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Halbe Leben

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Ein sensibler, literarischer Roman über die Zerrissenheit der Frauen zwischen Beruf und Familie – Susanne Gregor »beleuchtet psychologisch scharfsichtig Fremdheit und Entfremdung«. (Katja Gasser, ORF)

Klara ist tot, beim Wandern abgestürzt. Bei ihr war nur Paulína, eine Slowakin, die Klara nach dem Schlaganfall ihrer Mutter eingestellt hat. Endlich war die Mutter versorgt gewesen. Klara konnte sich wieder ihrer Karriere widmen, ihr Mann seine Freiheit genießen. Paulínas eigene Kinder wurden in der Zwischenzeit in der Slowakei von der Schwiegermutter betreut. Alles wunderbar organisiert, alles ganz einfach. Alle mochten Paulína, dankten ihr mit großzügigen Geschenken für Dienste und Extradienste. War man nicht eigentlich sogar schon befreundet?
In einer klaren, unprätentiösen Sprache widmet sich Susanne Gregor den großen Themen, die uns alle betreffen, und erzählt von der Ungleichheit – zwischen zwei Frauen, zwischen zwei Leben.

193 pages, Kindle Edition

First published January 28, 2025

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Susanne Gregor

7 books2 followers

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8 (2%)
1 star
3 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 60 reviews
Profile Image for LeserinLu.
333 reviews39 followers
February 8, 2025
Manchmal braucht es keine epischen Romane, um eine Geschichte zu großen Fragen zu erzählen – „Halbe Leben“ ist der beste Beweis dafür. Auf wenigen Seiten entfaltet Susanne Gregor eine spannende Geschichte über Ungleichheit, Nähe und Abhängigkeit, die mich von Anfang bis Ende in ihren Bann gezogen hat.

Auf der ersten Seite des Romans erfährt man vom plötzlichen Tod von Familienmutter Klara, die im Beisein von Paulína, einer slowakischen Pflegekraft, die Klaras Familie unterstützt, einen tödlichen Unfall hat - oder war das kein Unfall? Auf den folgenden Seiten des Romans erfährt man mehr Verhältnis zwischen Klara und Paulína. War Paulína nur eine Angestellte? Oder schon eine Freundin? Und wie freiwillig sind Freundschaften, wenn ein Machtgefälle zwischen zwei Menschen besteht?

Gregor schreibt in einer präzisen, eindringlichen Sprache, die mir sehr gut gefallen und mich in ihren Bann gezogen hat. Die feinen sozialen Dynamiken zwischen Paulína und Klaras Familie sind scharf beobachtet und regen zum Nachdenken über die Verteilung von Care Arbeit und Pflege an und vor allem hat mir gefallen, dass keine einfachen Antworten gegeben werden. Vor allem die Frauenfiguren sind komplex und widersprüchlich, einzig der Familienvater wirkt manchmal vielleicht etwas überzeichnet.

Ein intensiver, kluger Roman über soziale Ungleichheit, Abhängigkeiten und das, was zwischen Menschen unausgesprochen bleibt!
Profile Image for auserlesenes.
365 reviews17 followers
March 2, 2025
Klara Steiner (37) ist als Architektin erfolgreich. Sie lebt mit ihrem Mann Jakob, einem Fotografen, und der zehnjährigen Tochter Ada in einem schönen Haus im Kremstal (Österreich). Als ihre Mutter Irene, eine ehemalige Lehrerin, nach einem Schlaganfall unerwartet früh zum Pflegefall wird, muss sich Klara eingestehen, dass die Familie Hilfe benötigt. Über eine Agentur kommt Paulína (38) aus der Slowakei als Pflegekraft ins Haus. Zunächst scheint es, für alle Beteiligten die perfekte Lösung zu sein…

„Halbe Leben“ ist ein Roman von Susanne Gregor.

Untergliedert in drei Teile, wird im Präsens erzählt. Der Schluss der Geschichte ist an den Anfang gestellt. Davon abgesehen, wird in chronologischer Reihenfolge mit einigen Rückblenden erzählt.

Die Sprache ist atmosphärisch, eindringlich und einfühlsam, aber zugleich ungekünstelt. Der Schreibstil ist unaufgeregt und gleichzeitig einnehmend.

Drei Frauen stehen im Vordergrund der Geschichte. Vor allem die Protagonistinnen Klara und Paulína stechen hervor. Ihre Charaktere verfügen über viel psychologische Tiefe und wirken lebensnah. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr gut deutlich, man kommt ihnen sehr nahe. Keine der beiden ist frei von Fehlern. Auch Irene bleibt nicht eindimensional. Sie sowie die übrigen Figuren werden ebenfalls authentisch dargestellt.

Was bedeutet es, für die häusliche Pflege auf jemand anderen angewiesen zu sein? Was macht die anspruchsvolle, anstrengende Arbeit im Ausland mit den Pflegekräften und ihren Familien? Diese beiden Fragen leuchtet die Geschichte eindrucksvoll aus. Sicherlich: Die Geschehnisse im Roman sind zugespitzt. Dennoch legt die Geschichte einen Finger in die Wunde, macht die Missstände im Pflegesystem deutlich und richtet den Fokus auf ein wichtiges gesellschaftsrelevantes Thema. Sie rüttelt auf, stimmt nachdenklich.

Dass der Roman weitere Themen wie familiäre Beziehungen und die Vereinbarkeit von Job und Familie beinhaltet, macht ihn vielschichtig. Auf den nur rund 190 Seiten ist der Text dennoch nicht inhaltlich überladen.

Der Titel des Romans passt sehr gut zur Geschichte. Auch das künstlerisch anmutende Cover mit den unscharfen Frauenfiguren ist stimmig.

Mein Fazit:
Mit „Halbe Leben“ hat mich Susanne Gregor in mehrfacher Hinsicht überzeugt. Eines der besten Bücher des Frühjahrs 2025. Sehr empfehlenswert.
Profile Image for Dunja Brala.
610 reviews47 followers
January 27, 2025
Es ist schon ein bisschen her, dass ein Buch so starke Emotionen bei mir hervorgerufen hat wie dieses. Mehrmals musste ich es auf Seite legen, weil mein Herz so raste und ich so in den Figuren war, dass ich eine Pause brauchte.

Wir beginnen da, wo das Buch im Endeeffekt auch endet, auf einer Bergwanderung. Zwei Frauen steigen hinauf nur eine überlebt. Was genau ist passiert?

Paulína reist aus der Slowakei nach Österreich um sich dort als Pflegekraft um Irene zu kümmern, die nach einem Schlaganfall Unterstützung braucht. Diese wohnt bei ihrer Tochter Klara in einem komfortablen Haus mit eigener Wohnung, einem schönen Garten und dem sorglosen Schwiegersohn Jakob, sowie der zehnjährigen Enkelin Ada, die Irene quasi großgezogen hat. Hier wird Paulína alle zwei Wochen arbeiten und wohnen.
Klara kann sich nicht wirklich um ihre Mutter kümmern, so sehr nimmt ihr Job sie ein. Und außerdem ist sie irgendwie auch nicht der Typ für Familie, zumindest wenn man ein bisschen an der Fassade kratzt. Jakob hat es als Fotograf beruflich zu nichts gebracht, hat sich halbherzig um das aufwachsen der Tochter gekümmert und ist ansonsten mit sich selbst und seinen Bedürfnissen beschäftigt. Ada findet eh gerade alles doof, was nicht mit ihr zu tun hat und Irene hängt irgendwo in der Vergangenheit fest. Paulína mutiert nach und nach zum guten Geist des Hauses, der alles zusammenhält und versorgt. Sie kocht Essen für alle, kümmert sich um den spontan angeschafften Hund, macht das Catering für eine Party und tätigt die Wocheneinkäufe für die ganze Familie.
Sie hat zwei heranwachsende Söhne zu Hause bei der Schwiegermutter zurückgelassen. Die Situation dort ist alles andere als beruhigend. Der ältere Sohn entfremdet sich ihr, der jüngere klammert. Doch Paulina möchte sich befreien aus finanziellen Nöten und unabhängig werden, sich und ihren Kindern was bieten können, und da kommen ihr die zusätzlichen Scheine, die die Familie für die Gefälligkeiten, rüber schiebt, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, ganz recht. Die die Grenzen ihres Jobs verschwimmen, immer mehr. Man wartet förmlich darauf, dass die Situation kippt.

