»Über Geschmack lässt sich streiten, über die Klugheit und Relevanz dieses Buches nicht!« Samira El Ouassil
Der ausgewiesene Skandalforscher und Literaturwissenschaftler Johannes Franzen fragt, warum Konflikte über Geschmack, Kunst und Kanon so heftig eskalieren. Wer einmal erlebt hat, wie der eigene Lieblingsfilm heruntergemacht wurde, oder wer einen Verriss des Lieblingsbuches gelesen hat, der kennt das tiefe Gefühl des Unwillens, das eine solche Attacke herausfordert. Empört möchte man widersprechen, den Roman oder den Film verteidigen – und damit auch sich selbst. Johannes Franzen sieht im Streiten über Geschmack eine wichtige Kulturtechnik und versammelt eine Fülle von Kontroversen und Skandalen aus der Literatur-, Film- und Musikszene von Madame Bovary bis Breaking Bad, von Lolita bis Till Lindemann. Kurzweilig und klug analysiert er, warum wir in Bezug auf Romane, Songs, Computerspiele oder Serien starke Emotionen wie Begeisterung und Wut, Liebe und Scham entwickeln, und warum Konflikte über diese Gefühle so wichtig und produktiv sind.
»Johannes Franzen legt eine fesselnde Theorie des Streits vor, die unser Verständnis von Kultur maßgeblich prägen wird. Intellektuell tiefsinnig und hochspannend.« Carolin Amlinger
Warum (zer)streiten wir uns über die Bewertung von Filmen, Büchern, bildender Kunst, PC-Spielen und Musik, fragt Johannes Franzen. Und nicht über das Überleben unseres Planeten, die Weltwirtschaft oder die realen Probleme einer alternden Gesellschaft, ließe sich ergänzen. Eine spontane Erklärung wäre, weil wir privilegiert sind, Zeit dazu haben und Soziale Medien uns nahezu barrierefrei Kommentarmöglichkeiten bieten. Johannes Franzen analysiert, welche Verlustängste Konflikte um Lieblingsfilme, Idole und generell Klassiker unserer Jugend auslösen und warum diese Konflikte so schnell eskalieren. Bei der Ankündigung seines Buches hatte ich mich gefragt, ob die Kulturszene betreffende Geschmacksfragen von Durchschnitts-Bürgern überhaupt noch nachvollzogen werden können.
In Franzens Betrachtung zeigt sich als psychologisch interessant, warum wir Idole und Kunstwerke so vehement in Besitz nehmen, dass wir durch Kritik daran zu kränken sind, und warum uns der Distinktionsgewinn durch Bewertung (Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen) so wichtig ist. Distinktion trennt Eliten von „der Masse“, unterscheidet Hoch- und Popkultur, deren Zusammenstoß immer öfter zu eskalieren scheint. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Kritik und Nutzerprotesten sollten bedacht werden, z. B. im einfachen Wettbewerb um Sichtbarkeit: wenn A Talkshoweinladung, Schlagzeilen, Preis, Stipendium oder Planstelle erhält, verdrängt das zugleich B aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Als Beispiel eines *-Sturms lesen wir über den Konflikt zwischen Oprah Winfrey, dem US-Autor Jonathan Franzen und dessen Verlag um die Empfehlung eines seiner Romane samt Aufkleber „Oprahs Book Club“. Autor und der Verlag hatten offenbar nicht bedacht, dass diese Kennzeichnung Umsätze generieren, aber zugleich treue Leser Franzens verprellen würde, für die Bestseller-Aufkleber einer Negativauswahl gleichkommen. Auch die deutsche Buchbranche konnte sich allein durch das Anbringen von Bestseller-Aufklebern hartnäckige Feinde machen … Franzen zeigt als weitere Beispiele für ausufernde Konflikte die Auszeichnung der Autorin Judith Zander, das Gomringer-Gedicht, Game of Thrones, Ego-Shooter, J.K. Rowling und Transidentität, Till Lindemann, Winnetou, die Auswirkung der MeToo-Debatte auf die Trennung von Werk und Autor (hier Woody Allen, Michael Jackson), sowie Attacken auf Kunstwerke durch Klimaaktivisten. Ob Kinderbuch-Klassiker sprachlich überarbeitet werden dürfen (was die Literatur-Blase in Deutschland intensiv beschäftigte), behandelt Franzen kurz und schmerzlos: eine Doppeladressierung an Kinder der Gegenwart und nostalgische Gefühle Erwachsener sei eine unerfüllbare Erwartung und ein Konflikt daher zwangsläufig. Nostalgie ist offenbar eines der mächtigsten Gefühle, das die gute Kinderstube außer Kraft setzen kann …
Interessant fand ich in „Wut und Wertung“ den Exkurs zur Pflichtrezeption von Literatur in der Schule (produziert ein Kanon nicht zwangsläufig eine Gegenbewegung?), sowie Musik in Dauerschleife in der Öffentlichkeit – könnten beide Phänomene durch die Macht/Vorauswahl einer kleinen Gruppe unsere Kränkbarkeit gesteigert haben?
