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CMES Modern Middle East Literatures in Translation

Die Verschwulung der Welt: Rede gegen Rede. Beirut-Berlin

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In 2003, Lebanese writer Rashid al-Daif spent several weeks in Germany as part of the “West-East Divan” program, a cultural exchange effort meant to improve mutual awareness of German and Middle Eastern cultures. He was paired with German author Joachim Helfer, who then returned the visit to al-Daif in Lebanon. Following their time together, al-Daif published in Arabic a literary reportage of his encounter with Helfer in which he focuses on the German writer’s homosexuality. His frank observations have been variously read as trenchant, naïve, or offensive. In response, Helfer provided an equally frank point-by-point riposte to al-Daif’s text. Together these writers offer a rare exploration of attitudes toward sex, love, and gender across cultural lines. By stretching the limits of both fiction and essay, they highlight the importance of literary sensitivity in understanding the Other.

Rashid al-Daif’s “novelized biography” and Joachim Helfer’s commentary appear for the first time in English translation in What Makes a Man? Sex Talk in Beirut and Berlin. Also included in this volume are essays by specialists in Arabic and German literature that shed light on the discourse around sex between these two authors from different cultural contexts.

Paperback

First published June 29, 2009

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About the author

Rashid Al-Daif

25 books130 followers
Rashid Al Daif (Arabic: رشيد الضعيف) (or Rasheed Al-Daif, Rachid El-Daïf, Rachid El-Daif) is a Lebanese poet and novelist. He has been translated into 14 languages. He has been referred to as "the Arab world's answer to Italo Calvino or Umberto Eco".

Rashid El Daif was born into a Christian Maronite family of eight children in Zgharta, Lebanon, in 1945.He studied in his village until high school. Then, he transferred to a government high school in Tripoli, Lebanon which only offered a philosophy degree, despite his penchant for science. After finishing high school, in 1965, he enrolled at the Lebanese University in Beirut in the Department of Arabic Letters. He became well-trained in classical Arabic literature and went to France in 1971 to continue his education.

While in France, he received Ph.D. in Modern Letters (Doctorat in Lettres Modernes) from University of Paris III, known as Sorbonne Nouvelle University Paris 3 on the theory of modern criticism applied to Unshūdat almaṭar, a collection of poems by Badr Shakir al-Sayyab, which was supervised by the distinguished Arabist André Miquel.

From 1972 to 1974, he worked as a teacher of Arabic for foreigners at University of Paris III.

In 1978, he received a Master of Advanced Studies, known in French as a Diplôme d'études approfondies, in linguistics at the University of Paris V, commonly known as “the Sorbonne” in preparation for a second doctoral thesis on diglossia in the Arab countries.

From 1974 to 2008, El Daif worked as an assistant professor at the Lebanese University in the Department of Arabic language and literature. He was a visiting professor at the University of Toulouse, France in 1999. From 2008 to 2013, he was an adjunct professor at the Lebanese American University (LAU). Since 2012, he has served a professor of Arabic creative writing at The American University of Beirut (AUB).

El Daif has received dozens of invitations to speak about his novels from all over the world including in the Netherlands, Japan, Germany, France, the United States.

El-Daif’s work has attracted numerous critical books and articles including by Samira Aghacy, Stefan G. Meyer, Ken Seigneurie, Assaad Khairallah, Paul Starkey, Mona Takieddine Amyuni, Edgar Weber and others. Several university dissertations have also been written on El Daif’s novels. El Daif has also gone on to supervise the publication of at least five novels from his students and in 2018 edited and published a collection of his student's work titled tahīya' li-dawī ḥaḍurī (Get Ready for the Rumble of my Presence).

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Displaying 1 - 4 of 4 reviews
Profile Image for Mano Chil.
278 reviews6 followers
July 18, 2021
The book has a lot of repeated texts. Plus the 2nd half of the book is boring and a lot of academic jargon used.

I liked the idea of the exercise between two cultures but I found it a failure as a book to read. An article would have been suffice.
Profile Image for Klaus Mattes.
758 reviews11 followers
December 24, 2024
Verschiedene, vor allem Berliner Kulturinstitutionen tun sich zusammen und geben das Geld, damit deutsche und islamische Schriftsteller sich begegnen. Erst wird ein Moslem für sechs Wochen nach Deutschland geholt, wo er mit einem europäischen Kollegen, den er noch nicht kannte, einiges unternehmen soll. Dann begleitet der Deutsche ihn für drei Wochen in seine Heimat. Die beiden sind verpflichtet, später einen gemeinsamen Text abzuliefern.