In diesem dünnen Buch, das noch nicht mal 200 Seiten fasst steckt so viel an Thematik, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Paulína wird schnell bewusst, dass ihre Arbeitgeber ein Leben leben, das mit ihrem gar nichts gemeint hat. Sie sehnt sich gleichzeitig in die selbe Situation, wird aber auch von ihr abgestoßen, wenn sie merkt, wie wenig Substanz die in ihren Augen hat. Klassistisch gesehen befinden sich Karla und Paulína weit auseinander, doch feministisch unterscheiden Sie sich nur oberflächlich. Obwohl sich beide vom Punkt der Ihnen zugewiesenen Rolle weg bewegen, kommen Sie nicht voran. Zwischen jeder Zeile schwingt aber auch die Überforderung einer Gesellschaft mit, die gar nicht genau sagen kann, woher der Bedarf nach Hilfe herkommt. Ist es der durch Kapitalismus geprägte Standard, den man halten möchte, die egoistische Version von Mental Health, die man sich gönnt, Bilder, die man erfüllen möchte, Freiheit, die man sich nimmt? Ich war oft so sauer auf das Verhalten der österreichischen Familie die wie selbstverständlich Gefallen einfordert und das mit White Guilt Behavior kompensieren möchte. Die gut gemeinten Angebote ablehnen? – für Paulína unmöglich und von einer Angst gespeist, morgen ihren Job zu verlieren. Ein Teufelskreis, wie man sich vorstellen kann.

Auf der anderen Seite sehen wir sie als Mutter zweier Teenager, die ihre Kinder zurücklassen muss, mit einem schlechten Gewissen, um anderen zu helfen. Die dort den Hund Gassi führt, den ihr Sohn eigentlich gerne hätte, nicht zu ihren Kindern eilen kann, wenn sie sie brauchen. So jagt sie hoffnungslos einem Lebensstandard hinterher, den sie niemals erreichen wird und erhält dafür Entfremdung.

Mich hat diese vorhersehbare aber unausweichliche Situation von Paulína sehr betroffen gemacht. Sie ist so alltäglich in unserer Gesellschaft anzutreffen, findet aber meist im Verborgenen statt. Die ganzen Frauen, die aus Gefälligkeit immer und immer mehr Aufgaben übernehmen, um nicht als undankbar, wenig belastbar oder unqualifiziert zu gelten. Auch hier hat die Autorin die beiden Frauen gespiegelt. Beide rennen im Hamsterrad der Karriere. Es scheint sie zu entspannen, aber sie werden immer unzufriedener.
Der ach, so fürsorgliche Ehemann Jakob hat mir am meisten zugesetzt. Dass seine Versuche gescheitert sind, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen, kann er nur dadurch kompensieren, dass alle Frauen um ihn herum das auffangen. Er nimmt das aber nicht mehr zur Kenntnis, sondern für selbstverständlich und legt ein ICH-zentrierthes Verhalten an den Tag, dass als Fürsorge verkleidet ist. Ich musste innerlich manchmal schreien vor Wut. Sowas macht mich fertig.😓

Die Wandlung von Paulína war für mich sehr nachvollziehbar. Der Druck, dem sie ausgesetzt ist, sucht sich Ventile. Das war hervorragend dargestellt.

Über dem ganzen Text schwebt ein ungutes Gefühl. Und natürlich stellen wir uns die ganze Zeit die Frage: Hat Paulina eine Schuld daran, dass Karla zu Tode kam?
Ja oder nein – das müsst ihr selber lesen

Ein unglaublich dichtgeschriebenes Werk, welches einen Sog entwickelt und den Blutdruck hoch treibt. Emotional und bedrückend realistisch. Sehr großes Lese-Kino und ein Highlight für mich.
Profile Image for Alexa.
162 reviews14 followers
June 27, 2025
Ein starkes Buch über ein für mich doch schwieriges Thema: Häusliche Pflege, Care-Arbeit und Pflegekräfte aus Osteuropa. Die beiden Frauen Klara und Paulina werden sehr gut charakterisiert, zwei Frauen deren Lebensumstände komplett unterschiedlich sind, die aber auch viel verbindet. Ich musste bei dem Buch immer wieder Pausen beim Lesen einlegen, weil mich die Handlung sehr beschäftigt und mitgenommen hat. Aber absolut lesenswert.
Profile Image for tamara .
13 reviews2 followers
February 8, 2025
Susanne Gregor skizziert in ihrem Roman “Halbe Leben” vor allem zwei, doch vielmehr drei Frauen, Klara und Paulína, die versuchen, ihr Arbeits- und Familienleben zu vereinbaren, und Klaras Mutter Irene, die ihr Kind ohne eine Vaterfigur großziehen musste.
Paulína ist eine Pflegekraft aus der Slowakei, die Klaras kranke Mutter pflegt, und in zweiwöchigem Takt zwischen ihrem Arbeitsort und ihrer Heimat hin- und herpendelt. Während sie sich in Klaras Familie (ein bisschen zu) gut integriert und dort über ihre eigenen und die Grenzen ihrer Arbeitsaufgaben geht, indem sie mehr und mehr Tasks übernimmt - von Kochen über Putzen bis zum Gassigehen -, vernachlässigt sie gezwungenermaßen ihre zwei Söhne, die während ihrer Abwesenheiten in der Obhut der Schwiegermutter sind. Doch die ökonomische Situation lässt es nicht zu, dass sie in der Slowakei arbeitet, indes auch der Vater der Kinder nicht ausreichend finanzielle Mitte beisteuert. Während Paulína bei der Berufswahl an die Situation ihrer Kinder denkt, gibt Klara, die Architektin, die Verantwortung zur Pflege ihrer Mutter in fremde Hände, und repräsentiert eine eher individualistische Seite. Klara ist ein Arbeitstier und obwohl sie versucht, für ihre Familie - ihre Tochter Ada und ihren Mann Jakob - da zu sein und sogar einem weiteren, für sie arbeitstechnisch unvereinbaren, Kind zustimmt, ist sie kein typischer Familienmensch, sondern bleibt karriereorientiert.

Der Roman zeigt stets zwei Seiten in den beiden Frauenfiguren. Wie man sich der eigenen Familie annähert und doch entfremdet, wie unterschiedliche sozial-ökonomische Hintergründe die Frauen agieren lassen und wie verschieden die Kulturen der Nachbarländer eigentlich sind, vor allem in Hinblick auf Gemeinschaftlichkeit und Individualismus. Das Thema Pflege dient als Katalysator, um all diese Themen zu beleuchten und zu reflektieren, und lässt einen auch über die Situation der Pflege in der Zukunft nachdenken - wer wird in Zukunft die Pflege übernehmen, wenn sich auch Osteuropa immer mehr individualisiert?
Profile Image for maribelwhatever.
69 reviews11 followers
February 6, 2025
„In kleinen Dosen serviert, das weiß sie, wirkt Zurückweisung am stärksten.“ (171)

»Halbe Leben« von Susanne Gregor hat mich überrascht, eingesogen, wieder ausgespuckt, roh zurück gelassen. Ein Stückchen Leben von Paulina, die ihre Kinder alle zwei Wochen bei der Schwiegermutter in der Slowakei lässt, um ein Stückchen von Irenes Leben zu pflegen, die seit ihrem Schlaganfall bei ihrer Tochter Klara eingezogen ist, die ein Stückchen ihres Lebens mit Arbeiten verbringt und versucht ein Stückchen des Lebens ihrer Familie zu begreifen.

Generationen, Lebensrealitäten, Entfremdung, Zusammenwachsen, Vertrauen schenken, Zeit opfern, vermissen, zerrissen fühlen, atmen, warten, träumen.

Dieser Roman hat so viel in mir ausgelöst, ausgelost, eine Kugel in das Emotionenroulette geschmissen. Aua.

„…gerade sie, die keine Ahnung hat, was es bedeutet, wenn man etwas geben möchte und keiner da ist, der es haben will.“ (176)
Profile Image for Rosa.
659 reviews41 followers
June 10, 2025
3.5*
Fand ich sehr spannend und schnell zu lesen. Am Schluss hätte ich mir nur noch gewünscht ein bisschen mehr zu von dem zu erfahren, was danach passiert ist.
Profile Image for Aďa z Knihy, knihy a knihy.
203 reviews20 followers
January 9, 2026
Pádom táto kniha začína a pádom celý príbeh končí, aj keď vlastne o páde vôbec nie je. Alebo možno je, no nie o tom fyzickom.

Celá kniha sa niesla v takej ponurej atmosfére. Držala sa monotónnosti. Vlastne sa tu počas celého príbehu nič závratne nestane. Pozorujeme len tri ženy, ich bytie a žitie. Pohľady sa počas príbehu prelínajú, niekedy úplne nepozorovane a prirodzene, inokedy sú oddelené odsekom alebo vynechaním stránky.