Im Dreieck Kunstwerk, Publikum und Kritik haben sich durch niederschwelligen Zugang zu sozialen Medien die Seitenverhältnisse verschoben. Warum diese Verschiebung Wut, Schadenfreude, Mobbing und Hasskommentare überschwappen lässt, dafür findet Johannes Franzen Beispiele aus Film, Gaming und Literatur. Die Auswahl herangezogener Beispiele fand ich (nach dem Exkurs zu „Oprahs Stickern“) glücklicherweise vielfältig, plausibel und befeuernd für die nächste Geschmacks-Diskussion am Familientisch.
... Ein Streit über Relevanz allein sei bereits Beweis der Relevanz, so Franzen im Interview.
Untertitel und Leitfrage des Buches, „Warum wir über Geschmack streiten“, ist im Grunde schnell beantwortet: Der individuelle Geschmack ist Merkmal unserer Identität, ein Angriff auf das, was uns gefällt, ist damit ein Angriff auf unsere Persönlichkeit. Deshalb werden viele Debatten um Kunst und Kultur mit maximaler Emotionalität geführt, und das im Bereich der Hoch- wie auch der Populärkultur (deren Antagonismus zuweilen selbst Gegenstand des Streits ist). Franzen untersucht das Phänomen anhand hochaktueller Debatten, die insbesondere mit dem Siegeszug der sozialen Medien zunehmen, weil hier die traditionellen Gatekeeper wie Redaktionen, Verlage und Lektorate als Filter wegfallen (der Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung löst sich damit auf) und im Grunde jeder mit einem Social-Media-Account zu den jeweiligen Debatten beitragen kann, sei es in Form sachlicher Kritik, sei es in Form von undifferenzierter Pöbelei. Sein theoretisches Fundament ist Bourdieus Feldtheorie, insbesondere die Vorstellung eines „kulturellen Kapitals“, das es anzuhäufen gilt, um im kulturellen Feld Anerkennung zu finden und in der entsprechenden Hierarchie aufzusteigen. Verschiedene rezeptionsästhetische Haltungen wie z.B. das „guilty pleasure“, „hate-watching“ oder parasoziale Beziehungen, aber auch das Problem von Kanonisierung und Schullektüre werden durchdekliniert, häufig auf sehr kluge und anregende Weise. Dabei wird deutlich, dass Streit häufig dann entsteht, wenn der emotionale Affekt der differenzierten Betrachtung der Gegenseite im Wege steht. Etwa in der Debatte um die Winnetou-Romane ging es keineswegs, wie von der Gegenseite dargestellt, darum, den ganzen Karl-May-Kosmos zu zensieren, sondern lediglich zu diskutieren, ob das hier dargestellte Bild amerikanischer Ureinwohner heute noch zeitgemäß ist. Doch die Emotionalität, mit der derartige Debatten geführt werden, ist für Franzen ex negativo ein Beleg für die gesellschaftliche Relevanz von Kunst.