In diesem Fall wurde ein christlicher Araber aus Beirut eingeladen, Rashid al-Daif, damals, 2004/5, in etwa 60. Man erfährt, seine Werke sind kaum einmal ins Deutsche übersetzt worden, aber oft ins Französische. Es gehe vielfach um Geschlechterrollen. Al-Daif kommt aus einem Land, wo die Männer noch richtige Männer und die Schwulen verpönt sind. Doch eine halbwegs offene Schwulen- und Lesbenszene gebe es in Beirut. Die kennt al-Daif allerdings nicht.

Ich weiß aber auch, dass meine persönliche Vorliebe für solche Umarmungen, die wohl ein vertauschbares faktisches, jedoch gerade kein festgelegtes Oben und Unten kennen, durchaus nicht typisch homosexuell sind.

In Berlin möchte man dem Beiruter die großen Museen zeigen. Al-Daif interessieren sie nicht. Alte Gemälde habe er in Florenz genug gesehen. Al-Daif möchte, was er in Beirut täglich tut: sich ins Literatenlokal setzen zum Palaver mit Kollegen. Er spricht aber kein Deutsch, auch Englisch nur bruchstückhaft, sie sprechen also Französisch, doch Berliner Literaten können das im Allgemeinen nicht.

Al-Daif ist in seinem Land und in der arabischen Welt viel berühmter als Joachim Helfer in Deutschland. Er arbeitet als Hochschullehrer, war mit einer Französin verheiratet, hat einen Sohn, lebt teilweise immer noch in Lyon. In der Jugend war er Kommunist. Mehrfach im Leben sei er von Schwulen, westlichen wie libanesischen, angemacht worden, vor allem wegen seines Bartes. Einen Schnurrbart, was das Größte für Schwule wäre, habe er allerdings nicht. Ein Stein sei ihm vom Herz gefallen, als der Sohn mit 14 ein Mädchen anbrachte. Weil er in Frankreich aufgewachsen sei, habe er befürchtet, das Kind könnte drogensüchtig oder schwul werden.

Joachim Helfer ist der typische Deutsche: allwissend, gründlich, beflissen. Er beschreibt uns die Situation der Frau in der islamischen Welt. Er behauptet, der muslimische Mann habe seinen ersten heterosexuellen Sex eher mit 40 als mit 14. Er operiert mit Zahlen arabischer Jünglinge, die wegen Schwulsein in den Suizid getrieben wurden. Dass es in der arabischen Welt eine Tradition der Knaben- und Jünglingsliebe gibt, die dort nicht unter den Begriff der allseits verachteten Homosexualität falle, würde er gerne bestätigt bekommen. Al-Daif sagt nichts. Also muss Helfer weiter erklären. Hinter allem stecke die Verachtung des Weiblichen. Der am passiven Analverkehr interessierte Schwule mache sich selbst zur Frau, also verächtlich. Der wegen Jungfräulichkeitskult ausgehungerte islamische Mann greife in seiner Not nach Jungen, die sich nicht wehren könnten. Er bestimme aber auch die Moral, die nichts Schlechtes daran findet.

Jetzt hören wir, von al-Daif erzählt, dass Helfer als Jugendlicher Sex mit (älteren) Frauen hatte. Im Alter von 19 hat er in Frankreich einen fast 40 Jahre älteren Mann kennen gelernt, mit dem er seit 20 Jahren zusammenlebt. Helfer ist 39, N. knapp 80. Dem alten Mann, einem Galeristen, hat man nach der deutschen Vereinigung ein Berliner Haus mit Garten rückerstattet, in dem sie inzwischen wohnen. Die Galerie hatte er in Frankfurt. (Ubrigens ist er Jude. Daher auch Helfers Roman „Cohn und König“.)