Bolo to také obyčajné, bez zvratov a veľkej drámy, ale za mňa to fungovalo.
Profile Image for Pali Jen.
242 reviews94 followers
December 10, 2025
4,5*
Už pri prvých stranách na mňa doľahlo napätie, keď jedna z hlavných postáv zomrie (no-spoiler/anotácia). Táto kniha však nie je o tragédii s krimi zápletkou. Po úvode so stiahnutým hrdlom sa rozvíja príbeh o rakúskej rodine a slovenskej opatrovateľke, ktorý je omnoho znepokojivejší.
.
Paulína v pravidelných turnusoch opúšťa svoju rodinu, aby sa dočasne stávala súčasťou tej druhej. Klára, žena, ktorá ju prijíma do svojho domu na opateru matky, sleduje Paulínu s obdivom aj nepohodlím. V ich vzťahu sa mieša rešpekt s pochybnosťami, závislosť s obranou vlastného priestoru a integrity. Klára s rodinou neustále nabaľuje požiadavky na opatrovateľku matky a meniace sa pravidlá sprevádzajú častejšie ponúkané obálky s peniazmi. Paulína sa pri každom návrate domov stretáva s narastajúcim odstupom synov. Medzery, ktoré po jej odchodoch zostávajú, sa zapĺňajú čoraz ťažšie. Vzdialenosť sa mení na pocit, že žije dva životy, no ani v jednom nie je celkom prítomná. Pochybnosti nahlodávajúce jej vnútro vyliezajú von a narúšajú jej každý ďalší krok.
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Tento dôkladne vystavaný psychologický portrét dvoch žien z odlišných vrstiev mi podsúval viaceré otázky.
Koľko peňazí stojí úplne pohltenie pôvodného života? Kde je hranica medzi ústupkami a vlastnými potrebami? A najmä, čo núti matku samoživiteľku k odchodom za prácou?
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Pred rokom som čítal predošlý román autorky Susanne Gregor - Voľným pádom, ktorý sa mi páčil, no Položivoty sa mi páčili o dosť viac. Zrelší text, ktorý nepotrebuje vyriešiť všetko na 200 stranách, stačí keď ako sonda nazrie do hláv uveriteľných postáv a otvára témy napr. sociálnych rozdielov a nefunkčnosti štátu.
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V kvalitnom preklade Paulíny Čuhovej vydala Literárna bašta. Super.
Profile Image for Ria Gehrerová.
104 reviews97 followers
December 25, 2025
Výborné čítanie o hlbokom pocite nenaplnenia a nedostatočnosti. O pocite zášti. O nerovnom svete. Zvlášť silné boli pasáže, keď autorka popisovala, ako si platiaca rodina nárokovala na čas a starostlivosť od opatrovateľky. A tiež to, ako (nesentimentálne) opisovala pocit viny a bolesti pri odlúčení od detí.
(Škoda, že občas čítanie spomaľujú čudne komplikované vety, v ktorých sa miešajú rôzne osoby.)
Profile Image for CorAlex.
103 reviews8 followers
March 26, 2025
Wo beginnt und wo endet das eigene Leben, wenn man Teil von zwei Familien ist? Kann man es überhaupt so abgrenzen? Ein toller Roman über Verantwortung und Menschenliebe.
Profile Image for Sini [on hiatus].
71 reviews3 followers
February 17, 2025
Ungleiche Lebensrealitäten

In ihrem Roman »Halbe Leben« stellt Susanne Gregor zwei Frauen in den Mittelpunkt, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Klara ist eine Karrierefrau, ohne ihre Arbeit kann und will sie nicht. In dem Wiener Architekturbüro, welches sie im Grunde mit ihrem Chef zusammen aufgebaut hat fühlt sie sich gebraucht und wertgeschätzt.
Anders als Zuhause. Bei ihrem Mann Jakob, der Teenager Tochter Ada und ihrer Mutter Irene fühlt sie sich oft fehl am Platz.
Irene, die nach einem Schlaganfall langsam an Demenz erkrankt und daher auf ständige Unterstützung angewiesen ist, stellt für Klara jedoch eine zunehmende Belastung dar, welche mit ihrem Berufsleben nicht vereinbar ist.

Für Abhilfe sollen daher zwei ausländische Pflegekräfte sorgen. Die 38-jährige Paulína und Radek, ein strenger Mann mittleren Alters.
Besonders Paulína, die selbst Mutter von zwei Jungen ist, wird sich bald als unentbehrlich für die österreichische Familie herausstellen. Doch welche Opfer ist sie bereit zu bringen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen?

Mit viel Feingefühl beschreibt Susanne Gregor vom ungleichen Machtverhältnis zwischen Paulína und dem Ehepaar, insbesondere Klara.
Paulínas Emotionen, allem voran ihre innere Zerrissenheit und die ganz subtil immer stärker werdende Wut sind eindringlich auf den Punkt gebracht und für die Leser*innen gut nachvollziehbar.

Die Autorin schafft es in diesem kurzweiligen Roman so viel zwischen den Zeilen zu verstecken, das man noch oft an das Gelesene zurückdenkt.
Profile Image for Paulin.
32 reviews1 follower
March 14, 2025
4,5✨ hatte die größte leseflaute seit langem und dann kam dieses buch 😮‍💨 ihr schreiben ist genau nach meinem geschmack: klar, nüchtern und auf den punkt & dabei so sanft, ehrlich und einfühlsam, dass es richtig unter die haut geht.
die figuren(dynamiken) und themen sind trotz der nur knapp 200 seiten sehr komplex und regen zum nachdenken an - große empfehlung!
Profile Image for Cara Brock.
17 reviews
August 30, 2025
“…und da erinnert sich Irene wieder an ihr anderes Leben, das sie so eng umschließt wie ein Mantel, aus dem sie herausgewachsen ist. Wie lächerlich kommt ihr diese stumpfsinnige Linearität vor, wo sich ein Tag an den anderen reiht, und in der die Menschen nicht verstehen, dass alle Ereignisse einander eigentlich überlagern, wie eine Symphonie, in der alle Instrumente gleichzeitig erklingen.”

Sehr sehr toll!! Hier war jedes wort am richtigen platz und hat leben so präzise und einfühlsam geschildert dass es weh getan hat. Wie schön das cover ist seht ihr ja selber !
Profile Image for Zuzana Švecová.
65 reviews3 followers
January 10, 2026
Príbeh Slovenky Paulíny, ktorá robí opatrovateľku v rakúskej rodine. Je zdravotnou sestrou, skúsenosti má, hoci je to jej prvá rodina. Veľmi dobre ju príjmu, ona tam skvelo zapadne, vzťahy su nadštandardné. Ibaže doma nechala dvoch synov (16 a 10), o ktorých sa v jej neprítomnosti stará svokra. Môže sa u cudzích cítiť viac doma, viac prijatá, viac rešpektovaná, ako u seba doma? Čo to spraví so vzťahmi - vlastne voči všetkým?
Kniha sa číta veľmi dobre, človeku vsak postupne začína byť smutno...
Profile Image for Carla.
1,040 reviews134 followers
January 28, 2025
𝙒𝙖𝙧 𝙚𝙨 𝙙𝙤𝙘𝙝 𝙚𝙞𝙣 𝙁𝙚𝙝𝙡𝙚𝙧, 𝙙𝙞𝙚𝙨𝙚 𝘼𝙧𝙗𝙚𝙞𝙩 𝙖𝙣𝙯𝙪𝙣𝙚𝙝𝙢𝙚𝙣, 𝙨𝙤 𝙩𝙞𝙚𝙛 𝙞𝙣 𝙚𝙞𝙣𝙚 𝙖𝙣𝙙𝙚𝙧𝙚 𝙁𝙖𝙢𝙞𝙡𝙞𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙯𝙪𝙩𝙖𝙪𝙘𝙝𝙚𝙣, 𝙗𝙡𝙞𝙚𝙗 𝙞𝙝𝙧𝙚 𝙚𝙞𝙜𝙚𝙣𝙚 𝙟𝙚𝙩𝙯𝙩 𝙖𝙪𝙛 𝙙𝙚𝙧 𝙎𝙩𝙧𝙚𝙘𝙠𝙚?“
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Rezensionsexemplar | Vielen Dank an @zsolnayverlag @netgalleyde 💛💚
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Klara ist Business-Frau, Ehefrau, Mama und Tochter und das mehr oder weniger in dieser Reihenfolge. Ihre Mutter Irene braucht nach einen Schlaganfall Hilfe zuhause und Klara wendet sich an eine Agentur, die ihnen Paulína vermittelt. Um bei ihnen in Österreich zu arbeiten, lässt Paulína ihre eigene Familie in der Slowakei zurück. Eines Tages sind Klara und Paulína gemeinsam unterwegs, doch nur Paulína kehrt von dieser Wanderung lebend zurück.
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Das Buch lebt von einer gewissen Parallelität, auch wenn es in den Leben der beiden Frauen viele Ungleichheiten gibt. Auf den ersten Blick könnten ihre Leben nicht unterschiedlicher sein, doch auf den zweiten Blick teilen sie im gewissen Maße ein Schicksal. Es hängt an ihnen, und nicht an den Männern, ihre Familienleben zu organisieren bzw. zu finanzieren. Sie müssen mitunter Entscheidungen treffen, die sie und ihre Familienmitglieder an ihre Grenzen bringen.
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Auch das Verhältnis zwischen Klara und Paulína als Arbeitgeberin bzw. -nehmerin ist sehr spannend, besonders die Entwicklung im chronologischen Verlauf der Geschichte. Der Schreibstil hat mir außerdem sehr gut gefallen. Mit Cover und Titel einfach ein sehr stimmiges Buch!
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Absolute Leseempfehlung!