Zwei Punkte reizten dabei allerdings auch meinen Widerspruch bzw. beschlich mich der Eindruck, dass manches an dem Buch nicht ganz zuende gedacht ist oder Franzen sich selbst nicht klar genug positioniert. Das betrifft zum einen das Problem der Schullektüre, die in der Regel von Schüler*innen zwangsweise und häufig widerwillig rezipiert wird (manche sprechen sogar von „Trauma“) und die mittlerweile ihren Frust darüber in den sozialen Medien ausleben. Franzen führt hier das Beispiel „Effi Briest“ an, ein Roman, der von einer Mehrzahl der Schüler*innen als kompliziert und langweilig empfunden wird. Er weist zurecht darauf hin, dass „Langeweile“ eine Bewertungskategorie der von den Jugendlichen bevorzugt rezipierten Unterhaltungskunst ist, der sich die „hohe“, kanonisierte Kunst entzieht, ja die zuweilen im Gegenteil die Langsamkeit und Handlungsarmut, auch die an Fontane kritisierte sprachliche Komplexität, als Qualitätsmerkmale anerkennt. Dabei versäumt Franzen allerdings darauf hinzuweisen, welchen Zweck die Auseinandersetzung mit der „hohen“ Literatur im Deutschunterricht verfolgt, und hier erweist sie die Bezugnahme auf Bourdieu als Schwäche: Wenn man nämlich mit Bourdieu argumentiert, geht man davon aus, dass man schwierige Kunst rezipiert, um im kulturellen Feld aufzusteigen, Anerkennung der übrigen Mitglieder dieses Feldes zu erlangen, möglicherweise auch dieses kulturelle Kapital in ökonomisches umzusetzen (etwa in Form eines bestandenen Abiturs, das dann zu einer akademischen Karriere befähigt). Die schwierige Deutschlektüre ist dann nur eine Hürde, über die man springen muss, um die bürgerliche Laufbahn einzuschlagen. Dies entspricht aber nicht dem klassischen Bildungsideal, das die Auseinandersetzung mit anspruchsvoller Kunst als Weg zur persönlichen Vervollkommnung betrachtet, das Bildungsideal eines Friedrich Schiller oder Wilhelm von Humboldt scheint Franzen nicht auf dem Schirm zu haben. Auch das Problem der Auseinandersetzung mit Lyrik in der Schule durchdringt er nicht völlig: Anhand der massenhaft geäußerten Frustration von Abiturient*innen über ein Gedicht, das Inhalt einer zentralen Deutsch-Prüfung war, das aber keine der zuvor im Unterricht behandelten Formmerkmale aufwies, wirft Franzen die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Gedichtanalyse in Prüfungssituationen auf. Auf hier liegt das Problem aber eher im Mangel an intrinsischer Motivation in der Auseinandersetzung mit Literatur: Anstatt sich wirklich in der inhaltlichen Durchdringung eines Textes zu schulen – und nirgendwo kann an das so intensiv wie in der modernen Lyrik – werden Formmerkmale, Metrik und Reimschemata gepaukt, in der Hoffnung, in der Prüfung „was in der Hand“ zu haben. Auch hier ist das Problem also der Mangel an wirklicher persönlicher Auseinandersetzung mit Literatur, nicht dass die Schüler*innen zu etwas „verdonnert“ werden, was ihnen widerstrebt.