Bis er mir eines Abends nach einem Besuch der Aida in der Neuen Oper Berlin, zu dem er mich eingeladen hatte, bei einem Glas Wein erzählte, dass er von einem jungen Mann träume, der für ihn das sein könnte, was er selbst für N. gewesen sei. Diesem würde er all seine Liebe und Zuneigung geben, so wie N. es getan habe. Und er sei sich sicher, dass die Vorsehung, die unser Universum steuere, ihm dabei helfen werde, seinen Traumjüngling zu finden, ja er zweifle in keiner Weise daran, weil er ihn lieben wolle und ihm alles zu geben bereit sei, was er in Herz und Seele besitze.

(Ich habe anscheinend nicht „das Buch für mich” erwischt.)

In der Wohnung Helfers und seines Freunds scheint jedes einzelne Stück kostbar und alles passt perfekt zusammen. Al-Daif mokiert sich über Helfers häufiges und langwieriges Händewaschen. Helfer bescheinigt den Arabern eine Obsession für Anales. Selbst in Lehmbrucks „Gestürzten“ habe al-Daif einen sich der analen Penetration ausliefernden Jugendlichen erblickt.

Auf seltsame Art reden die beiden meist aneinander vorbei. Helfer sucht nach einem Islamisten, dem er die Humanität Europas erklären kann. Aber al-Daif ist erstens Christ und lässt sich zweitens auf Grundsätzliches ncht ein. Helfer spricht von der öffentlichen Hinrichtung eines schwulen Paares im Iran. Weil der islamische Mann mit Frauen nicht anständig umgehen kann, kommt er mit Schwulen auch nicht zurecht. Das in etwa scheint Helfers Theorie zu sein. Der Blick des muslimischen Mannes auf die Frau gleiche dem des westlichen Heterosexuellen auf die Frauen in den Pornofilmen.

Wer schwule Pornografie kennt, ... dem offenbart heterosexuelle Pornografie auf den ersten Blick die Angst und das Minderwertigkeitsgefühl, das „normale“ Männer vor Frauen empfinden: Kaum je inszeniert sie Lust oder Freude am Körper, fast immer Macht; nicht die Maximierung des Vergnügens in gleichberechtigten und austauschbaren Rollen, sondern fast immer, ob krass oder subtil, Erniedrigung - meist der Frau durch den Mann, manchmal auch umgekehrt.

Gemäß Rachid Al-Daifs Wunsch hatte Helfer in Berlin nach einer Pornodarstellerin gesucht und beim Gespräch als Dolmetscher ausgeholfen. Die zwei Geschwister Helfers haben je drei Kinder. Al-Daif fragt ihn, wie das wäre, wenn eines Geld als Pornodarsteller verdiente. (Wir erinnern uns, er hat sich mal gefragt, wie es wäre, wenn sein Sohn schwul wäre. Dieser Mann will alles Kategorische aufs Persönliche herunterbrechen.)

Freiheit sei das Alleroberste, sagt Joachim Helfer. Das sei Credo des Westens. Und der Begriff Moral ist ihm wichtig. Man könne weiterleben, nachdem einem das Herz gebrochen sei, aber nicht, wenn einem die Moral zerstört werde.

In Wahrheit aber beschäftigte mich ein sehr realer junger Mann, nennen wir ihn Daniel, dessen Heranwachsen ich beobachten und begleiten durfte, der eine ausgeprägte intellektuelle Neigung und Begabung zeigte und sichtlich ebenso gern mit mir über die Dichter und Denker sprach, über die Welt und Gott, wie ich mit ihm, der meine Gesellschaft, die eines homosexuell lebenden Mannes, ebenso zu genießen schien wie ich die seine. In seinem 16. Lebensjahr, wie konnte es anders sein, hatte ich mich in ihn verliebt, ihm diese gegen meinen Willen, gegen alle Einwände der Vernunft in mir wachsende Liebe, dieses nicht geplante und ins eigene Leben auch nicht passende, aber nun mal empfangene Kind, jedoch erst nach seinem 17. Geburtstag endlich gestanden.

Auf einer Bank im Tiergarten hätten sie Platon rezitiert. Starkes Begehren, werde es unterdrückt, rufe Katastrophen herauf, also hätten sie, nachdem die Liebe sich ausgesprochen hatte, auch dem Begehren nachgegeben. Doch dann hat Daniel ihn verlassen.