4,25/5⭐️
Profile Image for lina.
176 reviews18 followers
June 18, 2025
Als Klaras Mutter Irene einen Schlaganfall erleidet, kontaktiert Klara einen Pflegedienst. Ab jetzt verlässt alle zwei Wochen Paulína ihre zwei Söhne in der Slowakei und reist in das weiße quadratische Haus in Österreich. Neben der Pflege der alten Dame unterstützt Paulína die berufstätige Klara und ihre Familie (Mann und Tochter) auch mit anderen Dingen – sie putzt, kocht und organisiert. Ein Jahr später verunglückt Klara bei einer Wanderung mit Paulína tödlich. 

"Halbe Leben" erzählt von dem, was zwischen Klaras Entscheidung, einen Pflegedienst zu kontaktieren, und dem Tag der Wanderung passiert. Die Perspektive wechselt, teils fließend, zwischen den drei Frauen Klara, Paulína und Klaras Mutter Irene (mit vereinzelten Ausnahmen anderer Personen).

Zentrale Themen sind der Spagat zwischen Beruf und Familie, das Muttersein und das Gefühl von Entfremdung und Zerrissenheit. Der Ton ist ruhig und unaufgeregt, es liest sich ein bisschen wie die Ruhe vor dem Sturm – den man als Leser*in antizipiert, da man ja schon weiß, dass Klara sterben wird.

Doch eigentlich geht es um alles davor. Paulínas Rolle als Pflegerin, ihre Care-Arbeit, ihre Zerrissenheit zwischen ihrer Familie in der Slowakei und Klaras Haus in Österreich; Klaras Umgang mit Paulína, aber auch mit ihrer Mutter Irene, das Selbstverständnis von Klara und ihrem Mann Jakob als Arbeitgeber von Paulína, und ganz allgemein die Rolle der Mutter und des Vaters in einer Familie oder einem Haushalt.

Aufgrund des nüchternen Schreibstils war es manchmal fast schon ein bisschen monoton – aber nur fast. Während man Paulína und Klaras Leben recht gut kennenlernt, konnte mich das Buch emotional nicht erreichen, es gab kein Mitfiebern, kein starkes Mitfühlen. Das muss es auch nicht, aber dadurch war das Leseerlebnis bei mir einfach nicht so stark.

Es ist ein Buch, bei dem man gut zwischen den Zeilen lesen kann und das viele unscheinbare, schlaue, feine Beobachtungen enthält. Am Ende realisiert man, dass alle drei Frauen im Grunde, jede auf ihre Weise, ihr Leben in zwei Welten führen: die eine Hälfte hier, die andere Hälfte dort.

Ein ruhiges, schlaues Buch zu einem sehr relevanten Thema, und definitiv auch ein kleiner Spiegel der Gesellschaft.

"Sollte er diese Gespräche nicht eigentlich mit seiner Frau führen, überlegt sie, und kann es sich nicht verkneifen, ihn darauf hinzuweisen. Frag doch Klara, sagt sie, ruf sie an, aber er winkt ab, sie hat keine Zeit für sowas, und seien wir mal ehrlich, sie wird wohl auch nicht diejenige sein, die sich um ihn kümmern wird. Wer sich um den Hund kümmern wird, lässt er aber offen."

4 ⭐
Profile Image for Rosetheline.
137 reviews13 followers
March 26, 2025
Zwei unterschiedliche Frauen

In Susanne Gregors Roman "Halbe Leben" geht es allen voran um Klara und Paulína, zwei Frauen, die aus unterschiedlichen Verhältnissen kommen und unterschiedliche Leben führen.
Klara lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrer Mutter in Österreich. Klara ist ihre Karriere im Architekturbüro sehr wichtig und so trifft es sie sehr, als ihre Mutter immer mehr Hilfe benötigt, die sie und ihr Mann nicht beide stemmen können. Und gleichzeitig wünscht sich ihr Mann noch ein weiteres Kind.
Paulína, eine alleinerziehende Mutter, kommt aus der Slowakei und möchte das Leben für sich und ihre zwei Sohne schöner gestalten und ihnen etwas bieten können. Kurzerhand entschließt sie sich als Pflegerin nach Österreich zu gehen. Ihre Söhne verbringen die Zeit daraufhin vor allem bei ihrer Schwiegermutter und bei ihrem Ex-Mann.

Gregor zeigt gut auf, wie zwei unterschiedliche Welten aufeinander prallen und wie sich die beiden Protagonistinnen fühlen. Wie prasseln zwei Kulturen aufeinander ein? Ist ein besserer Lebensstandard wichtiger, als das Zusammensein als Familie?
Mit guten Erzählstil geht Gregor auf diese und andere Sachen ein. Hie und da hätte ich mir vielleicht ein bisschen mehr Tiefgang gewünscht, doch prinzipiell hat mir das Buch gut gefallen.
Profile Image for Paula Lütolf.
30 reviews
January 22, 2026
Das ist eine starke Geschichte mit echten mehrdimensionalen Charakteren. Mir gefällt die schöne bildliche Schreibweise der Autorin und die unaufdringliche Weise, wie sie wichtige Themen nebenbei anspricht. Die Buchumschlagsgestaltung passt sehr gut und auch der Titel ist sehr passend gewählt. Leider gefällt mir das Ende nicht so gut deshalb auch nur vier Sterne.
Profile Image for Sabine Branner.
21 reviews
May 5, 2025
Mich hat das Buch sofort angesprochen und sehr gefesselt. Beide Frauen Klara und Paulina sind hin und hergerissen zwischen ihren Rollen und versuchen alles unter einen Hut zu bringen. Das konnte ich so gut fühlen. Ich glaube, es geht dabei auch sehr viel um Anerkennung und Wertschätzung, die beide im Beruf finden und dafür ihre Familien zurückstellen. Ihr schlechtes Gewissen kompensieren sie. Beide können keine Grenzen setzen und manchmal hätte ich gerne eingegriffen. Dass Klara dann so bewusst manipulativ handelt und Paulina eisern schweigt, zeigt, dass das nicht lange gut gehen kann. Das System kollabiert dramatisch - aber es wäre auch ohne den Tod Klaras wohl in die Brüche gegangen. Den Nebenstrang mit Irene als Mutter mochte ich als einzigen weniger. Alle anderen Charaktere und Handlungsstränge haben der Erzählung gut gedient. Ein ernüchternder Einblick in eine Familie, die wahrscheinlich nach außen hin höchst funktional und erfolgreich scheint.


Profile Image for MsWatson.
148 reviews2 followers
January 29, 2025
Susanne Gregor beleuchtet in ihrem Roman "Halbe Leben" eindringlich die schwierige Situation von ausländischen Pflegekräften und die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, die diese bedingen. Im Mittelpunkt steht Paulína, eine slowakische Pflegekraft, die nicht nur Klaras Mutter betreut, sondern durch ihre Arbeit auch Klaras Karriere und das entspannte Leben ihrer gesamten Familie ermöglicht. Während Paulína im Haus von Klara pflegt, betreut, putzt, kocht und sich aufopfert, wachsen ihre eigenen Kinder in der fernen Heimat ohne sie auf – betreut von der Schwiegermutter.

Der Roman zeigt eindrucksvoll die strukturelle Ungleichheit, die in diesem System verankert ist: Frauen wie Paulína tragen die Last unbezahlter oder schlecht bezahlter Care-Arbeit, während andere von ihrem Einsatz profitieren. Gregor zeichnet dabei nicht nur ein Porträt von Klassenunterschieden, sondern rückt auch die intersektionalen Herausforderungen in den Fokus, die Frauen in patriarchalischen und wirtschaftlich ungleichen Systemen erfahren. Paulínas Abhängigkeit von ihrer Anstellung und ihre emotionale Isolation verdeutlichen die oft unsichtbare und immense Belastung, die migrantische Pflegekräfte tragen.

