Ein anzüglicher Witz, ein Kompliment, eine Einladung zum Essen - wo beginnt im beruflichen Alltag sexualisierendes, grenzverletzendes oder machtmissbräuchliches Verhalten? Wieso fällt es uns so schwer, sexuell belästigendes Verhalten zu erkennen und richtig einzuordnen? Wer sind eigentlich diese Täter? Gibt es so etwas wie einen Opfer-Typ? Und was können tun, um Belästigung vorzubeugen?
Franziska Saxler wurde selbst Opfer von struktureller an der Universität als Promovierende in der Psychologie. Daraufhin hat sie mit anderen Betroffenen #metooscience gegründet und eine neue Doktorarbeit begonnen. sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. In ihrem Buch beleuchtet sie die Macht- und Diskriminierungsstrukturen im Arbeitsleben. Sie zeigt auf, was ein toxisches Arbeitsumfeld ausmacht und ermöglicht Betroffenen, den Machtmissbrauch zu erkennen und erste Schritte zur Heilung zu unternehmen.
Ich höre regelmäßig und gerne den Podcast Trashologinnen, den Autorin Franziska Saxler gemeinsam mit zwei weiteren tollen Frauen hostet. Dort wird Psychologie leicht verständlich für alle anhand von Verhalten im Reality-TV erklärt - man muss den ganzen Kram aber nicht zwangsläufig selber gucken, um den Podcast zu genießen und viel zu lernen.
Natürlich wollte ich dieses Buch unbedingt lesen. Auch der Autorin wegen, aber vor allem, weil mich das Thema sehr interessiert. Seit langem treiben mich sämtliche Formen von sexualisierter Gewalt und Übergriffigkeit um und ich lese alles, was ich dazu in die Finger kriege (hat natürlich einen Hintergrund, auch ich war und bin immer wieder betroffen).
“Zahlen der WHO belegen, dass weltweit jede dritte Frau vergewaltigt wird oder häusliche Gewalt erlebt.”
*Er hat dich noch nicht mal angefasst* habe ich praktisch weggeatmet. Neben konkreten Fällen und zwei Interviews gibt es viel Wissenswertes zu sexualisierter Belästigung allgemein. Der Fokus liegt hier darauf zu betonen, dass es eben nicht um Liebe und andere positive Gefühle geht, die einfach nur ungeschickt oder fehlgeleitet sind, sondern um Macht, Erniedrigung und sogar Entmenschlichung.
Es gibt Erklärungen zu dem, was in solchen Situationen so in unserem Gehirn passiert. Reaktionen werden beleuchtet. Von Fight oder Flight haben sicher schon viele was gehört, Freeze wird zum Glück auch immer bekannter (Frauen frieren in Gefahrensituationen oft ein und können sich deshalb nicht wehren), aber Fawn war mir zum Beispiel auch komplett neu. Wieder was gelernt.
Die Autorin ist inklusiv und intersektional. Marginalisierte Menschen sind besonders häufig betroffen und über den großen Elefanten im Raum wird auch nicht weg gesehen:
“Ungefähr 85 Prozent der sexuellen Belästigung geschehen von Männern an Frauen. (...) Werden Männer belästigt, so geht das oft von anderen Männern aus.”
Mir gefiel die klare Sprache, die Mischung aus eigenem Erlebnis, Hilfestellung, Betroffenenberichten und Aufklärung. Gängige Mythen über Belästigungssituationen werden gekonnt auseinandergenommen. Auch dass immer wieder Täterperspektiven eingenommen werden, ist ein riesen Problem, das angesprochen wird. Und obwohl der Fokus im Buch deutlich bei den Opfern bleibt, gibt es ein spannendes Kapitel zu den Beweggründen der Täter.
“Männer belästigen mehr, wenn sie denken, dass ihre Männlichkeit bedroht wird.”
Mich hat gefreut, dass auch Klassismus kurz angerissen und deutlich betont wird, dass es nicht nur Männer aus unteren Schichten sind, die belästigen, sondern sich das Problem quer durch alle Klassen zieht.
Ich habe so viel gelernt und mitgenommen. Schon alleine das stärkt irgendwie total. Klar, es gibt (wie in jedem Sachbuch) einige Wiederholung, aber geschenkt.
Einen Wunsch hätte ich jedoch. Es wird erwähnt, dass Menschen im Niedriglohnsektor besonders betroffen sind und dort vor allem Frauen arbeiten. Dazu heißt es im Buch:
“(...) die Lebensrealitäten dieser Frauen sind jedoch weitgehend unerforscht.”
