»›Ich habe nichts zu verbergen‹ ist ein Synonym für ›Ich tue, was man von mir verlangt‹ und damit eine Bankrotterklärung an die Idee des selbstbestimmten Individuums.«
Die NSA-Affäre hat viele Internet-Nutzer verunsichert und verwirrt. Wir, die Politikverdrossenen, die »Einfach-so-Egozentriker«, die Selbstquantifizierer, melden uns hektisch von Facebook und Co. ab. Juli Zeh, die einen weltweiten Schriftstellerprotest gegen die Überwachung initiiert hat, sieht das nicht ein. Engagiert verteidigt sie die Freiheit des Wortes und ermutigt uns, sie ebenfalls einzufordern. Sie hinterfragt, warum wir uns ein vorgefertigtes Schema von »Glück« überstülpen lassen, das »gesamtgesellschaftliche Zirkeltraining« klaglos mitmachen und uns so zu einer einheitlichen Masse entwickeln, die ihre Mündigkeit verspielt. Eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation, Juristin und Querdenkerin, bezieht in ihren Essays Stellung zu den umstrittenen und drängenden Themen unserer Zeit.
Her first book was Adler und Engel (in English: Eagles and Angels), which won the 2002 Deutscher Bücherpreis for best debut novel.
Juli Zeh has lived in Leipzig since 1995. Zeh studied human rights law in Passau and Leipzig, passing the Zweites Juristisches Staatsexamen - comparable equivalent to the U.S. bar exam - in 2003. She also has a degree from the Deutsches Literaturinstitut Leipzig.
Vorab: Ich widme meine Rezension meinen 9 Goodreads Freunden
Individualisierung geht Hand in Hand einher mit Selbstoptimierungszwängen und als Resultat dessen machen wir uns freiwillig selbst zu einem vermessenen Objekt was leicht anfällig für Fremdherrschaft wird. In der ständigen Ökonomisierung aller Lebensbereiche muss man aufpassen die Moral nicht zu vergessen. Außerdem sollte man Politiker ganz genau über die Schulter schauen wenn sie Gesetze zum angeblichen Schutz der Bürger erlassen getarnt unter dem Namen Anti Terror, aber dabei klammheimlich unsere Grundrechte einschränken.
Diese und viele weitere Dinge lernt man wenn man Juli Zehs Essays liest. Auch wenn sie teilweise mehr als 10 Jahre alt sind, ist die Aktualität nicht verloren gegangen. Ganz im Gegenteil.
Liest man nur Essay nach Essay, wiederholen sich die Themen natürlich irgendwann, weshalb ich zum Einstieg einen Roman von ihr empfehlen würde.
Juli Zeh zählt zu den einflussreichsten und handwerklich geschicktesten deutschen Schriftstellern ihrer Zeit. Dass sie Recht studiert hat und sich auch ansonsten politisch auszudrücken weiß, konnten Leser ihrer Bücher schon immer wahrnehmen – die Neuauflage ihrer Essay-Sammlung bietet nun jedoch einen genaueren Blick auf die Ansichten der Autorin. Digitale Revolution, Abhöraffären und die Frage, wie politisch die deutsche Bevölkerung noch ist, spielen eine große Rolle in ihren Texten und Reden, die in diesem Buch gesammelt sind.
Meine Bewertung
Dass ich alles von Juli Zeh verschlinge, was auf den Markt kommt, ist nun wirklich keine Neuigkeit mehr. Allerdings hatte ich gerade bei “Nachts sind das Tiere” einige Bedenken, das Buch in die Hand zu nehmen. Was, wenn ihre politischen Ansichten so weit von meinen entfernt sind, dass ich mich in Zukunft nicht mehr von dem Gefühl losreißen kann, sie nicht zu verstehen? Was, wenn ich für die Themen, die sie in dem Buch anspricht, einfach zu uninformiert bin? Was, wenn ich schon nach den ersten Seiten feststelle, dass mir das zu hoch ist?
Alles Unsinn. “Nachts sind das Tiere”, die Sammlung ihrer Reden und Essays der vergangenen Jahre, ist tatsächlich sehr hoch in meiner Achtung geklettert, ebenso wie die Schriftstellerin selbst. Die Themen, die Juli Zeh anspricht, wird jeder Bürger zumindest ansatzweise begreifen können, ihre Formulierungen sind gewählt, aber nicht einschüchternd hochtrabend. Auf eindrucksvolle Art vermittelt Juli Zeh ihre Meinung zu wichtigen Themen wie Datenschutz, Abhöraffären, Politikverdrossenheit oder Streitigkeiten unter Gesellschaftsgruppen. Politik ist ihr ein wichtiges Anliegen, das merkt man sofort, doch sie distanziert sich mit ihrer klaren, präzisen Sprache davon, jemandem ihre Meinung aufzudrücken.