Die Figuren in Halbe Leben sind fein und vielschichtig gezeichnet. Paulína, stark und gleichzeitig sensibel und verletzlich, die zwischen der Verantwortung für ihre zwei Söhne und den Erwartungen ihrer Arbeitgeber hin- und hergerissen ist. Klara hingegen steht für die (weißen) Privilegien eines Systems, das auf Ungleichheit basiert und diese immer wieder reproduziert, ohne dass sie sich ihrer eigenen Rolle darin voll bewusst ist. Diese Kontraste machen die Figuren lebendig, ziehen die Lesenden tief in die Geschichte und regen dazu an, die verschiedenen Perspektiven zu fühlen und zu hinterfragen.

Immer wieder kommt die Frage nach der Beziehung der beiden Frauen zueinander auf, die doch so eng zusammenleben und gleichzeitig so weit voneinander entfernt sind. Grenzüberschreitungen, Machtgefälle, Freund(schaft)lichkeit - es ist eine stetige Ambivalenz, innerhalb der sich die beiden Frauen - jede für sich - unsicher bewegen.

Mit klarer Sprache und großem Einfühlungsvermögen legt Susanne Gregor die Ausbeutung weiblicher Pflegekräfte und die zugrunde liegenden patriarchalischen Strukturen offen. Halbe Leben ist ein aufrüttelnder Roman, der auf die Notwendigkeit eines gerechteren Systems hinweist – nicht nur für die Pflegekräfte, sondern auch für eine Gesellschaft, die auf diese Arbeit offenkundig so dringend angewiesen ist.

Dieses Buch ist empfehlenswert für alle, die sich für gesellschaftskritische Literatur interessieren und einen tiefen Einblick in die Herausforderungen und Ungerechtigkeiten von Care-Arbeit erhalten möchten. Es richtet sich an Leserinnen und Leser, die offen für eine Reflexion über Machtverhältnisse, soziale Ungleichheit und die oft übersehene Arbeit von Frauen sind. Besonders von migrantischen Frauen, die für ihre Tätigkeit in die Haushalte der zu pflegenden Personen ziehen und damit eine ganz andere Dimension von Care-Arbeit leisten.
Profile Image for Seitenmusik.
394 reviews22 followers
March 1, 2025
"...weder die Alten noch die Pflegenden sind je hier gewesen, es sind die Angehörigen, die hier die Verbindungen knüpfen und die Fäden ziehen. Es sind Klara selbst und die blonde Frau, die mit verschränkten Armen vor ihr sitzt, die hier Entscheidungen treffen, wie zwei Schachspieler sitzen sie einander gegenüber, bewegen die Figuren auf dem Schachbrett, werfen sie raus, tauschen sie ein." Buchzitat S. 58 (E-Book)


In ihrem Roman „Halbe Leben“ beleuchtet Susanne Gregor die ungleichen Lebensrealitäten zweier Frauen: Klara, eine wohlhabende Karrierefrau, und Paulína, ihre slowakische Pflegerin. Die 1981 in der Tschechoslowakei geborene Autorin kam 1990 nach Österreich und wurde bereits mehrfach für ihre literarischen Werke ausgezeichnet. In klarer Sprache erzählt sie in diesem Roman von Klassengegensätzen, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen.

Worum geht’s genau?

Nach dem Schlaganfall ihrer Mutter engagiert Klara Paulína als Pflegerin. Eine scheinbar perfekte Lösung – Klara kann sich wieder ihrer Karriere widmen, während Paulína ihre eigenen Kinder in der Slowakei zurücklässt. Sie wird geschätzt, erhält großzügige Geschenke – fast wie eine Freundin, oder? Doch dann stürzt Klara beim Wandern in den Tod, und es bleiben viele unbeantwortete Fragen.

Gregor erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, unter anderem aus der Sicht von Paulína, ihrer Söhne und Klaras Familie. Dabei wird die ungleiche Beziehung zwischen den beiden Frauen zunehmend spürbar. Was als pragmatische Lösung beginnt, entpuppt sich als vielschichtige Auseinandersetzung mit Abhängigkeiten und Privilegien.

Meine Meinung

Das Buch war für mich ein Überraschungshit. Der Klappentext hat mich sofort angesprochen, und ich wurde nicht enttäuscht. Der Schreibstil ist einfach, direkt und lässt sich gut nachvollziehen. Die klare Sprache unterstreicht die Gegensätze zwischen den Frauen und bringt die Thematik präzise auf den Punkt.

Besonders beeindruckt hat mich die unterschwellige Spannung, die sich über den gesamten Roman aufbaut. Obwohl von Anfang an klar ist, dass Klara sterben wird, bleibt vieles ungewiss und klärt sich erst gegen Ende auf. Die Dynamik zwischen Klara und Paulína ist eindringlich dargestellt – gerade Klaras fast naive Art im Umgang mit Paulína hat bei mir mit der Zeit Fremdscham und sogar Wut ausgelöst. Der unbewusste Hochmut, mit dem sie ihrer Pflegerin begegnet, zeigt eindrucksvoll, wie Privilegien das Verhalten beeinflussen.

Die Kluft zwischen den beiden Frauen wird von Gregor geschickt herausgearbeitet: Einerseits scheint sie oberflächlich betrachtet gar nicht so groß – beide sind Frauen, beide Mütter im gleichen Alter. Doch in Wahrheit trennen sie Welten. Während Klara durch ihren Wohlstand abgesichert ist, kämpft Paulína um ihre Existenz, lebt als unsichtbare Arbeitskraft im Haushalt der Familie und bleibt trotz Nähe eine Fremde.

Ein weiteres Highlight für mich war die multiperspektivische Erzählweise. Besonders die Abschnitte aus der Sicht von Paulínas Kindern oder Klaras Mutter haben das Bild erweitert und die Tragweite der Ereignisse noch greifbarer gemacht.

Kleine Kritikpunkte gibt es dennoch: Für fünf Sterne hat es nicht gereicht, weil nicht gegendert wurde und weil die direkte Rede nicht in Anführungszeichen steht – daran musste ich mich erst gewöhnen. Auch die Einteilung in nur drei große Kapitel hat mich zu Beginn irritiert. Das Ende hat mich zudem etwas unbefriedigt zurückgelassen – ich hätte mir noch mehr Details zur Auflösung und zum weiteren Verlauf der Geschichten der Beteiligten gewünscht. Doch im Grunde kann man sich selbst gut denken, wie es weitergeht.

Fazit

„Halbe Leben“ ist ein eindrucksvoller Roman über Klassenunterschiede, Machtverhältnisse und das, was Menschen verbindet – oder trennt. Gregor schafft es, mit leisen Zwischentönen viel zu vermitteln und eine unterschwellige Spannung aufzubauen, die mich durch das ganze Buch getragen hat. Trotz kleiner stilistischer Hürden war ich durchgehend gefesselt. Eine klare Empfehlung – 4,5 von 5 Sternen.
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98 reviews18 followers
February 27, 2025
Nachdem ich seit längerem ein Buch von Susanne Gregor lesen wollte, bin ich mit „Halbe Leben” nun endlich dazu gekommen. Der Roman handelt vom Leben zweier Frauen, Klara und Paulína. Klara lebt und arbeitet in Österreich, hat eine Tochter namens Ada und einen Mann. Sie leben gemeinsam mit Klaras Mutter, die nach einem Schlaganfall auf Pflege angewiesen ist. Zwischen Karriere und Tochter großziehen schafft es Klara nicht, sich alleine um ihre kranke Mutter zu kümmern, weswegen sie Paulína, eine Slowakin, bei sich einstellen. Paulína arbeitet in einem Zweiwochenrhythmus bei der Familie, um Irene zu pflegen. Der andere Pfleger Radek, der seine Arbeit ernster zu nehmen scheint, wird gerade so von Irene und Klara geduldet und geistert förmlich im Roman herum.
Während der Roman mit einem Unfall und dem Tod von Klara beginnt, liegt der Fokus jedoch eindeutig auf dem Leben und den Gefühlen der beiden Frauen. Paulína, die während ihrer Arbeit in Österreich ihre Kinder bei der Schwiegermutter lassen muss, bekommt mit der Zeit immer mehr Schuldgefühle, merkt, dass auch die Kinder sie nicht mehr so sehr vermissen, und wünscht sich öfters, die Arbeit einfach stehen und liegen lassen zu können und zu ihren Kindern zu fahren. Doch so einfach ist das nicht. Als alleinerziehende Mutter fehlt es einfach an Geld, um den Kindern das Leben zu ermöglichen, das sie sich für die beiden wünscht.
Klara auf der anderen Seite möchte am liebsten ihr Leben ihrer Karriere hingeben, doch wird von Schuldgefühlen ihrem Mann gegenüber geplagt, der sich schon länger ein zweites Kind wünscht. Auch ihrer kranken Mutter scheint er kein Mitgefühl entgegenbringen zu können und wollte diese zu Beginn in ein Heim bringen.