Warum? Können wir das nicht ändern und mal den Scheinwerfer draufhalten? Die Autorin hat doch alle Möglichkeiten dazu. Dann würden auch die Bewältigungsstrategien im hinteren Teil des Buchs etwas anders ausfallen, weil die für viele Frauen nicht realisierbar und an unserer Lebensrealität vorbei sind (dafür ziehe ich aber keinen Stern ab, das Buch ist trotzdem großartig).
Fazit: dieses Buch ist wirklich wichtig. Schenkt es bitte besonders euren Vätern, Brüdern, Freunden und Liebsten. Grade die müssen es lesen. (Das wünscht sich übrigens auch Interview-Partnerin Annelie Runge, die erste Frau, die in Deutschland in den 70ern gegen sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz geklagt hat, hier im Buch)
Vielen Dank an Netgalley und den Ullstein Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars.
Mit “Er hat dich noch nicht mal angefasst” hat Saxler absolut ins Schwarze getroffen. Sie legt dar, wie fest verankert patriarchale Strukturen in der Arbeitswelt sind und wie nahezu unmöglich es für allem für Frauen als Opfer sexualisierter Belästigung am Arbeitsplatz ist, Gerechtigkeit zu erfahren. Dies kann an Stellen ein Ohnmachtsgefühl erzeugen, denn sonderlich viele Erfolgsgeschichten, bei denen Frauen erfolgreich und mit viel Unterstützung gegen ihre Missbrauchenden geklagt haben, gibt es nicht. Dabei ist gerade der Fakt, dass Betriebsräte und Personalabteilungen von Unternehmen im Bereich sexualisierter Belästigung gänzlich ungebildet sind, ist erschreckend, wobei es gewiss keinen einzelnen Betrieb, so groß oder klein er auch sein mag, gibt, in dem es nicht schon zu Fällen sexualisierter Gewalt gekommen ist.
Ein wirklich großartiges Buch, selbst wenn man eigentlich schon alles mehr oder weniger weiß.
Sie schreibt sehr klar und verständlich.
Viele Situationen kennt man vielleicht und hat sich schon oft gefragt, warum man sich in ihnen so unwohl gefühlt hat; nach diesem Buch kann man jede dieser Situationen entschlüsselt in Worte fassen - für sich selbst, und für andere.
Beim lesen hatte ich von wissenschaftlicher Seite leichte Bedenken, denn es sind sehr viele Anekdoten enthalten. Auch von ihr selbst, auch nachdem sie schreibt, dass sie ab dieser Stelle nicht mehr von ihrer eigenen Erfahrung schreiben wird. Aber im Nachwort spricht sie diese Problematik direkt an, und erklärt ihre Entscheidung überzeugend. Und auch ich finde im Nachhinein, die Anekdoten bringen für den Lesefluss und die Verständlichkeit einen großen Mehrwert ohne der Wissenschaftlichkeit des Buches zu schaden.
Kurz: ein sehr gutes und wissenschaftlich fundiertes Buch, das wirklich jeder lesen sollte. Es liest sich auch wirklich schnell und ist auch für Laien gut verständlich.
Dieses Buch wäre so eine großartige Pflichtlektüre für alle Menschen, um mehr über diese Problematik aufzuklären.
Ich bin so dankbar dieses Buch entdeckt zu haben. Es hat mir nicht nur das Gefühl gegeben nicht alleine zu sein und mich darüber aufgeklärt wie untolerierbar so manches Verhalten sein sollte, sondern mir auch Ursprünge meiner Verhaltensmuster zu erkennen gegeben und mich darin bestärkt und ermutigt mich aktiver für meine eigenen Grenzen einzusetzen und dass ich meine Wut auch mal nach außen richten darf und sollte.
Ich verstehe jetzt wie wichtig es ist laut zu sein, wo man am liebsten schweigen möchte. Und dass es dabei sogar um etwas größeres geht als das eigene Unwohlsein – denn jede Stimme trägt einer grundlegend gesellschaftlichen Veränderung bei. Aber nicht nur diese Veränderung ist es wert unsere Stimmen zu erheben, wir sollten es uns auch selbst bereits wert genug sein!🤍
Sehr gutes Buch zum Thema, einzelne Kapitel können auch unabhängig voneinander gelesen werden (dadurch ein paar kleine Wiederholungen), ein Muss für Personalabteilungen, Teamleiter*innen und Arbeitnehmer*innen!