Tja meine Beurteilung ist sehr streng, fast schon strenger, als es diese Sammlung von Fragmenten, Erzählungen und Kurzgeschichten verdient hat, aber ich bin halt eine Roman-Fantatikerin, die manisch plotorientiert ist und kann mit so etwas meist nicht so viel anfangen. Als alleiniges Werk taugt so etwas für mich nicht, da auch nicht alle Geschichten thematisch oder vom Ort her oder sonst irgendwie alle etwas gemeinsam haben. Deshalb habe ich es auch so bewertet.
Für eines taugt so ein Werk aber dann dennoch meistens. Als Unterfutter und Hintergrundinfo für die großen Romane und um das Gesamt-Oeuvre eines Autors zu beleuchten. Hier werden vor allem die kleine gallizische Stadt an der russischen Grenze und das kleine gallizische Dorf, die im Radetzkymarsch und in der Kapuzinergruft vorkommen, genau beschrieben und beleuchtet.
Ein Blick in Roths Biografie, den ich dann auch öfter hineinwerfe, wenn ich mich doch derart intensiv mit vielen Werken dies Autors beschäftige, fördert dann noch einen ganz anderen spannenden biografischen Aspekt zu Tage. Joseph Roth hat bei seiner Herkunft sehr oft geflunkert und das so nachhaltig und gut, dass auch historisch einiges nicht ganz klar ist. Er bezeichnete sich als bettelarm, was nicht der Wahrheit entsprach, denn die Mutter führte ein zwar bescheidenes, aber bürgerliches Leben mit Angestellten. Er behauptete manchmal, aus der gallizischen Stadt Brody zu stammen, in der er nachweislich gelebt hat, aber auch manchmal, aus einem kleinen unbekannten und untergegangenen gallzischen Dorf zu kommen. Beide Locations hat er hier in Erdbeeren sehr genau beschrieben, mitsamt den Einwohnern.
Roths Vertuschung der Herkunft ging sogar so weit, dass nicht mal ganz eindeutig geklärt ist, ob er aus einer chassidisch jüdischen oder sächsisch katholischen Familie stammt, da der Vater erstens ein bisschen verrückt, dann irgendwie verschollen war und totgeschwiegen wurde. Als Konsequenz gab es bei Roths Begräbnis in Paris sogar sehr unangenehme Auftritte, da sowohl die jüdische als auch die katholische Gemeinde den Leichnam und das Begräbnis an sich reißen wollten. Angeblich kam es bei der Beedigung sogar zur offenen Eskalation. Das hätte ihm gefallen, dem alten versoffenen Münchhausen. 😂
Auf jeden Fall beleuchtet Erdbeeren die zwei potenziellen Heimatorte, die beide real sein, von denen aber das gallizische katholisch sächsische Dorf auch frei erfunden sein könnte.