Es ist schon ein bisschen her, dass ein Buch so starke Emotionen bei mir hervorgerufen hat wie dieses. Mehrmals musste ich es auf Seite legen, weil mein Herz so raste und ich so in den Figuren war, dass ich eine Pause brauchte.
Wir beginnen da, wo das Buch im Endeeffekt auch endet, auf einer Bergwanderung. Zwei Frauen steigen hinauf nur eine überlebt. Was genau ist passiert?
Paulína reist aus der Slowakei nach Österreich um sich dort als Pflegekraft um Irene zu kümmern, die nach einem Schlaganfall Unterstützung braucht. Diese wohnt bei ihrer Tochter Klara in einem komfortablen Haus mit eigener Wohnung, einem schönen Garten und dem sorglosen Schwiegersohn Jakob, sowie der zehnjährigen Enkelin Ada, die Irene quasi großgezogen hat. Hier wird Paulína alle zwei Wochen arbeiten und wohnen.
Klara kann sich nicht wirklich um ihre Mutter kümmern, so sehr nimmt ihr Job sie ein. Und außerdem ist sie irgendwie auch nicht der Typ für Familie, zumindest wenn man ein bisschen an der Fassade kratzt. Jakob hat es als Fotograf beruflich zu nichts gebracht, hat sich halbherzig um das aufwachsen der Tochter gekümmert und ist ansonsten mit sich selbst und seinen Bedürfnissen beschäftigt. Ada findet eh gerade alles doof, was nicht mit ihr zu tun hat und Irene hängt irgendwo in der Vergangenheit fest. Paulína mutiert nach und nach zum guten Geist des Hauses, der alles zusammenhält und versorgt. Sie kocht Essen für alle, kümmert sich um den spontan angeschafften Hund, macht das Catering für eine Party und tätigt die Wocheneinkäufe für die ganze Familie.
Sie hat zwei heranwachsende Söhne zu Hause bei der Schwiegermutter zurückgelassen. Die Situation dort ist alles andere als beruhigend. Der ältere Sohn entfremdet sich ihr, der jüngere klammert. Doch Paulina möchte sich befreien aus finanziellen Nöten und unabhängig werden, sich und ihren Kindern was bieten können, und da kommen ihr die zusätzlichen Scheine, die die Familie für die Gefälligkeiten, rüber schiebt, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, ganz recht. Die die Grenzen ihres Jobs verschwimmen, immer mehr. Man wartet förmlich darauf, dass die Situation kippt.
In diesem dünnen Buch, das noch nicht mal 200 Seiten fasst steckt so viel an Thematik, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Paulína wird schnell bewusst, dass ihre Arbeitgeber ein Leben leben, das mit ihrem gar nichts gemeint hat. Sie sehnt sich gleichzeitig in die selbe Situation, wird aber auch von ihr abgestoßen, wenn sie merkt, wie wenig Substanz die in ihren Augen hat. Klassistisch gesehen befinden sich Karla und Paulína weit auseinander, doch feministisch unterscheiden Sie sich nur oberflächlich. Obwohl sich beide vom Punkt der Ihnen zugewiesenen Rolle weg bewegen, kommen Sie nicht voran. Zwischen jeder Zeile schwingt aber auch die Überforderung einer Gesellschaft mit, die gar nicht genau sagen kann, woher der Bedarf nach Hilfe herkommt. Ist es der durch Kapitalismus geprägte Standard, den man halten möchte, die egoistische Version von Mental Health, die man sich gönnt, Bilder, die man erfüllen möchte, Freiheit, die man sich nimmt? Ich war oft so sauer auf das Verhalten der österreichischen Familie die wie selbstverständlich Gefallen einfordert und das mit White Guilt Behavior kompensieren möchte. Die gut gemeinten Angebote ablehnen? – für Paulína unmöglich und von einer Angst gespeist, morgen ihren Job zu verlieren. Ein Teufelskreis, wie man sich vorstellen kann.
Auf der anderen Seite sehen wir sie als Mutter zweier Teenager, die ihre Kinder zurücklassen muss, mit einem schlechten Gewissen, um anderen zu helfen. Die dort den Hund Gassi führt, den ihr Sohn eigentlich gerne hätte, nicht zu ihren Kindern eilen kann, wenn sie sie brauchen. So jagt sie hoffnungslos einem Lebensstandard hinterher, den sie niemals erreichen wird und erhält dafür Entfremdung.
Mich hat diese vorhersehbare aber unausweichliche Situation von Paulína sehr betroffen gemacht. Sie ist so alltäglich in unserer Gesellschaft anzutreffen, findet aber meist im Verborgenen statt. Die ganzen Frauen, die aus Gefälligkeit immer und immer mehr Aufgaben übernehmen, um nicht als undankbar, wenig belastbar oder unqualifiziert zu gelten. Auch hier hat die Autorin die beiden Frauen gespiegelt. Beide rennen im Hamsterrad der Karriere. Es scheint sie zu entspannen, aber sie werden immer unzufriedener.
Der ach, so fürsorgliche Ehemann Jakob hat mir am meisten zugesetzt. Dass seine Versuche gescheitert sind, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen, kann er nur dadurch kompensieren, dass alle Frauen um ihn herum das auffangen. Er nimmt das aber nicht mehr zur Kenntnis, sondern für selbstverständlich und legt ein ICH-zentrierthes Verhalten an den Tag, dass als Fürsorge verkleidet ist. Ich musste innerlich manchmal schreien vor Wut. Sowas macht mich fertig.😓
Die Wandlung von Paulína war für mich sehr nachvollziehbar. Der Druck, dem sie ausgesetzt ist, sucht sich Ventile. Das war hervorragend dargestellt.
Über dem ganzen Text schwebt ein ungutes Gefühl. Und natürlich stellen wir uns die ganze Zeit die Frage: Hat Paulina eine Schuld daran, dass Karla zu Tode kam?
Ja oder nein – das müsst ihr selber lesen
Ein unglaublich dichtgeschriebenes Werk, welches einen Sog entwickelt und den Blutdruck hoch treibt. Emotional und bedrückend realistisch. Sehr großes Lese-Kino und ein Highlight für mich.