Eigentlich möchte Helfer sich über Grundsätzliches streiten, aber al-Daif streitet nicht, er forscht aus. Er kommt aus dem Staunen nicht heraus, dass Helfer und sein Mann nicht so sind und nicht so leben, wie er das erwartet hatte. Er macht sich daran, in der Person von Joachim Helfer einen für ihn unbekannten Kontinent zu erforschen, den deutschen Schwulen. (Der Helfer weder ist noch überhaupt zu sein wünscht.)

Mir aber geht es darum, ganz ohne Moral gesprochen, dass eine Gesellschaft, die homosexuelle Beziehungen gesetzlich so festschreibt, dass sie der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt sind, gewissermaßen akzeptiert, dass sie verschwindet und vergeht. Dies gilt insbesondere für die deutsche Gesellschaft.

In der von der Regierung Schröder beschlossenen Einführung des Rechtsinstituts Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft erkennt der Libanese etwas, das seine Unterstützung als politisch denkender Publizist finden sollte. Aber in den USA, Deutschland und Japan sterben die Völker langfristig ja aus! Eine Zwickmühle für Helfer, der für die Homoehe ist, aber am liebsten viele Homopaare mit Kindern sehen würde.

Die Wahrheit ist, dass ich das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, dessen Sprache ich spreche, dessen kulturelle Praxis und Überlieferung mich ebenso tief geprägt hat wie seine Landschaften, nicht nur liebe, sondern dass ich mir trotz allem, auch die Welt ohne den deutschen Beitrag zur Menschheitskultur nur als sehr verarmt vorstellen kann.

Die Zukunft, wie er sie sich wünsche: in ihr würden die Deutschen seine Bücher immer noch lesen und wären nicht etwa ausgestorben, weil sie zu wenige Kinder gezeugt haben.

Joachim liebt Rilke sehr und kennt eine Vielzahl seiner Gedichte auswendig, seit er dreizehn Jahre alt ist. Als ihn seine Mutter fragte, was er sich zum Geburtstag wünsche, antwortete er ohne zu zögern: Die gesammelten Werke von Rilke.

Mit Daniel habe er außer Rilke, Platon, die Bibel, Goethes Faust, Wittgenstein und Bertrand gelesen. Von dem 17-Jährigen muss geredet werden. Der ist zwar jetzt mit einem Mädchen seines Alters zusammen, aber nach wie vor in der Orientierungsphase. Und als Helfer zurück ist, wird eine Fortsetzung ihrer Beziehung erwogen.

Die griechische Knabenliebe habe im Mittelmeerraum überlebt. Sex und Bildung gehören zusammen. Doch habe er nicht das gemeint, als er gesagt hat, von Daniel habe er viel gelernt, - und al-Daif interpretierte: auf sexuellem Gebiet.

Die Freiheit, die diese Glücklichen sich dank des Kampfes ihrer Vorgänger nehmen können, besteht ja gerade darin, zu lieben wen und wie sie wollen, öffentlich zu küssen wen sie mögen, ohne sich dabei in das eine oder andere Schubkästchen zu legen.

1984 ist Joachim 20 gewesen und hat sich mit einem fast 60 Jahre alten Mann zusammengetan. Sex mit Frauen hatte er seither nicht mehr, Sex mit jungen Männern gelegentlich. Ist es nicht merkwürdig, wenn er jetzt von einer harmonischen Zukunft mit seinem alten Mann auf der einen Seite, dem Jungen Daniel auf der anderen träumt, Daniel zugleich aber auch noch mit einem Mädchen zusammenlebt?

Ich dagegen habe das, auch in meiner Gesellschaft nur gerade eben mögliche, keinesfalls übliche Glück, schon im Sowohl-als-auch zu leben: Daniel kennt und mag meinen Lebensgefährten, ich mochte seine Freundin auf Anhieb leiden. Weil ich die Gefühle eines Liebhabers von eher väterlichen Gefühlen zwar unterscheiden kann, es in diesem Fall aber nicht für nötig halte, mich zwischen ihnen zu entscheiden, wäre ich ebenso froh wie Rashid bei seinem Sohn und dessen Freundin, wenn die beiden zusammenbleiben und Kinder haben sollten. Das ist doch das Dumme am Begriff der Identität, dass er Unveränderlichkeit, Endgültigkeit und Ausschließlichkeit behauptet, wo Liebe und Begehren wie das Leben selber stets im Fluss sind, bis zum letzten Atemzug so wenig stillstehen wie je versiegen.


