Thekla schwimmt in offenen Gewässern, auch bei eisigen Temperaturen. Sie versteht es als ganzkörperlichen Erkenntnisprozess und versucht in der winterlichen Landschaft sich selbst und dem Verhältnis von Leib und Seele, Natur und Geist auf den Grund zu gehen. Während sie in das atemberaubend klare Wasser eintaucht und mit der Gewalt der Kälte umgeht, findet sie zu einem Gefühl von Freiheit und Autonomie. Dann begegnet sie einem entlaufenen Tiger.
Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, studierte Germanistik und Slawistik und lebt heute in Berlin. Für ihre Prosa und Lyrik wurde sie vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Peter-Huchel- Preis und den Ernst-Meister-Preis für Lyrik; ihr Roman Die Sonnenposition stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gewann den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2013.
Im Sommer starten und dann weiterschwimmen über den Herbst in den Winter hinein. So startet Tekla mit dem Schwimmen im eiskalten Winterwasser. Sie entwickelt eine Vorliebe für das kalte Bad in der freien Natur. Jede Minute saugt sie in sich auf, versucht alles aufzunehmen. Von dem Tiger im Gebüsch vermag sie kaum einzuschätzen, ob er ein Traum ist oder wahr. Und doch scheint da eine Verbindung zu sein. Es entsteht eine Flut von Gedanken.
Im Winter kann Eisbaden eine erstrebenswerte Beschäftigung sein, der Gesundheit zuträglich und ein Erlebnis, das mehr bedeutet als die bloße Bewegung. Die Person Tekla bleibt hinter der Beschäftigung des Schwimmens ein wenig versteckt. Und doch fasziniert sie. Wie sie sich dem Schwimmen in der Kälte annähernd. Erst bei fünf Grad kaltem Wasser zählt es. Man fühlt es aber vielleicht schon früher. Menschen, die keine Erfahrung damit haben, finden möglicherweise auch Temperaturen von unter zwanzig Grad als recht kühl. Was für eine Erfahrung wird es sein, sich in kältere Gefilde vorzutasten. Neugierde.
Das Hörbuch wird beeindruckend interpretiert von Marit Beyer. Sie trifft den richtigen Ton, so wie er in dem kleinen Büchlein angeschlagen wird. Teils in Reimen, teils in fortlaufendem Text fließen die Worte. Die unterschiedlichen Formen beschäftigen, vielleicht gerade weil man sie nicht zur ganze entschlüsseln kann. Klar versteht man die Worte, aber nicht immer das Warum. Dennoch zieht einen der Text an. Die Worte haken sich fest und beschäftigen. Ein ungewöhnliche Kombination von Sätzen, Reimen und Erklärungen, die zwar erklären, aber auch wie kleine Stolpersteine wirken. Zwar vermisst man ein wenig die Interpretation, doch so muss und darf man selber ran und behält die eisbadende Tekla länger im Herzen als es unter anderen Umständen der Fall wäre.
Marion Poschmann hat mit "Die Winterschwimmerin" ein Werk geschaffen, das mich vom ersten Vers an in seinen Bann gezogen hat. Diese "Verslegende" ist weit mehr als nur ein Buch – es ist eine poetische Expedition in die Tiefen menschlicher Erfahrung und Naturverbundenheit.
Thekla, die Winterschwimmerin, ist eine Figur von außergewöhnlicher Strahlkraft. Ihr Mut, bei eisigen Temperaturen in offenen Gewässern zu schwimmen, ist nicht nur körperliche Herausforderung, sondern ein Erkenntnisprozess. Poschmann gelingt es meisterhaft, durch Theklas Erfahrungen die fundamentalen Fragen nach dem Verhältnis von Leib und Seele, Natur und Geist zu ergründen.
Was dieses Buch so außergewöhnlich macht, ist Poschmanns virtuose Sprachbeherrschung. Die Autorin schafft es, die Erfahrungen der Hauptfigur in einen klaren, poetischen Rahmen zu gießen. Ihre Verse sind von einer Klarheit und Intensität, die einen beim Lesen förmlich frösteln lässt – und gleichzeitig innerlich erwärmt.
Das Erscheinen des Tigers ist ein Moment, der das Buch von einer meditativen Naturbetrachtung in eine unerhörte Begebenheit" verwandelt. Dieser Tiger, der "sich gegen das Gitter gelehnt/und das Gitter gab nach", wird zur perfekten Metapher für Befreiung und die Überwindung innerer Grenzen.
Poschmanns Entscheidung, die mittelalterliche Form des "Leichs" – des virtuos gereimten Meistergedichts – für die Gegenwart zu adaptieren, ist ein gewagter und brillanter Schachzug. Diese Mischung aus zeitgenössischer Milieustudie und wundersamer Legende erschafft etwas völlig Neues in der deutschen Literaturlandschaft.
