Barry Allen, Forensiker bevor es den Begriff überhaupt gab, ist der schnellste Mensch der Welt - und kommt trotzdem zu jedem Date mit seiner geliebten Iris zu spät (und kann ihr nicht einmal sagen: Schatz, ich musste nur kurz die Welt retten). Diese liebenswürdigen Details und die tolle Artwork haben den Flash Omnibus 1 für mich zu einem überraschenden Lesespaß gemacht.
THE FLASH – Märchen aus der guten alten Zeit
Der 864 Seiten umfassende Omnibus-Band präsentiert die ersten vier Heften aus der SHOWCASE-Reihe, in der dank des Herausgebers Julius Schwartz ab Oktober 1956 THE FLASH nach den für Superhelden düsteren Nachkriegsjahren zunächst versuchsweise neues Leben eingehaucht wurde, und die nachfolgenden Hefte 105 – 132 der neuen Reihe.
Geschrieben wurden die Stories von John Bromme und Robert Kanigher, der, was Superhelden angeht, ein Hans Dampf in allen Gassen war.
Was zeichnet THE FLASH aus?
Verlässlichkeit:
Die Abenteuer verlaufen stereotyp, und auch wenn "Blitzmann" in der ersten Runde den Kürzeren zieht, zeigt er im Rückspiel dem Bösewicht, was Sache ist bzw. wer der schnellste Mensch der Welt ist. Das ganze verläuft höchst unblutig und sogar ohne blaue Flecken, denn zu wüsten Prügeleien kommt es in dieser Serie nicht. Klar also, dass Barry Allen unbeschadet und als strahlender Sieger aus allen "Kämpfen" gegen das Böse hervorgeht. Genauso wenig überraschend sind die Sticheleien seiner Langzeitfreundin Iris West, die Barry, der zu jeder Verabredung zu spät kommt (Kunststück, als FLASH muss er immer nochmal kurz die Welt retten, bevor er zum Date geht), mit stoischer Miene erdulden muss. Aber wir wissen ja, wie schnell Barry in Wirklichkeit ist, nicht wahr? Vorsichtshalber wird aber immer noch einmal darauf hingewiesen, genauso, wie wir in jedem Heft bestaunen dürfen, wie sein Kostum aus dem Fingerring springt und sich von selbst ausdehnt, bis unser Barry hineinpaßt.
Zeitlosigkeit:
Infantinos wunderbar gezeichnetes 1960er Personal könnte auch aus den 40ern stammen, was der klaren Artwork einen doppelten Retro-Charme verleiht. Die Panels sehen auch heute noch ausgesprochen attraktiv aus.
Fantastik:
Es wird mit technischen und (pseudo)wissenschaftlichen Begriffen jongliert (Strahlung, Atom, Wellen, vierte Dimension, Gedankenübertragung), ohne dass die Verwendung die geringste glaubwürdige Grundlage hätte oder überhaupt nur vorstellbar wäre.
Man muss von einem absichtlichen Verzicht auf wissenschaftliche Erklärbarkeit und Plausibilität ausgehen, auch wenn Wissenschaft schon alleine durch Barry Allens Beruf als Polizeiforensiker ein zentrales Thema ist. Viele Comic-Schreiber, auch ein Stan Lee, haben zugegeben, dass sie keine Ahnung hatten, worüber sie fantasierten, wenn sie wissenschaftliche Ausdrücke benutzten, die wie jene der Psychologie inzwischen in den popkulturellen Pool eingeflossen waren.
Der Ursprungsmythos verbindet bereits die prägenden Elemente Wissenschaft (chemische Substanzen in Kolben) mit Fantastik (Blitzschlag als Katalysator verwandelt Barry Allen in seinen Lieblingshelden der 40er Jahre; John Carter läßt grüßen).
THE FLASH versorgt den Leser einerseits gelegentlich mit Fußnoten, die einzelne Begriffe erklären sollen, andererseits sind FLASHs Reisen durch die Zeit und in andere Dimensionen, sein Durchdringen fester Materie durch Geschwindigkeit und sein an Häuserfassaden Hinauflaufen absurd in einem Maße, dass nicht von einer wissenschaftlichen Grundlage ausgegangen werden kann.
Damit rückt FLASH in den Bereich des Märchens.
Gut und Böse sind klar erkennbar, es gibt keinen Graubereich. Am Ende liefert FLASH die Ganoven direkt im Gefängnis ab und alles ist so wunderbar einfach und klar, dass es gar keine Notwendigkeit für einen Richter gibt.
So aufgeräumt, klar strukturiert und einfach war die Welt auch 1959 nicht, als die Karriere von FLASH begann. Die Angst vor einem weiteren Weltkrieg, vor der Bombe und dem Kommunismus, war allgegenwärtig und spiegelte sich popkulturell vor allem in der Paranoia der SF-Filme und Stories.
THE FLASH wird nicht nur die Kids unterhalten haben, die Comics liebten, sondern auch ältere Leser, die eine Auszeit nahmen von einem Alltag, der einerseits geprägt war von immensem Wirtschaftswachstum und andererseits überschattet war vom Schrecken eines nahen Atomkriegs. THE FLASH las man nicht im Atomschutzbunker, sondern im neuen Eigenheim, in dem die Küche sich automatisierte, Mutter adrett aussah und Vater im neuen Auto vorfuhr.
Und heute?
Die Comics sind unendlich viel komplexer geworden, kaum findet sich noch ein Superheld, der nicht in ewig langen Story-Arcs von Sinnkrisen und alternativen Welten gebeutelt wird, vorzugsweise in düsteren Farben gezeichnet. Die FLASH-Comics des Silver Age wirken im Vergleich dazu wie der wohlgepflegte amerikanischer Vorgarten aus dem Vorspann von David Lynchs BLUE VELVET: aufgeräumt, quietschebunt, idyllisch, vor allem aber: ungefährlich. Durch den Vorhang, der die „strange world“ dahinter verbirgt, wirft FLASH wohlweislich keinen Blick.
Was die Panels von Carmine Infantino bieten ist eine Welt, die es nie gegeben hat, die auch nur sehr bedingt das Zeug zum Utopia hat, und die doch schön anzusehen ist.