Es gab Texte in diesem Buch, die meinen Nerv getroffen haben. Der Essay zur Bologna-Debatte, zu dem deutschen Universitätssystem, das eine Wandlung erfahren hat, hat mich immer wieder nicken lassen. Leistungsdruck statt Identitätsfindung lautet das Stichwort, und auch um die Identität dreht es sich in vielen weiteren Texten. Wie weit darf der Staat gehen, um Sicherheit zu gewährleisten? #Neuland hat Gelächter hervorgerufen, Zeh beleuchtet in einem ihrer Essays, wieso uns das Lachen bei dieser Art von Politikführung eigentlich im Hals stecken bleiben sollte. Natürlich war ich nicht immer ihrer Meinung, aber ihre gedanklichen Ansätze geben Anlass zum Grübeln und Diskutieren.
“Nachts sind das Tiere” passt meiner Meinung nach hervorragend in den Politik-Unterricht, sei das in der Schule oder dem selbstauferlegten Informationskonsum der Erwachsenen. Stoff zum Nachdenken und Reagieren, Stoff zum Diskutieren und Handeln – genau das hat Juli Zeh hier geliefert. Und sollte damit eigentlich eine öffentliche Debatte lostreten. Meiner Meinung nach verdient dieses Buch viel mehr Beachtung, ihre Essays eine größere Reichweite, ihre Vorstellungen von der Zukunft, von dem Möglichkeitenmonstrum, das damit einhergeht, müssten in aller Munde sein. Und “Nachts sind das Tiere” in jeder Handtasche und auf jedem Nachttisch. Denn Politik geht uns alle an.
Gelesen Ende 2022 (also 'während oder nach' der Corona-Zeit).
Ich fand mit dieser zeitlichen Distanz einige Essays interessant und 'zeitlos', bspw. die Mail vom Netz aus dem Jahre 2050 an alle in Deutschland im Jahre 2008.
Viele andere Essays - bspw. die wiederholenden 'Mäkeleien' an Frau Bundeskanzlerin Merkel - konnte ich nicht so richtig einordnen (aber ich bin ja auch nicht wahlberechtigt in Deutschland).
Jedenfalls, basierend auf diesen Essays, würde ich mir eine Bundeskanzler-Kandidatur von 'Juli Zeh' ganz spassig vorstellen: Zurückhaltend beim Gendern, agnostisch bezüglich Wessis und Ossis, offen bezüglich China und Moslems, versiert bezüglich dem Balkan, Erfahren im Leben in der Stadt und auf dem Lande und auch engagiert bezüglich Implikationen der Digitalisierung.
Insgesamt eine sehr überzeugende Sammlung von Essays zu verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Themen. Juli Zeh schreibt präzise und intelligent, dabei aber durch ihre Metaphorik witzig. Dabei vertritt sie nachdrücklich wichtige Grundsätze wie die Freiheitsrechte der Bürger, auch im Zeitalter des Internets, und zeigt Schwächen der Gesellschaft heute auf. Mein einziger Kritikpunkt zu diesem Band ist, dass die Zusammenstellung der Aufsätze, wenn man sie am Stück liest, auf Dauer etwas redundant ist, da manche Themen in mehreren Essays behandelt und dabei letztlich die gleichen Beobachtungen angestellt werden.
Ich kann mir vorstellen, dass es müsig für viele Menschen ist, sich mit Themen wie Datenschutz, Grundgesetz, Menschenrechte & Freiheit auseinanderzusetzen. Juli Zehs erfrischende Art zu Schreiben macht diese Themen allerdings, selbst für den absoluten Laien, verständlich und verdeutlicht wie wichtig es eben doch ist, dass sich jeder einzelne Bürger mit solchen Themen befasst.
Die Essays in diesem Buch stammen aus den Jahren 2005 - 2014 und sind chronologisch angeordnet. Sie spiegeln schön wider, welche Themen in den jeweiligen Jahren relevant für die Deutsche Gesellschaft waren. Weiterhin altern die Essays sehr gut, da Juli Zeh als Verfassungsrichterin wichtige Punkte anspricht, die, losgelöst vom Zeitpunkt der Veröffentlichung, allgemeine Gültigkeit haben sollten.
Allerdings erschrickt man sich zeitweise beim Lesen, wenn einem auffällt, wie viel wir in Deutschland schon diskutiert und wie wenig wir richtig (zum Schutze des Bürgers) umgesetzt haben. Besonders beim Datenschutz, bzw. dem Umgang mit dem Internet sowie auch die Freiheitsbeschränkungen nach dem 11. September, fragt man sich heute, wie anders die Welt geworden wäre, wenn wir damals jemandem wie Juli Zeh besser zugehört hätten.