"Eine seltene Kostbarkeit in der deutschen Literatur"; "grausam-komischer Büro-Roman"; "ein Meisterstück", so lauten die Jubelrufe der Kritiken angesichts der nunmehr dritten Wiederveröffentlichung dieses im Jahre 1932 erstmals erschienenen Werkes. Martin Kessels Leben weist durchaus Parallelen auf zu dem Fiasko, in das sein Protagonist, der Unruhestifter Max Brecher, gerät. Kleist-Preis, Büchner-Preis, Fontane-Preis, 1961 Verleihung des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik -- und doch blieb der Autor, der nun 100 Jahre alt geworden wäre (am 14. April 1990 verstarb Kessel völlig verarmt), ein Leben lang vom Publikum unbeachtet, sein Werk geriet in Vergessenheit. Dabei wurde der Romancier, Lyriker und Essayist als Berlin-Chronist oftmals mit Alfred Döblin in einem Atemzug genannt. Und tatsächlich, Kessels Büro-Roman versetzt uns in eine unwirkliche, expressionistisch-düstere "Metropolis"-Welt. In einem Moloch, der an Graham Greenes Ministerium der Angst denken lässt, gehen ameisenhaft tausende kleiner Angestellter rätselhaften, kaum nachvollziehbaren Tätigkeiten nach. In der UVAG, der "Universalen-Vermittlungs-Aktien-Gesellschaft", einem Medien-Monstrum wie von Orwell ersonnen, fertigt Brecher in einem Klima der Angepasstheit und des Duckmäusertums, umgeben von einer Armada skurrilster Bürogestalten, seine dubiosen Parolen und Werbeprospekte an. Noch ahnt er nicht, dass sein Untergang beschlossene Sache ist. Im Nachwort zur Entstehungsgeschichte des Romans, streicht Martin Kessel mehrfach und nicht ohne Stolz seine sarkastische Sichtweise hervor. Möglicherweise liegt darin ein Grund für die mangelnde Akzeptanz des Romans. Solch selbstverordneter Dauersarkasmus des "unbestechlichen Moralisten" Kessel, sein lehrsatzhafter Nachweis der Bürobelegschaft als Spiegelbild der Gesellschaft, erweist sich als zu wenig tragfähig. In dem ohnehin handlungsarmen Werk begibt sich Kessel nicht in seine Figuren, delektiert sich lediglich an ihren Macken und lässt sie so unter zynisch-herablassendem Blick zu gesichts- und konturlosen Büro-Knallchargen verkommen. Wünschen wir also diesem Werk, das dennoch durch seine ziselierte Sprache besticht, im dritten Anlauf den hoffentlich verdienten Erfolg. --Ravi Unger