Er glaubt ja fest daran, dass eine Vorsehung, die Gläubige Gott nennen würden, diese Welt steuert und dass sie den nicht enttäuschen wird, der Liebe geben möchte, so wie N., mit dem Joachim lebt und der ebenfalls von dem Wunsch nach einem Liebesopfer erfüllt war, nicht enttäuscht worden ist.

Al-Daif würde gern wissen, ob sie noch Sex haben. Seit 20 Jahren sind sie ein Paar, aber er merkt doch, wie sich Helfer nach seinem Daniel verzehrt. N. ist fast 80, aber al-Daif hat den Eindruck, dass auch er sich erotisch vor allem zur Jugend hingezogen fühlt.

Diese Fehllektüre der westlichen Schwulenkultur ist allerdings verständlich, denn was daran als erstes ins Auge fällt, ist ja tatsächlich die schamlose Übertreibung des Sexuellen und seines Stellenwerts.

Joachim Helfer ist, so will es jedenfalls al-Daif gesehen haben, ein Typ, der mit mehr öder weniger Fremden über sein Sexualleben zu sprechen beginnt. Helfer erzählt, in al-Daifs erstem Roman gebe es eine Szene mit terrorisierten Menschen während des Bürgerkriegs in einem finsteren Bunker. Dort verkehrt ein Professor sexuell mit einer Studentin, weiß später aber nicht mehr genau, welches der Mädchen es gewesen ist. Im Libanon sei das ein Skandal ersten Ranges gewesen. Über konkrete sexuelle Praktiken spricht Helfer niemals. Auch in seinen Büchern habe das keinen Platz. Die seien sperrig genug für den deutschen Literaturbetrieb.

Was speziell unsere, eine Generationsgrenze überschreitende, eben eher im klassischen Sinne griechische als moderne homosexuelle Beziehung angeht, besteht dagegen im Westen ein fast allgemeiner, sich sogar verschärfender gesellschaftlicher Vorbehalt, der auch in der schwulen Subkultur geteilt wird. Und wer von all dem schreibt, landet gerade in Deutschland schnell im Getto der Gay-Books.

Kalkuliert bringt al-Daif den deutschen Kollegen mit einer Frau mit knabenhafter Ausstrahlung zusammen. Es funkt, aber doch nicht so sehr. Dann kommen sie in Kontakt mit einer deutschen, im Libanon arbeitenden Single-Frau, einer Journalistin. Jetzt funkt es stärker.

Von Daniel ist ein Brief gekommen. Er sei nicht schwul und bleibe bei der Freundin. Von N. eine Nachricht, der Arzt habe etwas gefunden. Man weiß noch nichts Genaues. Es stellt sich heraus, Helfers Vater hat die Mutter von Ingrid, das ist die knabenhafte Journalistin, mal gut gekannt. Helfers Eltern sind lange tot.

Das Buch neigt sich dem Ende zu. Ich bin enttäuscht. Ich hatte mir etwas mehr davon versprochen. Warum habe ich das gekauft, zu lesen angefangen, auf den ersten Seiten spannend gefunden?
1. Der Suhrkamp Verlag hat es verramscht, es war billig.
2. Ich erinnerte mich an den Autor Helfer. „Du Idiot“ und „Cohn und König“ hatten mir gefallen. Es ist Jahre her, ich erinnere mich kaum.
3. Vom Titel „Verschwulung der Welt“ versprach ich mir viel. Dass das ein Zitat von Hubert Fichte ist, wusste ich noch nicht. Das Zitat geht so.

Ich glaube wirklich an Freiheit. Und Freiheit kann ja nur Ritenlosigkeit heißen. Ich habe es einmal die Verschwulung der Welt genannt: in einer paradiesisch-feuchten unschuldigen Weise alle diese rituellen Schranken aufzuheben.

Was Fichte meinte, muss ich dahingestellt sein lassen. Für mich schien klar, dass Fichte von „den Schwulen“, nicht nur von sich sprach. Helfers Buch handelt nicht von „den Schwulen“, sondern von seinem Spezialfall. Das für Helfer magnetische Wort dürfte „Freiheit“ gewesen sein. Quer durchs Buch hebt er Freiheit als den höchsten Wert hervor. Er würde von al-Daif gerne hören, dass die Moral und das Gemeinschaftsdenken des Orients auf Kosten der Freiheit der Einzelnen gehen.