Susanne Gregor untersucht im Roman auf eine stille Art und Weise mit Hilfe von Einblicken in die Gedanken und Gefühle der Figuren viele verschiedene und wichtige Themen. Darunter Care-Arbeit, Entfremdung, soziale Ungleichheit, Eifersucht, Sehnsucht nach Liebe, Opfer für die eigene Familie bringen und mehr. Es wird deutlich, dass es sich um zwei völlig verschiedene Frauen handelt, die auf ihre Weise Opfer bringen müssen. Die Autorin hat einen sehr angenehmen Schreibstil und ich konnte mich oft in die Gedanken und Gefühle der Figuren hineinfühlen. Leider habe ich das Buch zu einem sehr stressigen Zeitpunkt angefangen, wodurch ich lange gebraucht habe, um in die Geschichte reinzukommen. Persönlich gefielen mir die Stellen, die Paulínas Leben behandelten, mehr, vor allem die Passagen, in denen sie ihre Kinder in der Slowakei besuchte. Manches erinnerte mich an meine eigene Kindheit, beispielsweise die sauren Johannisbeeren oder die dukátové buchtičky, die es auch immer bei meiner Oma gab.

Der Roman hat mich vor allem in Hinblick auf die Figurengestaltung und die Vielschichtigkeit von Klara und Paulína überzeugt. Die Dynamik zwischen den beiden Frauen hat sich von Seite zu Seite immer weiter zugespitzt, wodurch ich den Roman zum Ende hin auch gar nicht aus den Händen legen wollte. Auf sehr interessante Art und Weise hat die Autorin vom Leben zweier Frauen geschrieben, die beide durch die Erwartungshaltung anderer fast zerdrückt werden.
„Halbe Leben” habe ich gerne gelesen und ich freue mich schon darauf, die weiteren Romane der Autorin für mich zu entdecken.

Vielen Dank an Vorableben für das Rezensionsexemplar.
61 reviews
March 23, 2025
Gefährliche Dynamik

Klara und Paulína ähneln sich zwar in den Merkmalen „Frau, Mutter, Alter“, könnten aber unterschiedlicher nicht sein, ebenso wie ihre Lebenswirklichkeiten. Während Klara eine erfolgreiche Architektin ist, die ihre Arbeit vor alles, auch ihre Familie, stellt, tut Paulína alles für ihre Kinder, sogar aus der Slowakei aufgrund von Geldnöten nach Österreich ins Ausland gehen, um dort fremde Menschen zu pflegen. Dieser fremde Mensch ist im Speziellen Klaras Mutter, die nach einem Schlaganfall Pflege benötigt. Klara, die zuvor aber noch mit der tatkräftigen Unterstützung der Mutter bei der Erziehung der eigenen Tochter gerechnet hat, hat keine Kapazitäten, um sich selbst um sie zu kümmern. Also wird über eine Agentur u.a. Paulína immer für zwei Wochen im Wechsel mit einem anderen ausländischen Pfleger ins Haus geholt, damit sie sich kümmern kann. Eigentlich um Klaras Mutter, aber die Familie überschreitet immer wieder Grenzen von Paulína bezüglich der von ihr geforderten Aufgaben und Paulína hat Schwierigkeiten, sich selbst abzugrenzen und Nein zu sagen. So entsteht eine gefährliche Dynamik innerhalb der Familie, die, wie wir schon auf den ersten Seiten erfahren, irgendwie dazu führt, dass am Ende Klara tot ist und Paulína lebt.

Mithilfe von Rückblicken erfahren wir immer mehr darüber, wie Paulína ins Haus der Familie kam, welche echten und gefühlten Zwänge sie immer mehr dort einspannen und wie sie beginnt, sogar ihre minderjährigen Söhne, die sie in der Slowakei bei der Schwiegermutter lassen musste, zu vernachlässigen. Ein psychologisch sehr interessantes Konstrukt, welches sich nicht von jetzt auf gleich aber nach und nach immer mehr verschärft.

Während der Roman solide im Sprachstil ist, so ist der Erzählstil bezüglich der Perspektivwechsel zu wechselhaft und mitunter anstrengend bis nervig. Die Autorin wechselt immer wieder, mitunter nach nur wenigen Sätzen die personale Perspektive von einer Figur zur nächsten. Selbst für kürzeste Momente springen wir in die Haut einer neuen Figur, auch kleinere Nebenfiguren. Mitunter war mir literarisch nicht klar, warum man nun auch noch diese oder jene Sicht auf ein Ereignis lesen muss.

Sehr gut hingegen stellt die Autorin heraus, wie hoch die Kosten für (meist) Frauen sind, die ihr Heimatland verlassen, ihre Familie zurücklassen, um ein bisschen mehr Geld in die Haushaltskasse zu bringen, indem sie im Ausland arbeiten. An ganz eindrücklichen Beispielen sehen wir, was alles durch diese Zwänge kaputtgeht.

Wir wissen von Anfang an, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird. Und ich habe bis zuletzt gehofft, dass das Ende mir mehr Aufschluss darüber geben wird, wie es dazu kommen konnte. Allerdings lässt die Autorin einen hier gefühlt am ausgestreckten Arm verhungern. Hier hätte ich mir, neben einem ruhigeren perspektivischen Erzählen, mehr Einblicke gewünscht. Letztlich bleiben mir die Figuren psychologisch zu schwammig.

So kann ich zwar den Roman aufgrund der inhaltlichen Beschäftigung mit den Pflegekräften, die in reicheren Ländern die Care-Arbeit, die Angehörige nicht übernehmen können oder wollen, leisten und die fatalen Kosten für deren eigene Familie empfehlen, literarisch konnte er mich allerdings nicht überzeugen.

2,5/5 Sterne
140 reviews
March 16, 2025
Klara ist tot. Abgestürzt beim Wandern. Ihre Begleiterin, Paulína - die Pflegerin von Klaras Mutter - kann dem nichts entgegensetzen.
Rückblickend erfahren wir von der Verbindung der beiden Frauen und wie unterschiedlich sie sich gegenseitig wahrgenommen haben. Klara kann sich durch die Hilfe von Paulína, die sich einfühlsam um ihre Mutter Irene kümmert, wieder ihrer Karriere widmen und sich selbst weiter verwirklichen. Paulína hingegen hat die größten Entbehrungen zu leisten, sind doch ihre beiden Söhne in der Slowakei zurückgeblieben und sie sieht sie nur mehr in ihrem pflegerischen Zwei-Wochen-Rhythmus. Unterschiedlicher könnten ihre Lebenswelten nicht sein, doch die österreichische Familie fühlt Paulína bereits als Familienmitglied, während die Slowakin still und gutmütig leidet.

Susanne Gregor liefert mit "Halbe Leben" einen großartigen Roman, der schmerzhaft bewusst macht, welche Entbehrungen 24-Stunden-Kräfte über sich ergehen lassen müssen. Und wie wir sie, als Arbeitgeber:innen, ausnutzen, ihre Lebenswelt ignorieren, sie nach unseren Ansprüchen formen wollen. Übergriffig, gedankenlos, egoistisch, nur damit unser gewohntes Lebens so weitergehen kann, wie wir es kennen und lieben. Aber eben auch nachvollziehbar. Wichtig dabei ist, dass die Autorin in keinem Moment mit erhobenen Zeigefinger auf die Situationen schaut, sondern sich als hervorragende Beobachterin und Erzählerin beweist.

Gregor schafft es mit ihrer einnehmenden, direkten und fein-analytischen Sprache, dass ein Hineinfühlen in die jeweiligen Charaktere ein Leichtes ist. Man spürt förmlich die Peinlichkeit in der Szene, als Klara Paulína als vermeintlichen Akt der Nächstenliebe ihre alten Kleidungsstücke andrehen will und Paulína so als Mensch zweiter Klasse dastehen lässt. Fühlt Paulínas Unwillen, die hässlichen Ausmusterungen entgegenzunehmen, es dann aber aus nicht ablehnend wollender Höflichkeit doch zu tun. Mit dieser Widersprüchlichkeit sind wir Leser:innen durch den ganzen Roman hindurch konfrontiert. Die nicht bösgemeinte und vermutlich nicht wahrgenommene Überheblichkeit gegenüber Menschen aus anderen Ländern wirkt abstoßend, ist aber wohl jedem und jeder Leser:in der Wohlstandgesellschaft bestens bekannt. Es gibt aber durchaus auch verbindende Elemente, beispielsweise ist die Beziehung von Paulína und ihrem Pflegeschützling Irene guttuend und wohlwollend. Nicht genug allerdings, um die immer mehr werdenden Forderungen von Klara und ihrem Ehemann in irgendeiner Weise erträglich zu machen.