Zum andern war ich nicht ganz glücklich mit Franzens Behandlung des Problemkomplexes von Kunst und Moral. Am Beispiel von Woody Allen zeigt er, wie moralisch problematisches Verhalten eines Künstlers seine Kunst „kontaminiert“, in Anlehnung an Genette führt er hier die Kategorie des „giftigen Paratextes“ ein. Die so häufig proklamierte Trennung zwischen Kunst und Künstler lässt er nicht gelten. Hier finde ich, macht er es sich zu einfach, und indem er Beispiele wie Michael Jackson oder Rammstein heranzieht zeigt er selbst, dass diese Haltung nicht für alle Konsument*innen gilt, zwar zeigen Aggressionen, Lügenvorwürfe und „victim blaming“ gegen die Ankläger*innen, dass vom jeweiligen Fandom zuweilen eine Unschuldssituation konstruiert werden muss, dabei vernachlässigt Franzen, dass sehr viele Fans auch mit dem moralischen Widerspruch leben – so wie wir mittlerweile in nahezu jeder Konsumsituation Widersprüche in Kauf nehmen (Fleischverzehr trotz Kritik an Massentierhaltung, Flugreisen trotz dem Wissen um den CO2-Fußabdruck, der Kauf von Fast Fashion trotz dem Wissen um die Produktionsbedingungen usw.). In Bezug auf die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Moral fand ich die Argumentation von Claire Dederer (https://www.goodreads.com/book/show/6...) wesentlich differenzierter und überzeugender.
Die Ausführlichkeit, mit der ich mich hier mit den Kritikpunkten befasst habe, verschleiert etwas den überwiegend positiven, anregenden Eindruck, den ich insgesamt von dem Buch hatte. Franzens Stärke ist die Auseinandersetzung mit aktuellen, insbesondere popkulturellen Debatten, dem Bereich der kanonischen Kunst steht er nach meinem Eindruck etwas distanzierter gegenüber, insofern ist dieses Buch eher dem Bereich der „cultural studies“ zuzuschlagen als der Literaturwissenschaft im engeren Sinne, aber dafür eben umso aktueller und relevanter.
Anschaulich, lehrreich und unterhaltsam setzt sich Johannes Franzen mit Aspekten der emotionalen Rezeption von Kunst aller Art auseinander, um zu guter Letzt die Frage zu beantworten, warum wir Menschen uns denn so wahnsinnig gerne über Geschmack und Kunst streiten. Dabei bezieht er sich auf allerlei bekannte Beispiele aus Hoch- wie Popkultur bis hin zu Computerspielen. Besprochen werden z.B. Konzepte wie Guilty Pleasure, die Liebe zum Verriss, Zensurdebatten oder Rezeptionsdruck durch Kanon und Schullektüren (Stichwort Effi Briest-Trauma), um nur wenige der aufgegriffenen Themen zu nennen. Spannend auch die vielfältigen Auswirkungen der Digitalisierung, die etwa Plattformen wie dieser hier Bedeutung einräumt, wo jede dahergelaufene Leserin ihren Senf zu einem Buch abgeben kann ;) Insgesamt eine große Empfehlung!
Was Franzen in diesem Buch sehr schön gelingt, ist zu zeigen, dass wir uns über Geschmack streiten. Was er nicht einmal ansatzweise versucht zu erklären ist, warum wir streiten. Es sei denn man akzeptiert als Erklärung die Tatsache, dass Leute, die in der Schule gezwungen wurden, irgendein Werk der Weltliteratur zu lesen, genau darum dieses Werk hassen und das auch ausdrücken.
Besonders reitet er auf einer angeblich ausgeprägten Abneigung der Menschen gegenüber Effi Briest herum (so sehr, dass man nicht umhin kann anzunehmen, dass er diesen Roman abgrundtief verachtet.) Natürlich wird über dieses Buch geschimpft, aber was Franzen insinuiert ist, dass die mindere Qualität (Langeweile) des Buches die Leute aufregt und sie mit adäquater Lektüre glücklich gewesen wären. Was er außer Acht lässt ist, dass 90% das Lesen an sich als Angriff auf die Menschenwürde betrachten. Ihnen wäre auch nicht geholfen, wenn „Donald und der Schatz der Gapas-Gapas“ Schullektüre gewesen wäre.
