Über zehn Jahre hinweg sprechen Enkelin und Großeltern über Politik, Liebe, Freundschaft, Literatur, Emanzipation, Sex, Geld, Erfolg, Enttäuschungen und Verrat. Es beginnt im Sommer 1998. Die Enkelin ist 25, wird gerade Journalistin und fängt an, ihre Großeltern über die Vergangenheit zu befragen. Es geht um die Herkunft und die Familie, um die Zeit des Nationalsozialismus und die DDR – aber auch immer wieder um das, was heute ist. Über die Jahre entwickelt sich so ein Dialog der Generationen: Sie sprechen über das politische Engagement des Schriftstellerpaars, die Kämpfe der Großeltern, die in ihrer Radikalität und Existenzialität für die Enkelin kaum noch zu begreifen sind, sowie über verlorene Freundschaften und Verrat. Es geht um die mehr als sechzig Jahre andauernde Liebe des Ehepaars Wolf. Und es geht um das Schreiben, das gemeinsame Glück und Unglück im neuen vereinten Land. Die Gespräche reichen bis zum Tod Christa Wolfs 2011 und darüber hinaus. Am Ende treffen sich Enkelin und Großvater noch einmal allein.
Ich kenne noch gar nichts von Christa Wolf und bin, glaube ich, irgendwie durch das gerade gelesene Buch von Brigitte Reimann darauf gestoßen. Auch hier ging es wieder um die DDR, als sie noch jung war, aber auch um die Jahre danach. Ich fand es beruhigend, dass auch die Autorin und ihre Großeltern 2008 glauben, das mit dem Kampf Rechts gegen Links sei jetzt vorbei, die Welt unpolitischer. Das war also nicht nur ich.
Ein Titel so hoffnungsvoll und lyrisch, dass man kaum glauben mag, der Buchinhalt mit seinen nüchternen, nonfiktiven Gesprächen könne ihm in irgendeiner Weise gerecht werden. Jana Simon ist es dennoch gelungen, diese drei umfangreichen Unterhaltungen im privaten Kreis mit ihren berühmten, schreibenden Großeltern in einer Weise zu formulieren, die weder aufgesetzt sachlich noch voyeuristisch-trivial ist. Auch wenn ein Großteil Christa Wolfs Werk bereits autobiografische Züge enthält, brachte mir dieses Buch die Menschen Christa und Gerhard Wolf mit ihren Ansichten, Erfahrungen und auch Empfindungen noch einmal ein ganzes Stück näher. Als historisch auch sehr spannend und aufschlussreich empfand ich die Schilderungen zu ihrer Bespitzelung durch die Staatssicherheit oder ihrer Arbeit als schreibende "Meinungsmacher" in der ehemaligen DDR. Jana Simons Aufzeichnungen lesen sich fließend leicht und zügig weg, ohne dabei inhaltlich oder emotional an der Oberfläche zu bleiben. Zurück bleibt mir eine noch tiefere und wärmere Anerkennung der ohnehin schon sehr geschätzten Autorin Christa Wolf, aber ebenso tiefer Dank und Respekt für Jana Simon, auf deren andere Werke ich hiermit erst aufmerksam wurde. Eine absolute Leseempfehlung.
Unglaublich kluge, lustige und einfühlsame Gespräche, hochinteressantes Nachdenken und Reflektieren über ein sehr bewegtes und politisches Leben und ein spannender Generationendialog.