"Die Winterschwimmerin" ist ein Buch, das man "gleich wieder von vorn beginnen" möchte, kaum hat man es ausgelesen. Es ist Poesie und Prosa zugleich, Naturlyrik und philosophische Reflexion, Realismus und Märchen. Diese Vielschichtigkeit macht es zu einem Werk, das bei jeder Lektüre neue Facetten offenbart.
Marion Poschmann beweist einmal mehr, warum sie zu den bedeutendsten Stimmen der deutschen Literatur gehört. "Die Winterschwimmerin" ist nicht nur ein Buch über das Schwimmen in kaltem Wasser – es ist eine Meditation über Freiheit, Selbstüberwindung und die heilende Kraft der Natur. Ein absolutes Muss für alle, die literarische Kunst in ihrer reinsten Form erleben möchten.
Ice swimming is certainly one of the more unusual sports out there. The hard-nosed plunge themselves into ice-cold waters to swim their laps. If you look around the internet, you might get the impression that this hobby is practiced almost exclusively by very masculine men with more or less crude world views - but the reality is quite different: Ice bathing is practiced by old and young, male and female. But why do people who don't want to perform some archaic stereotype of male toughness also swim in the icy water? What drives them? What are they looking for and how do they experience the extreme?
The Berlin-based poet Marion Poschmann explores these questions in her new volume “Die Winterschwimmerin” (The swimmer in winter). She writes about Thekla, a passionate ice swimmer. When it gets cold outside, she goes swimming in lakes or in the sea. She doesn't swim for fitness or medals - she swims for the experience. In the ice-cold water, she listens to herself and experiences nature around her more intensely. She seeks the metaphorical inner tiger that her friend Paula conjures up in Tibetan meditations: self-consciousness, strength, a closer connection to nature. But the metaphor becomes reality when a tiger actually escapes from Dassow Zoo and makes itself comfortable on Thekla's discarded clothes in the reeds. The meeting of the two is therefore pre-programmed...
Die Winterschwimmerin is not a classic volume of poetry, but a coherent plot told in several interconnected long poems. Headings structure the whole, separating different types of verse from one another. The meter and rhyme scheme change and those interested will discover many formally exciting things here. However, I can reassure anyone who is immediately overwhelmed by terrible memories of German lessons school when they hear the words meter and rhyme scheme. The book is also a lot of fun if you let the pentameter be a pentameter and just read along. Marion Poschmann does give her texts a strict form, but this serves above all to allow the language in the respective form to unfold to its full potential. Poschmann reduces and condenses, she puts words and sentences together with great precision and thus creates wonderful texts with an incredible flow. At some point I read everything aloud because the rhythm and melody of the texts are a pure joy. The wide linguistic range also brings unusual terms to light, but they fit naturally into the overall structure. It may sound strange for a book of poetry, but Die Winterschwimmerin is a real page turner - once you get into it, you don't want to stop reading.
Die Winterschwimmerin is a book about escapes. From real and metaphorical prisons. The tiger escapes its cage, Thekla breaks out of her normal life, the routine and the daily grind. She overcomes the apparent limits of her own body and finds the intense experience she is looking for in the icy water. Poschmann describes Thekla's experiences in a visionary and colorful way, juxtaposing the banality of the lake in the park or the lonely beach in winter with the dissolution of boundaries within her, the real and spiritual experience in the icy water. Poschmann brings 19th century nature poetry into the present and creates a counterpart that never seems old-fashioned, but is fresh and fascinating. If you are already dreading the heat of coming summer, this volume is highly recommended. Not only will you find something to cool you down, but also a wonderful piece of poetry that you won't want to put down - at least until the next ice bathing season begins.
Poetische Beschreibungen und ein bedachtes Zusammenspiel von Worten. Leider konnte mich nicht vollunfänglich in die Geschichte einfühlen. Vielleicht wäre es für mich besser gewesen, es zu lesen anstatt zu hören, obwohl es von Marit Beyer sehr angenehm und stimmig vorgelesen wird.
Für mich war es eine ungewohnte Erfahrung, ein lyrisches Werk als Hörbuch zu konsumieren, allerdings hatte ich das Gefühl, mich trotzdem gut darauf einlassen zu können, was unter anderem an der tollen Stimme der Sprecherin lag. Thematisch und sprachlich hat mich das Hörbuch zwar unterhalten, ich habe mich aber leider nicht vollständig abgeholt gefühlt, wie ich es erhofft hatte. (Ich bedanke mich trotzdem bei NetGalley für das Bereitstellen des Hörbuchs!)