Kurios ist das Beispiel der Literaturwissenschaftlerin, die eigentlich am liebsten Dornenvögel und Kochbücher liest, und die von der Gesellschaft gezwungen wird, sich stattdessen mit sogenannter Hochliteratur zu beschäftigen. Wieder insinuiert Franzen, dass es sich dabei um ein schreiendes Unrecht handelt. Anstatt die Ansicht in Erwägung zu ziehen, dass die Frau vielleicht einfach nur blöd ist, und auf jeden Fall den falschen Beruf gewählt hat.
Ich sage „insinuiert“, weil Franzen so gut wie nie Stellung bezieht, er referiert alle Kunst- und Kulturskandale mindestens der letzten hundert Jahre von Lolita bis Winnetou, von Spacey zu Eckart. Und zu gern wüsste man, was er davon jeweils hält.
Ein einziges Mal erwähnt er seine eigene Meinung zu einer Geschmacksfrage (er hält Teile der Verfilmung von Herr der Ringe für langatmig). Und aus einer geradezu aggressiven Besprechung von Harold Bloom kann man schließen, dass er grundsätzlich gegen jeden Kanon ist. (Klar sind die subjektiv, kulturrelativ, aber andererseits finden Menschen auch Anregungen zu Lektüre.)
Einmal nennt er es traurig, dass nach einer Umfrage, Studenten zu unterscheiden wussten zwischen Werken, die sie für „objektiv" wertvoll hielten („Lord Jim“), und denen, die sie selbst gern lasen. Ich finde das nicht traurig, sondern ganz und gar großartig. Es zeigt das Vermögen, sich selbst nicht als den Nabel der Welt zu sehen.
Im Zweifel, scheint mir, ist Franzen auf der „woken“ Seite, was zum Beispiel daran zu erkennen ist, dass im Fall von Cancel Culture und Vorwürfen, dass die Freiheit der Kunst in Gefahr ist, von ihm immer ein „angeblich“ eingestreut wird. Und daran, dass er (oder der Verlag?) gendert. Wobei ich dann immer über die Ausnahmen stutze. In einem Satz kommt ein Griechischlehrer und eine Literarturprofessor:in vor. Gibt es gar keine Griechischlehrerinnen? (Ich kann übrigens auf den Doppelpunkt gern verzichten. Ich würde auch so aus dem Kontext erkennen, ob und wann Männer mitgemeint sind.)
Meiner Meinung nach ein sehr gutes Buch, das mir auch richtig gut recherchiert scheint. Ich hab viel gelernt und konnte super viel mitnehmen. Finde die Thematik insgesamt sehr spannend! Ich mochte vor allem auch, dass es so aktuell ist und daher auch aktuelle Diskurse/Themen aufgreift.
Ganz am Ende dieses durchaus sehr guten Buches stellt Franzen DIE eine Frage und beantwortet sie auch gleich:
Warum streiten wir über Kunst? Weil es so viel Spaß macht!
(S. 395)
Was das und er und die Seiten vorher nicht beantworten, warum sich z.B. Marga Stokowski nicht entblödet, in ihrer Kolumnen über Caroline Wahl einen Satz wie
In meiner sogenannten Bubble findet man Caroline Wahl eher doof.
rauszuhauen.
Es erklärt nicht, warum sich eine Literaturkritikerin wie Eva-Sophie Lohmeier nicht entblödet, Caroline Wahls Bücher auf "eisblaue Augen" und einen Hartschalenkoffer zu reduzieren.
Es erklärt auch nicht, warum sich die Youtuberin Alicia Joe nicht entblödet, Verschwörungstheorien über Taylor Swifts Beziehungsstatus in die Welt zu plappern und warum sich Sophie Passmann nicht entblödet, eine Reaction darauf zu posten.
Geld. Sehr sehr häufig wird nicht über Geschmack und Kunst gestritten, weil es Spaß macht, sondern weil es ein Job ist, weil es Clickbait ist, weil am Ende des Tages z.B. YouTube oder Der Spiegel die Miete zahlen.
