wie etwa auf Wohnen, Freizeit oder (psychische) Gesundheit. Dabei verbindet sie persönliche Erfahrungen mit popkulturellen Beobachtungen und wissenschaftlichen Einordnungen. Diese Mischung fand ich richtig gelungen!
Die Ehrlichkeit der Autorin hat mich ganz besonders beeindruckt. Dieses Buch beschönigt nichts, sondern zeigt Armut so, wie sie ist: komplex, belastend und tief im System verankert. Es geht nicht nur um individuelle Lebensrealitäten, sondern auch darum, wie eng Armut mit gesellschaftlichen Strukturen und unserem kapitalistischen System verwoben ist.
In den Medien wird Armut oft verzerrt dargestellt. Viele kennen Formate wie „Armes Deutschland“ oder „Hartz und herzlich“, die häufig auf Sensationsbilder oder stereotype Darstellungen reduzieren. Dieses Buch stellt dem etwas völlig anderes entgegen: eine differenzierte, reflektierte und sehr persönliche Perspektive, die ich so bisher kaum gelesen habe.
Für mich ist dieses Buch eine wichtige, notwendige Stimme, die gehört werden sollte. Es berührt, macht nachdenklich und öffnet den Blick für Lebensrealitäten, die in gesellschaftlichen Debatten viel zu oft übersehen werden.
Ein paar Gedanken und Sätze, die bei mir besonders hängen geblieben sind:
„Die erste Klassenfrage, die ich mir in meinem jungen Leben stellte, war, ob jemand KIKA oder SuperRTL guckte.“
„Der Fernseher war das Tor zur Welt, das uns sonst so oft verschlossen blieb. Fernsehen ist für viele Menschen die einzige Möglichkeit, Kultur barrierefrei zu erleben.“
„[…] Fast Fashion per se zu verteufeln, ist klassistisch. Fast Fashion ist nicht politisch korrekt, aber gerecht – für die Käufer:innen.“
„Dass Armut krank macht, liegt auf der Hand. Ständige Existenzängste, Überarbeitung, chronischer Stress, dauerhafte Anspannung und Alternativlosigkeit schlagen sich auf die Psyche nieder – und auf den Körper.“
Werbung | Rezensionsexemplar vom Bloggerportal bereitgestellt
„Das können wir uns nicht leisten“ ist ein Buch, das nicht nur beschreibt, wie Armut den Alltag prägt, sondern vor allem, wie tief sich ihre Logik in Denken und Verhalten einschreibt. - oft weit über die eigentliche Lebenssituation hinaus. Ich habe mich so schnell ertappt gefühlt - wie alte Muster bestehen bleiben, selbst dann, wenn sie rein finanziell längst nicht mehr notwendig wären. Das reflexhafte Suchen nach Angeboten, das Selbermachen: vom Haareschneiden bis zu Reparaturen oder auch das ständige Bedürfnis, nach außen „ordentlich“ zu wirken. Ich würde niemals in einer Jogginghose raus, weil die Angst, als „assi“ gelesen zu werden, so tief verankert ist. - jedoch nur auf mich selbst bezogen. Diese Prägungen sind keine oberflächlichen Gewohnheiten, sondern Ausdruck einer Lebensrealität, in der jeder Euro und jede Außenwahrnehmung Bedeutung hatte. Das Buch macht deutlich, wie viel Unsichtbares in Armut steckt: die Fähigkeit, sich alles selbst beibringen zu müssen, weil professionelle Hilfe schlicht nicht bezahlbar ist. Die Selbstverständlichkeit, jede zusätzliche Arbeit anzunehmen, egal wie erschöpft man ist, und der Gedanke, sich Urlaub leisten oder überhaupt erlauben zu können, erscheint wie Luxus, der nicht für einen selbst gedacht ist. Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es erklärt nicht nur Armut, sondern macht nachvollziehbar, warum sie weit über das Materielle hinauswirkt und warum ihre Spuren bleiben, selbst wenn sich die äußeren Umstände verändern. Liebe den Schreibstil, liebe die Zitate. Selten so schnell ein Buch durchgehabt. Jetzt wird erstmal jeder von meinem nahen Umfeld von diesem Buch erfahren, shoutout! Overall - must read. You did that miri
10/10 - So viele Sätze, die ich fühlen und in denen ich mich wiedererkennen kann.
"Wenn mein Vater besonderst erschöpft war, saß er noch in seinen Malerklamotten am Esstisch und ermahnt mich: >Du darfst niemals so werden wie ich.<"
"Der Fernseher ist alles für uns: Ablenkung, soziale und politsche Teilhabe, Entertainment, Kulter, Information, Hobby, Familienaktivität, Erziehungsmaßnahme und das Tor zur Welt, das uns so oft verschlossen blieb."
"Dass Armut krank macht, liegt auf der Hand. Ständige Existenzängste, Überarbeitung, chronischer Stress, dauerhafte Anspannung und Alternativlosigkeit schlagen sich auf die Psyche nieder - und auf den Körper."
"Eine gute Psyche für alle schaffen wir nicht mit Achtsamkeitskursen, sondern mit Klassenkampf."
Dinge, die man sonst einfach lebt, stehen plötzlich schwarz auf weiß da. Unfassbar authentisch und nicht von oben herab, sondern ehrlich und nah dran, was bei dem Thema leider selten der Fall ist. Zitate zu lesen, bei denen man merkt das hast du selbst schon gesagt, gaben mir das Gefühl von gesehen werden.
Dieses Buch zeigt sehr deutlich, dass Armut nicht nur Geld betrifft, sondern die ganze Persönlichkeit prägt. Genau das so sichtbar zu machen, ist unglaublich wichtig
eine erzählung von den persönlichen und strukturellen problemen des arm seins, so gut geschrieben dass ich es als wahren "pageturner" beschreiben will, auch wenn sich das irgendwie falsch anfühlt
"Über was für eine Scheiße reden die, reden wir eigentlich? Es kommt mir falsch vor, dass wir über die Rezeption irgendwelcher Bücher debattieren, während es Menschen gibt, die sich keine Bücher leisten können. Und dennoch bin ich mittendrin."
Danke miriam, für Gefühle und gedanken in Worten, die sich wie ein Tagebuch lesen
Das Buch reißt Wunden auf und heilt gleichzeitig. Es ist lustig geschrieben und tut weh. Das funktioniert, weil es ehrlich und authentisch ist und Miriam Davoudvandi kein Blatt vor der Mund nimmt. Habe mich oft wiedererkannt, das hittet close to home. Ich habe es inhaliert und wünschte, ich könnte es nochmal aufs Neue lesen!
Klug witzig und voller interessanter takes geschrieben, danke für den Einblick und danke für das verstehen mancher eigener kleinen Traumata aus meiner Kindheit und das von Menschen in meinem Umkreis