Vom dichterischen Schaffen Ingeborg Bachmanns nicht zu trennen sind ihre essayistischen Texte. Philosophische Reflexionen, Reden anlässlich ihrer Preisverleihungen, Städteimpressionen und Porträts ihrer Zeitgenossen geben im Skizzenhaften Einblick in die »Werkstatt« der Schriftstellerin. Die essayistischen Texte geben ein eindrucksvolles Zeugnis unermesslicher Belesenheit.
“What actually is possible, however, is transformation. And the transformative effect that emanates from new works leads us to new perception, to a new feeling, new consciousness.” This sentence from Ingeborg Bachmann’s Frankfurt Lectures on Poetics (1959-60) can also be applied to her own self-consciousness as an author, and to the history of her reception. Whether in the form of lyric poetry, short prose, radio plays, libretti, lectures and essays or longer fiction, Bachmann’s œuvre had as its goal and effect “to draw people into the experiences of the writers,” into “new experiences of suffering.” (GuI 139-140). But it was especially her penetrating and artistically original representation of female subjectivity within male-dominated society that unleashed a new wave in the reception of her works.
Although Bachmann’s spectacular early fame derived from her lyric poetry (she received the prestigious Prize of the Gruppe 47 in 1954), she turned more and more towards prose during the 1950’s, having experienced severe doubts about the validity of poetic language. The stories in the collection Das dreißigste Jahr (The Thirtieth Year; 1961) typically present a sudden insight into the inadequacy of the world and its “orders” (e.g. of language, law, politics, or gender roles) and reveal a utopian longing for and effort to imagine a new and truer order. The two stories told from an explicitly female perspective, “Ein Schritt nach Gomorrha” (“A Step towards Gomorrah”) and “Undine geht” (“Undine Goes/Leaves”), are among the earliest feminist texts in postwar German-language literature. Undine accuses male humanity of having ruined not only her life as a woman but the world in general: “You monsters named Hans!” In her later prose (Malina 1971; Simultan 1972; and the posthumously published Der Fall Franza und Requiem für Fanny Goldmann) Bachmann was again ahead of her time, often employing experimental forms to portray women as they are damaged or even destroyed by patriarchal society, in this case modern Vienna. Here one sees how intertwined Bachmann’s preoccupation with female identity and patriarchy is with her diagnosis of the sickness of our age: “I’ve reflected about this question already: where does fascism begin? It doesn’t begin with the first bombs that were dropped…. It begins in relationships between people. Fascism lies at the root of the relationship between a man and a woman….”(GuI 144)
As the daughter of a teacher and a mother who hadn’t been allowed to go to university, Bachmann enjoyed the support and encouragement of both parents; after the war she studied philosophy, German literature and psychology in Innsbruck, Graz and Vienna. She wrote her doctoral dissertation (1950) on the critical reception of Heidegger, whose ideas she condemned as “a seduction … to German irrationality of thought” (GuI 137). From 1957 to 1963, the time of her troubled relationship with Swiss author Max Frisch, Bachmann alternated between Zurich and Rome. She rejected marriage as “an impossible institution. Impossible for a woman who works and thinks and wants something herself” (GuI 144).
From the end of 1965 on Bachmann resided in Rome. Despite her precarious health—she was addicted to pills for years following a faulty medical procedure—she traveled to Poland in 1973. She was just planning a move to Vienna when she died of complications following an accidental fire.
Essay, Reden, kleinere Schriften sagt der Untertitel.
Da ist als erstes, wichtigstes und bestes ihr Artikel über Ludwig Wittgenstein, erschienen 1953 in den Frankfurter Heften, zu einer Zeit also, als Wittgenstein noch nicht sehr bekannt war, noch vor Erscheinen der Untersuchungen. Und die Bekanntheit, die er hatte, hatte nicht viel zu tun, mit dem, was er tatsächlich geleistet hat. Bachmann gibt einen sehr gescheiten Überblick über das, was man damals wissen konnte und sollte, natürlich mit etwas zu großem Gewicht auf den Wiener Kreis. Und auch ihre Wiedergabe der Carnap-Kritik an Heidegger hat eher nicht so viel mit Wittgenstein zu tun, ist aber auch nicht fehl am Platz.
Und sonst? Die Reden finde ich sehr gut, besonders die zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises (wer immer das gewesen sein mag). Und die Rede mit dem titelgebenden Vortrag hat auf jeden Fall einen ziemlich guten Titel. Dann ein paar Schriften zu Musik, die mich eher nicht interessieren, aber immer noch mehr als die über Leipzig und Rom und ein paar kurze Schriften über bekannte und nicht so bekannte Schriftsteller. Georg Groddeck muss, wenn man ihr vertraut, eigentlich unbedingt gelesen werden (hat hier bei GR offenbar niemand getan). Vielleicht werde ich, wenn ich mich schon inspirieren lasse, aber doch eher wieder mal Thomas Bernhardt lesen.
Ob nun ehrlich am längsten währt oder nicht, ich muss gleich zugeben, nicht alle Texte aus dem Band gelesen zu haben. Ein Fünftel etwa habe ich aus persönlichem Desinteresse ausgelassen.
Auch wenn ich zur Möglichkeit, Gedanken eines Homme (hier: Femme) de Lettres über die Literatur, zum Werk anderer Literaten oder zu anregenden Inhalten außerhalb der Dichtung zu hören, niemals nein sagen würde, fühlte ich mich hier als ohnmächtiger Zuschauer. Die Reden und Essays sind verschlüsselt und in sich gekehrt bis zu einem Maß, wo man sich (wo ich mich) als Leser fast schon ausgeschlossen oder unerwünscht vorkommt. Zwar entfaltet sich im Aufsatz über Wittgenstein Bachmanns analytische Gabe fast über alle erdenklichen Grenzen hinweg, und „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ zeigt sich nicht nur als Programm ihrer Dichtung sondern auch als Essenz der Gedanken über die Sprache selbst. Aber selbst brillante Behandlung und Beobachtung, etwa auch in den Notizen zu Sylvia Plaths „The Bell Jar“, zu „Othello“ oder zur Gruppe 47, helfen nicht zur Gänze darüber hinweg, dass man meist vor intimsten Verknüpfungen zwischen Autor und (anderem) Autor, Autor und Außenwelt oder Autor und seinem Selbst steht. Die meisten dieser Texte escheinen wie eine unendliche Schleife persönlichen Leidens, Erschütterung, Haltlosigkeit. Oder wie ein Versuch persönlicher Erlösung. Diese innerliche und verinnerlichte Suche nach Greifbarem mag dem eigenen geistigen Pathos entgegenwirken oder ihn gar nähren, für mich jedoch, die keinen emotionalen Bezug zur Person der Autorin hat, liest es sich wie das Eintauchen in jemandes Privatsphäre, mit dessen Gefühlswelt ich nichts anzufangen wüsste.
Bachmanns Werk mag gut „auf ein Du gerichtet“ sein, diese Fragmente bieten jedoch meist eher ein Ich.