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Paperback
First published June 29, 2009
Ich weiß aber auch, dass meine persönliche Vorliebe für solche Umarmungen, die wohl ein vertauschbares faktisches, jedoch gerade kein festgelegtes Oben und Unten kennen, durchaus nicht typisch homosexuell sind.
Bis er mir eines Abends nach einem Besuch der Aida in der Neuen Oper Berlin, zu dem er mich eingeladen hatte, bei einem Glas Wein erzählte, dass er von einem jungen Mann träume, der für ihn das sein könnte, was er selbst für N. gewesen sei. Diesem würde er all seine Liebe und Zuneigung geben, so wie N. es getan habe. Und er sei sich sicher, dass die Vorsehung, die unser Universum steuere, ihm dabei helfen werde, seinen Traumjüngling zu finden, ja er zweifle in keiner Weise daran, weil er ihn lieben wolle und ihm alles zu geben bereit sei, was er in Herz und Seele besitze.
Wer schwule Pornografie kennt, ... dem offenbart heterosexuelle Pornografie auf den ersten Blick die Angst und das Minderwertigkeitsgefühl, das „normale“ Männer vor Frauen empfinden: Kaum je inszeniert sie Lust oder Freude am Körper, fast immer Macht; nicht die Maximierung des Vergnügens in gleichberechtigten und austauschbaren Rollen, sondern fast immer, ob krass oder subtil, Erniedrigung - meist der Frau durch den Mann, manchmal auch umgekehrt.
In Wahrheit aber beschäftigte mich ein sehr realer junger Mann, nennen wir ihn Daniel, dessen Heranwachsen ich beobachten und begleiten durfte, der eine ausgeprägte intellektuelle Neigung und Begabung zeigte und sichtlich ebenso gern mit mir über die Dichter und Denker sprach, über die Welt und Gott, wie ich mit ihm, der meine Gesellschaft, die eines homosexuell lebenden Mannes, ebenso zu genießen schien wie ich die seine. In seinem 16. Lebensjahr, wie konnte es anders sein, hatte ich mich in ihn verliebt, ihm diese gegen meinen Willen, gegen alle Einwände der Vernunft in mir wachsende Liebe, dieses nicht geplante und ins eigene Leben auch nicht passende, aber nun mal empfangene Kind, jedoch erst nach seinem 17. Geburtstag endlich gestanden.
Mir aber geht es darum, ganz ohne Moral gesprochen, dass eine Gesellschaft, die homosexuelle Beziehungen gesetzlich so festschreibt, dass sie der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt sind, gewissermaßen akzeptiert, dass sie verschwindet und vergeht. Dies gilt insbesondere für die deutsche Gesellschaft.
Die Wahrheit ist, dass ich das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, dessen Sprache ich spreche, dessen kulturelle Praxis und Überlieferung mich ebenso tief geprägt hat wie seine Landschaften, nicht nur liebe, sondern dass ich mir trotz allem, auch die Welt ohne den deutschen Beitrag zur Menschheitskultur nur als sehr verarmt vorstellen kann.
Joachim liebt Rilke sehr und kennt eine Vielzahl seiner Gedichte auswendig, seit er dreizehn Jahre alt ist. Als ihn seine Mutter fragte, was er sich zum Geburtstag wünsche, antwortete er ohne zu zögern: Die gesammelten Werke von Rilke.
Die Freiheit, die diese Glücklichen sich dank des Kampfes ihrer Vorgänger nehmen können, besteht ja gerade darin, zu lieben wen und wie sie wollen, öffentlich zu küssen wen sie mögen, ohne sich dabei in das eine oder andere Schubkästchen zu legen.
Ich dagegen habe das, auch in meiner Gesellschaft nur gerade eben mögliche, keinesfalls übliche Glück, schon im Sowohl-als-auch zu leben: Daniel kennt und mag meinen Lebensgefährten, ich mochte seine Freundin auf Anhieb leiden. Weil ich die Gefühle eines Liebhabers von eher väterlichen Gefühlen zwar unterscheiden kann, es in diesem Fall aber nicht für nötig halte, mich zwischen ihnen zu entscheiden, wäre ich ebenso froh wie Rashid bei seinem Sohn und dessen Freundin, wenn die beiden zusammenbleiben und Kinder haben sollten. Das ist doch das Dumme am Begriff der Identität, dass er Unveränderlichkeit, Endgültigkeit und Ausschließlichkeit behauptet, wo Liebe und Begehren wie das Leben selber stets im Fluss sind, bis zum letzten Atemzug so wenig stillstehen wie je versiegen.
Er glaubt ja fest daran, dass eine Vorsehung, die Gläubige Gott nennen würden, diese Welt steuert und dass sie den nicht enttäuschen wird, der Liebe geben möchte, so wie N., mit dem Joachim lebt und der ebenfalls von dem Wunsch nach einem Liebesopfer erfüllt war, nicht enttäuscht worden ist.
Diese Fehllektüre der westlichen Schwulenkultur ist allerdings verständlich, denn was daran als erstes ins Auge fällt, ist ja tatsächlich die schamlose Übertreibung des Sexuellen und seines Stellenwerts.
Was speziell unsere, eine Generationsgrenze überschreitende, eben eher im klassischen Sinne griechische als moderne homosexuelle Beziehung angeht, besteht dagegen im Westen ein fast allgemeiner, sich sogar verschärfender gesellschaftlicher Vorbehalt, der auch in der schwulen Subkultur geteilt wird. Und wer von all dem schreibt, landet gerade in Deutschland schnell im Getto der Gay-Books.
Ich glaube wirklich an Freiheit. Und Freiheit kann ja nur Ritenlosigkeit heißen. Ich habe es einmal die Verschwulung der Welt genannt: in einer paradiesisch-feuchten unschuldigen Weise alle diese rituellen Schranken aufzuheben.
Der echte „Daniel“ hat nach Durchsicht des Textes keine Bedenken gegen seine Figur angemeldet, wohl aber gegen die Form eines Dialogs, in dem ich das letzte Wort behalte.
Dass dieser Dialog dennoch Grenzen des guten Geschmacks verletzt, ist uns wohl beiden bewusst; man kann ihn als obszön, ja als monströs empfinden, denn er zeigt auf offener Szene nicht Figuren, sondern lebende Menschen vor.
Natürlich muss im Leben Platz sein für Kinder! Dort, wo für Kinder kein Platz mehr wäre, gäbe es nichts zu feiern, hätte das Leben den Sinn, die Menschheit ihre Würde verloren.