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Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury 1877-1943

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253 pages, Paperback

First published January 1, 1992

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Marianne Brentzel

12 books1 follower

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1 star
4 (18%)
Displaying 1 - 3 of 3 reviews
511 reviews16 followers
September 4, 2022
Wichtiges Ansinnen, schlechte Umsetzung

Nesthäkchen-Bücher hatte schon meine Oma, Jahrgang 1918, gehabt, die ältesten davon heute in meinem Regal sind noch in Fraktur gedruckt, die ich mit ihnen zu lesen lernte. Dann bekam meine Mutter, Jahrgang 1945, weitere, später ich, Jahrgang 1971. Dazwischen gab es Verfilmungen.

Irgendwann nach dem Umzug wollte ich aufräumen, die Bücher noch einmal durchlesen, als Abschluss, dabei lernte ich, dass sich eine Lücke erklärte durch das Fehlen von “Nesthäkchen und der Weltkrieg”. Und ab hier wird es tragisch, denn ein Buch über den Ersten Weltkrieg wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den alliierten Kontrollbehörden als zu kriegsverherrlichend eingestuft und daher auf den Index gestellt, obwohl Else Ury und mehrere Familienmitglieder als Juden im KZ ermordet worden waren. Besonders letzteres war mir vorher völlig unbekennt gewesen – bei der Recherche nach “Nesthäkchen und der Weltkrieg” entdeckte ich das Buch mit dem mich schockierenden Titel “Nesthäkchen kommt ins KZ”, nicht von Ury, sondern von Marianne Brentzel, das ich her gelesen habe.

Die Nesthäkchen-Reihe kann man inzwischen lesen über https://www.projekt-gutenberg.org/aut...

Ich weiß mittlerweile, dass es noch weitere Biographien, auch anderer Autoren, zu Else Ury gibt – wenn ich hierzu gefundene Rezensionen korrekt deute, ist man einander wohl nicht unbedingt grün (“Die Welt war so heil. Die Familie der Else Ury. Chronik eines jüdischen Schicksals” von Angelika Grunenberg oder “Wiedersehen mit Nesthäkchen: Else Ury aus heutiger Sicht” von Barbara Asper habe ich gefunden).

Autorin Brentzel nennt “Nesthäkchen komt ins KZ” eine Annäherung an Else Ury – gut, denn eine Biographie ist das Buch nicht, sondern eine meiner Meinung nach nicht hilfreiche Mischung aus biographischer Fiktion und Sachbuch.

Da begleitet die Autorin fiktiv-biographisch die Autorin auf verschiedenen Stationen, schreibt ihr fiktives Tagebuch oder führt fiktive Interviews mit ihr, inklusiver der für mich völlig unnötigen Szene, wie die 65jährige Ury auf dem Weg zur Deportations-Sammelstelle hinter Büschen in den Schnee uriniert (S. 14). Der Sinn der Fiktion scheint zu sein, dass der Brentzel nach eigener Auskunft zu wenig gesicherte Quellen vorliegen über das Leben der Jugendbuch-Autorin vorliegen, sie daher versucht habe, den jeweiligen Zeitgeist einzufangen von Kaiserreich über Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus. Ich habe wohlgemerkt kein generelles Problem mit biographischer Fiktion, jedoch mit dieser Vermischung, bei der Tür und Tor geöffnet sind dafür, den Leser im Unklaren zu lassen, um was es sich gerade handelt.

Es scheint, als würde die überarbeitete Version “Mir kann doch nichts geschehen...: Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury” von der gleichen Autorin dieses Problem beheben – ich selbst habe es jedoch nicht gelesen und muss mich daher auf andere verlassen.

Wenn es man es schafft, um diese problematischen Bereiche herum zu navigieren, bleibt eine Einordnung der Autorin als Schreiberin von Mädchenbüchern, besonders Backfischromanen als damals bis heute meist verachteter Gattung – leider wird nicht auf diese für mich misogyn wirkende Einstellung eingegangen, die ihr “erwachsenes” Abbild in der Ablehnung von “Frauenliteratur” findet (gibt es “Männerbücher”?). Die Autorin “[...] befriedigte ein Bedürfnis nach Identifikation mit dem bürgerlichen Milieu. Auch die erwachsenen Frauen des Mittelstandes lasen gern die humorvollen Geschichten der Ury...” S. 10. Dabei standen die bürgerlichen Tugenden als Ziel für die Heldinnen und Helden, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Pflichterfüllung, Gehorsam, Ehrlichkeit und Fleiß.