Das und das leider große Thema Misogynie kamen mir viel zu kurz in Franzens Buch. Auch hätte ich gerne eine Antwort gefunden auf die von Sophie Passmann in den Kritiker*innen-Raum geworfene Aussage, dass BookTok-Kritiken per se shice sind, weil handwerklich schlecht gemacht. Wie soll also eine Laien-Kritik/-Rezension aussehen?
Ansonsten ein sehr gutes Buch, aber, Zitat S. 25: ›Dafür bin ich nicht die Zielgruppe.‹ Es ist schon SEHR anspruchsvoll. Und ich würde fast empfehlen, es zusammen mit Claire Dederers "Monsters" zu lesen. Das ist für mich eine perfekte runde Kombi.
Was aber lustig ist: Goodreads empfiehlt mir, den Zauberberg zu lesen, weil ich Wut und Wertung lese. Was ich ja seit dem 1. Januar mache.
[I use the Goodreads rating exactly as it reads. (1- I didn't like it, 2- It was OK, 3- I liked it, 4- I really liked it, and 5- I loved it.) ]
Ich würde mich gerne dem weitverbreiteten Lob anschließen, aber bei mir hat Wut und Wertung über lange Strecken eher Widerwillen und Wankelmut (sorry) ausgelöst. Das lag primär daran, dass sich Fallbeispiel an Fallbeispiel reiht und die Kapitel irgendwie so ineinanderfließen. Was total schade ist – denn die Passagen, in denen Franzen die reine Vermittlung zurückstellt und auch seine Meinung stärker präsentiert, sind um einiges interessanter. Ihm gelingt es besonders gut, die Komplexität hochemotionalisierter Diskurse aufzuzeigen – zum Beispiel, dass in den (ermüdenden) Debatten über Neuauflagen von Romanen, in denen Rassismen getilgt wurden, weniger Einzeltexte als Identitäten debattiert werden. Kurzum: Trotz repetitiver Passagen eine anregende Lektüre über die Höhen und Tiefen des Streitens mit und über Kunst.
Nur zur Hälfte gelesen, bin früh zum Index gegangen und habe z.B. nachgelesen, warum Rowling so gedisst wurde. Das ist alles ganz informativ, aber das Buch hat einen Fehler: es ist oft langweilig. Warum, das sieht man schon am Untertitel "Warum wir über Geschmack streiten". Es ist das "wir", das schon ankündigt, dass hier allgemeingültige Erklärungen über unser Leseverhalten geboten werden. Johannes Franzen ist natürlich sehr angenehm gebildet, er bringt auch alles immer auf einen interessanten Punkt, aber im Namen einer übergeordneten Objektivität. Er selber haut nie auf die Tonne. Er objektiviert die Frage, ob man noch Woody Allen gucken kann, aber er sagt nicht, ob er es selbst noch tut. Ganz anders als Claire Dederers "Monsters. A Fan's Dilemma", die damit hadert, ob sie sellbst noch Woody Allens Filme gucken darf / mag und von dort aus weiterdenkt, das ist einfach interessanter. Weil eigentlich will man nichts erklärt bekommen, von einer übergeordneten Warte, sondern mit auf die Reise genommen werden. Sonst ist das wie Effi Briest in der Schule lesen müssen (Effi Briest im Schulkanon und warum man sich da später für rächt, das ist ein Beispiel aus dem Buch von Johannes Franzen, schöne Idee und gut ausgeführt, wenn nur das "wir" nicht wäre...).
Da ich Transparenz ja so sehr liebe, hier meine: Ich kenne und schätze Johannes noch aus Twitter-Zeiten. Umso erleichtert bin ich, dass mir das Buch auch tatsächlich zugesagt hat! Es ist zum einen, wie auch im Schlusswort erwähnt, eine Art Panorama von Konflikten, die Kunst und ihre Wertung auslösen können. Dies bringt eine gewisse inhaltliche Dichte mit sich, die aber durch den angenehmen, eloquenten Schreibstil gehalten wird. Zum anderen wird hier aber auch eingeordnet und analysiert, kontextualisiert wo nötig. Das gibt dem Buch zusätzlich eine gute Grundlage für alle, die sich mit den Thematiken auseinandersetzen wollen. Kann es nur empfehlen!