Mein Fazit: "Halbe Leben" ist ein überaus gelungener und feinfühliger Roman, der die Kluft zwischen systemerhaltenden Pflegekräften aus Osteuropa und den Ansprüchen ihrer arbeitgebenden Familien eindringlich aufzeigt. Susanne Gregor holt die Existenz der pflegenden Menschen vor den Vorhang und gibt ihnen ein Sprachrohr, eine von vielen verleugnende Existenz. Dadurch veranschaulicht sie, wie wenig unsere Gesellschaft ohne diese aufopfernden und nicht wahrgenommenen Menschen auskommen würde. Ein absolutes Lesemuss für alle, die sich Gedanken über unser Miteinander machen wollen.
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70 reviews
February 1, 2025
"Ein Haushalt sind diejenigen, die den gleichen Rauch einatmen." S.5

Von hinten rollt der Roman die Geschichte um Klara und Paulina auf. Erstere ist erfolgreich in ihrem Beruf als Architektin, Mutter einer 11 jährigen Tochter, Ehefrau, jetzt abgestürzt bei einer Wanderung. Paulina - aus der Slowakei, alleinerziehend von 2 Söhnen, die Hälfte des Monats in Klaras Haushalt in Österreich lebend, um deren erkrankte Mutter zu pflegen - hat sie auf dieser Wanderung begleitet. Psychologisch sehr fein zeichnet der Roman die Entwicklung zwischen den beiden Frauen nach. Immer wieder musste ich innehalten, der Roman eröffnet neue Blickweisen und stellt Fragen. Wer ermöglicht denn die eigene berufliche Selbstverwirklichung bzw. schafft zeitlichen Raum, sich mit seinen Hobbies und Interessen zu beschäftigen? Wie gehen wir mit Angehörigen um, die unserer Pflege bedürfen (kleine Kinder, Kranke, Alte)? Zu welchem Preis? Was macht das mit den Pflegenden und ihrem "halbierten Privatleben"? Inwieweit kann Geld die emotionale Belastung kompensieren? Wie eingebunden sind Männer in unserer Gesellschaft in die Care-Arbeit? Sehr gut stellt Susanne Gregor den Egoismus und eine Naivität gegenüber dem Leben und Schicksal der Pflegepersonen dar, verborgen hinter einer vordergründigen "Gutmenschlichkeit" ("Wir haben sie immer gut behandelt [...] und Gefallen außerhalb des Vertrages immer großzügig kompensiert." S.177). Zwar atmen alle im Haushalt den gleichen Rauch ein, gleich sind sie damit noch lange nicht... Beide Frauen eint zwar gleichermaßen eine Zerrissenheit zwischen Beruf und Familie. Allerdings besitzt nur Klara die finanziellen Mittel sie hinreichend zu kompensieren, während Paulinas Familie mehr und mehr auseinanderdriftet. Glücklich sind dennoch beide Frauen nicht, erleben eine zunehmende Gereiztheit und Überforderung. Die Darstellung der männlichen Figuren spiegelt gleichzeitig die gesellschaftliche Realität wider, in der Männer noch wenig in die Care-Arbeit eingebunden sind - der Ex-Mann von Paulina, der die Betreuung der gemeinsamen Söhne in deren Abwesenheit der eigenen Mutter überlässt, um seine eigene Partnerschaft nicht zu belasten. Klaras Chef, der sich aus dem Vordergrundgeschäft zurückgezogen hat, an Wochenenden und nach Feierabend Klara dennoch dirigiert und mit Aufgaben zuschüttet. Klaras Ehemann, selbstständiger Fotograf und kaum ausgelastet mit seiner Arbeit, der sich weder regelmäßig um den Hund, die Tochter noch die Schwiegermutter kümmern kann und möchte. Mir hat sehr gefallen, wie komplex die Frauenfiguren gezeichnet wurden - z.B. Paulina mit ihrem unbewussten Wunsch als "Engel der Familie" Anerkennung zu finden, anhaltende Gefühle von Schuld und Sorgen, dem Neid gegenüber dem scheinbaren Glück - dabei immer realistisch und nachvollziehbar. Der Roman hat mich gleichermaßen berührt wie wütend gemacht. Ich empfehle den Buch gerne weiter an Menschen, die sich für aktuelle gesellschaftliche Themen interessieren.
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125 reviews
February 2, 2025
Sehr lesenswert!

In diesem Roman werden zwei berufstätige Mütter betrachtet. Sie haben Ähnlichkeiten in ihren Lebensumständen, aber auch erhebliche Unterschiede, welche vor allem in ihrer sozialen und kulturellen Herkunft liegen.

Klara lebt mit ihrem Mann Jakob, ihrer 10jährigen Tochter sowie ihrer dementen Mutter in einem eigenen Haus in Österreich. Sie arbeitet als Architektin. Zur Pflege ihrer Mutter engagiert sie Paulina. Die alleinerziehende Paulina lebt in der Slowakei, mit ihren zwei Söhnen. Sie ist Krankenschwester. Zwei Wochen wird sie sich fortan um Klaras Mutter kümmern und zwei Wochen zu Hause sein. In ihrer Abwesenheit wird sich ihre Ex-Schwiegermutter um die Kinder kümmern. Paulina eigene Mutter ist schon verstorben. Sie selbst hat sie gepflegt und ist dabei sehr an ihre Grenzen gekommen. Paulina benötigt das Geld, um mit ihren Kindern in eine größere und schönere Wohnung zu ziehen.

Klara und Paulina tragen die Hauptverantwortung für die Familie. Die Väter sind eher abwesend oder/ und nicht erwachsen geworden. Beide zerreißen sich zwischen Arbeit und Familie, wenngleich auch aus einer unterschiedlichen Motivation heraus. Beide wollen allem gerecht werden und geraten in Erschöpfungszustände. Beide haben Schwierigkeiten in der Beziehung zu ihren Kindern. Beide benötigen die Großmütter, um ihre Abwesenheiten in der Beziehung zu ihren Kindern abzufedern. Doch das funktioniert nur bedingt und Paulina gerät immer mehr unter Druck...

Dieser fein und psychologisch gezeichnete Roman liest sich spannend und fesselnd. Da das Unglück gleich vorweg genommen wird, wird die Stimmung immer bedrückender, trauriger und steigert sich bis zur Katastrophe.

Ich konnte mit beiden Frauen gut mitfühlen. Beide Frauen sind facettenreich dargestellt, wirkten in ihren Handlungen und Überlegungen überzeugend und in gewissem Maße nachvollziehbar. In den Alltagssituationen konnte ich mich gut wiederfinden. Ich fand es zudem sehr bereichernd, zu sehen, wie beide Frauen mit ihren Herausforderungen und Konflikten umgegangen sind, welche Entscheidungen sie getroffen und welche Prioritäten sie gesetzt haben. Dies regte mich an, auch mein eigenes Leben zu überdenken und Dinge anders zu gewichten.

Der Roman stellt eindringlich und nachdenkenswert wichtige (zeitgenössische) Themen dar: Funktionalität von Familiensystemen, Mehrfachbelastung von Müttern, Rolle der Väter, Beziehung zu den Kindern sowie die Pflegesituation der eigenen Eltern. Es geht zudem um ökonomische Not und soziale Ungleichheit, um Selbstverwirklichung und nicht zuletzt um Schuld und Verantwortung.