Damit stand Ury nicht allein, ihre konservativ-nationale Einstellung war typisch, besonders für das Bürgertum während und nach der Kaiserzeit, das mit den Wirrungen der Weimarer Republik oft eher überfordert war. Das Buch macht das deutlich, ebenso wie die Tatsache, dass hier das jüdische Bürgertum, dem Ury entstammte, keine Ausnahme bedeutete.

Während einiges am Nachspüren für mich nachvollziehbar ist im Buch, so zweifele ich anderes nachdrücklich an:

Brentzel nennt Ury “Jüdin wider Willen und Bewusstsein” S. 26, warum denn bitte? Der eine Großvater war Synagogenvorsteher, das wird nicht ohne Bewusstsein für die Familie geblieben sein, und warum sollte das widerwillig erfolgen? Was für einen Blödsinn fantasiert die fiktionalisierte fünfjährige Else über den ersten Synagogenbesuch : “Die Synagoge entsprach ganz und gar nicht ihrer Vorstellung von prachtvollen Kirchen.” S. 38 – was soll das mit den Kirchen? Marianne Brentzel vermischt Handlung in den Büchern mit dem Leben der Else Ury – ohne Belege empfinde ich das als schwierig. Dazu kommt ein etwas seltsamer Part, der quasi eine inzestuöse Neigung zum älteren Bruder Hans andeutet – und, ja, beide unverheirateten Geschwister blieben im Elternhaus wohnen, fuhren gemeinsam in den Italienurlaub. Dafür widerspricht sich die Verfasserin der “Annährung” selbst, als sie einerseits Urys Ehelosigkeit als besonders darstellt, gegen Ende aber aufweist, wie viele Frauen deportiert worden, weil gerade sie oft ehelos blieben und die Eltern pflegten.

Gegen Ende wird der Band noch eindringlich und bedrückend in der Gegenüberstellung der Gesetze zur Entrechtung der Juden mit den jeweiligen Briefen dazu, die in der Familie verfasst wurden oder von Amts wegen kamen. Schwer zu ertragen, gerade, nachdem man sich als Leser vorher eingefunden hatte im Leben der Urys.



Für das Ansinnen, die Realität einer der bis heute bekanntesten Kinderbuchautorinnen Deutschlands ans Licht zu bringen, bin ich dem Buch dankbar. Die Umsetzung empfinde ich als schwer ungenügend.

Gedanken: warum nur ist Else Urys Schicksal so wenig bekannt?
23 reviews
May 21, 2020
Unfassbar schlecht!
Dieses Buch ist keine wissenschaftliche Biografie! Die Autorin hat eine Mischung aus Roman und Fanfiction geschrieben, gewürzt mit wenigen Daten und Fakten.
Über Else Ury ist nur wenig bekannt. Sie schrieb die Backfischromane der Reihe „Nesthäkchen“ und wurde in den 40er-Jahren in Auschwitz ermordet. Marianne Brentzel war das scheinbar zu wenig. Sie führt fiktive Interviews mit Ury, sie dichtet ihr ein inzestuöses Verhältnis mit dem Bruder an und ihr gelingt es nicht, Ury von ihrem Werk zu trennen. Es gibt keine Verweise auf Fachliteratur oder Quellen. Wissenschaftlich unredlich! Ein Stern!
Profile Image for Bianca.
183 reviews
February 10, 2020
Dieses Buch ist eine Pflichtlektüre für alle, die Nesthäkchen oder andere beliebte Bücher von Else Ury gelesen haben und die wenig oder vielleicht gar nichts über das Schicksal dieser tollen Autorin wissen. Die beliebte und bereits damals sehr bekannte Schriftstellerin Else Ury, deren Bücher auch noch lang nach ihrem tragischen Tod durch die Nazis in Auschwitz gerne gelesen wurden und werden, ist dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. Sie und ihre Familie wurden schikaniert, ihres gesamten Vermögens beraubt oder zur Emigration gezwungen. Else Ury fand schließlich ihren Tod in den Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz, wohin sie mit tausenden anderen Jüdinnen und Juden "evakuiert" wurde, während alle ihre damaligen "Fans" weggeschaut und "von nichts gewusst" haben.
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