Man bemerkt, dass al-Daif das Wort Freiheit kein einziges Mal verwendet. Und er verteidigt den Islam nie. Übrigens ist er Christ. Viel zu spät fragte ich mich, wie das Buch genau entstanden war. Der technische Aspekt. Ein Untertitel sagt: „Rede gegen Rede“. Die Einleitung erweckt den Eindruck, die Männer würden Seite an Seite von einem Podium herab zu einem Publikum sprechen.

Erst jetzt erfahren wir, wie es war. Herbst, Winter 2003 war al-Daif einige Wochen in Berlin, Helfer im Frühling 2004 für drei Wochen in Beirut. Er fuhr zurück, sie wechselten noch acht Mails. Im Sommer flog Helfer noch einmal in den Libanon. Man legte die Grundzüge fest. Al-Daif fängt an und erzählt seine Geschichte. Al-Daifs Beitrag wurde dann aber nicht mehr durchgesprochen, sondern als „Wie der Deutsche zur Vernunft kam“ auf Arabisch publiziert. Zur Vernunft kommt der deutsche Schwule, indem er mit einer Frau schläft und ein Kind zeugt.

Das ist so etwas wie al-Daifs Trick oder Masche. Er gibt sich wie ein ungebildeter Dorfbewohner, um sein Publikum abzuholen und´lachen zu lassen. Dann finden die Leser Details, die sie aus der arabischen Literatur sonst nicht kennen: Der Deutsche wird Vater, bleibt aber schwul.

Den Text von Al-Daif hat Helfer in Teile geschnitten und, indem er eigene Teile einfügte, wie ein Gespräch wirken lassen. Helfer konnte al-Daif widersprechen, dieser nicht mehr.

Der echte „Daniel“ hat nach Durchsicht des Textes keine Bedenken gegen seine Figur angemeldet, wohl aber gegen die Form eines Dialogs, in dem ich das letzte Wort behalte.

Und ich war verwundert, als Helfer schrieb, ein obszönes Buch sei entstanden.

Dass dieser Dialog dennoch Grenzen des guten Geschmacks verletzt, ist uns wohl beiden bewusst; man kann ihn als obszön, ja als monströs empfinden, denn er zeigt auf offener Szene nicht Figuren, sondern lebende Menschen vor.

N. ruft an, es könnte sich um tödlichen Krebs handeln. Helfer will heim, N. fordert ihn auf, den Auftrag zu Ende zu bringen. Später wird sich herausstellen, dass die Krankheit behandelt werden kann. Von der Frau und einem Kind will Helfer erst wieder sprechen, wenn er mehr Gewissheit hat. Daniel bleibt beim Mädchen. In Berlin beginnt Helfer eine neue Liebelei mit einem Jüngeren.

Zum Schluss noch einmal die Eckpunkte von Helfers Selbstbewusstsein. Stolz, die Art Leben zu führen, das er sich wünscht. Stolz, ein Schwuler zu sein, der nicht am Katzentisch sitzt. Freude an der Freiheit. Sein Wunsch, Vater zu werden, Kinder um sich zu sehen.
Natürlich muss im Leben Platz sein für Kinder! Dort, wo für Kinder kein Platz mehr wäre, gäbe es nichts zu feiern, hätte das Leben den Sinn, die Menschheit ihre Würde verloren.


Verschwulung?
Haben sie erzählt, wie Heteros schwuler werden könnten? Ich finde nicht.
Haben sie erzählt, wie Schwule schwuler werden? Bestimmt nicht.
Profile Image for Jan Grove.
24 reviews
February 18, 2026
20 Jahre her, aber vielleicht hätten die Herren sich einfach mal eine Umarmung geben sollen
Profile Image for Basti Wulff.
332 reviews4 followers
January 10, 2017
Es war definitiv ein sehr interessanter Einblick in die arabische und deutsche Sichtweise auf Homosexualität in den 2000er.
Allerdings sollte man es mit Vorsicht genießen, da dieses Buch zumindest auf Helfer's Seiten kein Blatt vor den Mund nimmt.
Displaying 1 - 4 of 4 reviews

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