Es existiert eine stillschweigende Übereinkunft, dass Werke der Kunst und Kultur Teil unserer kulturellen Identität sind. Diese Übereinkunft ist nur vage in allgemeine Kategorien oder Kanones formuliert und bedarf des ständigen Aushandelns, was als gut, was als schlecht, was gar als Schund oder Kitsch zu werten sei. Mit der stillschweigenden Übereinkunft ist es jedoch vorbei, sobald die Kategorien im Gespräch oder auf medialen Plattformen die Ebene konkrete Werke streift und die gesellschaftlich-kulturelle Identität auf die subjektive herunterbricht. Hier erschöpft sich diese stillschweigende Übereinkunft schnell und oft genug in dem bekannten, deeskalierenden Satz, über Geschmack ließe sich nicht streiten. Dass man sehr wohl streitet, sogar viel öfter und heftiger als gedacht, ja dass diese Streitigkeiten zerbrochene Freundschaften und verbrannte Idole bedeuten, von Gegnerschaften in Feindschaften umschlagen können, zu gesellschaftspolitischen Debatten führen, liebgewonnene Selbstverständlichkeiten nachhaltig in Frage stellen oder Kanones verändern, belegt Johannes Franzen anhand zahlreicher Beispiele von den Astor Riots Mitte des 19. Jahrhunderts mit Toten und Verletzten bis hin zu gefechtsartigen Kontroversen im digitalen Raum. Der Autor zitiert an vielen Stellen Bourdieus „Die feinen Unterscheide“, einmal als naheliegende Referenz eines recht bekannten Grundlagenwerks umfangreicher Kulturbetrachtung, darüber hinaus aber auch als Beispiel für die im Feuilleton immer noch bestehenden Gatekeeper-Ansprüche eines Kunstparadigmas, das durch neue Kulturtechniken und Möglichkeiten der Teilhabe, Partizipation und Gemeinschaftsbildung innerhalb der Sozialen Medien im digitalen Raum zunehmend erodiert. Franzens Sachbuch gehört zu den besten, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Was es zu einem inspirierenden und wertvollen Lesevergnügen macht, ist nicht nur der Umfang und die Komplexität unterschiedlichster Aspekte von Streitpotentialen, die von Kunstparadigma-Verfechtern, Elitismus und Werkheiligkeit über Vergemeinschaftungstendenzen und unterschiedliche Rezeptionsmechanismen bis zu den Phänomenen der Fan-Kulturen im öffentlichen und digitalen Raum reicht. Ich habe in letzter Zeit nur selten ein Buch in der Hand gehabt, bei dem man derart aufpassen muss, nicht eine einzige Seite zu verpassen. Es macht Spaß, der Dichte von Franzens Beispielen und Analysen zu folgen, die weder prosaisch zu ausufernd, noch zu journalistisch verknappt sind. Entscheidend ist auch die Unterlassung des Autors eigener Werturteile. Franzen beschreibt lediglich die Phänomene und Mechanismen des Streits um kulturelle Werke, seine Thesen sind sehr genaue und detaillierte Analysen, aber er vermeidet es als Kulturwissenschaftler klug, sich auf eine Seite zu schlagen, also selbst Teil eines Streits zu werden und damit dem Thema des Buches zu schaden. Man ahnt zwar, wo seine jeweiligen Sympathien liegen, aber er vermeidet es, aus diesen Sympathien eigene Standpunkte hervorzuheben oder fremde Standpunkte auffällig zu verteidigen. In der Rezeption bleibt so genug Raum, sich selbst eine Meinung zu bilden. Absolute Leseempfehlung.