Fazit: Ein fesselnder, psychologisch spannender, emotional bewegender und zum Nachdenken anregender Roman. Sehr lesenswert!
425 reviews4 followers
February 16, 2025
Der Roman beginnt mit Klaras Tod, einem mysteriösen Absturz beim Wandern, der im Verlauf der Geschichte als unausgesprochener Katalysator wirkt. Dieser erzählerische Kunstgriff – die Umkehrung von Anfang und Ende – verleiht dem Werk eine dichte Atmosphäre, die von Beginn an Spannung aufbaut. Susanne Gregor meidet spektakuläre Wendungen zugunsten eines subtilen Spiels aus Andeutungen, Rückblenden und leisen Beobachtungen, die viel Raum für eigene Deutungen lassen. Muss man nicht mögen, ich fand es super gemacht.
Die Stärke des Romans „Halbe Leben“ liegt in der psychologischen Ausgestaltung seiner Figuren. Klara und Paulína werden in all ihrer Widersprüchlichkeit und Ambivalenz gezeichnet. Klara, die in der Illusion lebt, alles unter Kontrolle zu haben, wirkt einerseits bewundernswert zielstrebig, andererseits distanziert und emotional unzugänglich. Paulína hingegen, die scheinbar selbstlos den Haushalt übernimmt, trägt eine Last, die in jeder Geste und jedem unausgesprochenen Gedanken spürbar wird. Es ist ein Gleichgewicht, das ständig zu kippen droht – zwischen Nähe und Abhängigkeit, Dankbarkeit und Ausbeutung. Ein Balanceakt.
Gregor seziert mit beeindruckender Präzision die soziale Ungleichheit zwischen den Frauen und deren Lebensrealitäten. Dabei stellt sie unbequeme Fragen: Was bedeutet es, wenn Fürsorge zur Dienstleistung wird? Welche emotionalen und gesellschaftlichen Kosten birgt ein System, das familiäre Verantwortung auslagert? Besonders eindringlich ist Gregors Blick auf die unsichtbaren Opfer dieses Arrangements – Paulínas Kinder, die von ihrer Mutter nur aus der Ferne betreut werden, während sie sich um Fremde kümmert.
Die Sprache des Romans ist unaufgeregt und prägnant, und gerade in ihrer Reduktion entfaltet sie eine enorme Intensität. Susanne Gregor gelingt es, ohne Pathos oder moralische Urteile die innere Zerrissenheit ihrer Figuren spürbar zu machen. Ihre Worte wirken wie feine Nadelstiche, die den Leser immer wieder zum Innehalten zwingen.
Halbe Leben ist ein Roman, der weit über die individuelle Geschichte hinausgeht und den Finger auf eine der drängendsten Fragen unserer Zeit legt: die Last und Verteilung von Care-Arbeit. Dabei bleibt das Buch wohltuend unsentimental, fast dokumentarisch, ohne dabei an Emotionalität zu verlieren.
Fazit: Mit ihrem Roman Halbe Leben legt Susanne Gregor ein vielschichtiges Werk vor, das sich der feinen Vermessung zwischenmenschlicher Abgründe und gesellschaftlicher Verwerfungen widmet. In einer klaren, nüchternen Prosa erzählt sie von Klara, einer erfolgreichen Architektin, die für das Leben ihrer Mutter Irene nach deren Schlaganfall eine Pflegerin engagiert: Paulína, eine Frau aus der Slowakei, deren eigene Familie unter ihrer Abwesenheit leidet.
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580 reviews3 followers
January 28, 2025
Zwei Frauen, zwei ganz und gar unterschiedliche Leben

Von Anfang an ist klar, wohin sich das Schicksal wendet, denn der Roman beginnt mit Klaras Tod. Sie war mit Paulína, der Pflegerin ihrer Mutter Irene, unterwegs auf unwegsamem Gelände. Dabei ist sie an einer mit Moos überdeckten Stelle abgerutscht und fünfzig Meter in die Tiefe gestürzt. Ein ungewöhnlicher Anfang für ein außergewöhnliches Buch, das rückblickend von der Ungleichheit zweier Frauen und deren so unterschiedlicher Leben erzählt.

Nach Irenes Schlaganfall ist klar, dass sie Rundumbetreuung benötigt und was liegt da näher, als auf Pflegekräfte zurückzugreifen, die direkt im Haus wohnen. In der Slowakin Paulína findet Klara die perfekte Betreuerin, deren Dienst sich vierzehntäglich mit dem Pfleger Radek abwechselt. Vor allem Paulína ist es, die sich nebenbei um die ganze Familie kümmert – sie kocht, sie putzt, sie wäscht. Ihre Dienste werden nur zu gerne angenommen, es kommt immer wieder zu Mehrarbeiten, Tage und Wochenenden soll Paulína dranhängen, obwohl die Familie genau weiß, dass auf Paulína daheim ihre beiden Söhne warten, die während ihrer Abwesenheit von der Schwiegermutter betreut werden. Paulína schafft den Spagat zwischen ihrem Arbeitsverhältnis und ihrer eigenen Familie, aber irgendwann kommt es dazu, dass sie dieses Missverhältnis nicht mehr will.

„Paulína könntest du… würdest du… ich wäre dir so dankbar, wenn du…“ Es sind diese Suggestivfragen, die sie ständig unter Druck setzen.

Susanne Gregor zeigt auf, wie kleine Gefälligkeiten überhand nehmen. Die einen fordern immer mehr, bemerken gar nicht, dass sie zu weit gehen, dass sie Grenzen einreißen, dass sie sich keine Gedanken um den anderen machen, sie gar nicht nachdenken wollen, was sie ihrem Gegenüber abverlangen.

Der Roman stimmt nachdenklich. Vor allem Paulína konnte ich sehr gut verstehen, wenngleich ich ihre Handlungsweise nicht in Gänze nachvollziehen wollte. Sie ist in einer monetär nicht gerade günstigen Lage, ist dadurch – als Alleinverdienerin - gezwungen, eine lukrative Beschäftigung anzunehmen. Klara indes ist karriereorientiert, sie ist eher egoistisch und meint, mit einem gelegentlichen Geldschein ihrer Sorgfaltspflicht als Arbeitgeberin nachzukommen. Dass das Menschliche dabei außer Acht gelassen wird, sieht sie nicht. Diese beiden und auch die anderen Charaktere sind gut beobachtet und überzeugend dargestellt, die Zerrissenheit zwischen dem Beruf, dem Geld-verdienen-müssen und die nagenden, immer stärker werdenden Schuldgefühlte der eigenen Familie gegenüber sind absolut nachvollziehbar. Ein starkes Buch, ein lesenswertes Buch.
Profile Image for Franziska Dreßler.
140 reviews
February 1, 2025
Emotionales und komplexes Meisterwerk!

Das Leben von Klara, der erfolgreichen Innenarchitektin, ist völlig auf den Kopf gestellt, als ihre Mutter Irene einen Schlaganfall erleidet und ihr Leben nicht mehr alleine bewerkstelligen kann. Sie wird, wie übrigens in Deutschland knapp 5 Millionen andere Menschen auch, pflegebedürftig. Es wird klar, dass Hilfe benötigt wird, die in Form von Paulina, einer slowakischen Pflegerin herbeieilt und der ganzen Familie wieder Halt und Normalität zurückbringt.

Eindrücklich sehen wir, wie Paulina das Leben der ganzen Familie erleichtert, es besser macht, die Familie wieder funktionieren lässt- doch für welchen Preis? Der wird schnell ersichtlich, der Preis ist die Entwurzelung ihres eigenen Lebens, die Entfremdung der eigenen Söhne, die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft, der Zwiespalt zwischen finanzieller Unabhängigkeit und ihrem Dasein, dem körperlichen Anwesendsein als Mutter. Denn Paulina lässt für die Arbeit ihre eigenen Kinder immer zwei Wochen bei der Schwiegermutter, die sie in dieser Zeit betreut. Wird Paulina in Klaras Welt immer mehr in die Familie integriert und ein fester Bestandteil von dieser, bröckelt doch langsam ihr Leben in der Heimat. Die Söhne ziehen sich zurück, ihre eigene Zugehörigkeit scheint ihr zu entgleiten und die Heimat fühlt sich nur noch nebulös nach einer Heimat an. Und obwohl ihre Arbeit von der Familie geschätzt wird, ist es doch immer ein Leben im Verborgenen, eine Arbeit in der vieles noch immer als selbstverständlich gesehen wird. Es ist ein halbes Leben.

Ein so vielschichtiger und wichtiger Roman, dass er kaum in Worte zu fassen ist. Ein Roman, der die Belastung, die es als Familie bedeutet, sich um einen Familienangehörigen zu kümmern und für diesen alles zurückzustellen, Ausdruck verleiht, greifbare und feinsinnige Emotionen gibt.
Er macht das Zusammenspiel der Generation sichtbar, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, er zeigt Mütter die wieder selbst zu Kindern werden, Schuldgefühle und die Aufopferung, mit der ausländische Pflegekräfte ihre so wichtige Arbeit verrichten und dabei ihr eigenes Leben auf der Strecke bleibt. Und sichtbar macht, dass sich nicht jede Mutter perfekt in das vorgefertigte Rollenbild fügt und manchmal weit hinter veralteten Erwartungen der Gesellschaft, aber auch ihren eigenen, zurückbleibt.

Beeindruckend, emotional und absolut lesenswert.
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