Der Roman hat mir viel besser gefallen als erwartet, auch wenn der Inhalt sehr trist ist. Es ist eigentlich nichts anderes als ein Bildungsroman (okay, heute pflegt man eher coming of age zu sagen), die Handlung ist in die beiden Dekaden rund um den 2. Weltkrieg gesetzt und der Leser wird in die gesellschaftliche Unterschicht von damals geführt, in die kleinen Wohnungen der einfachen Arbeiter, wo zwei oder sogar drei Generationen auf dem engsten Raum unter einem Dach hausen müssen. Das geht natürlich oft schief, wie auch in diesem Buch. Auf seinen Seiten wird es viel geschimpft, geprügelt und gehasst, etwas weniger gesoffen und rumgetrieben, und eigentlich fühlt man sich in dieser Atmosphäre alles andere als wohl. Doch irgendwie reißt es einen doch mit und man kann nicht aufhören, zu lesen. Wahrscheinlich auch deswegen, weil Sinkkonen es weiß, mit wenigen Worten ein dichtes Realitätsgefühl zu schaffen, so dass der Leser sich dem Ganzen unglaublich nahe fühlt.
Sinkkonen reißt hier das Thema an, welches für ein Kind ganz normaler Familie (wie ich es beispielsweise bin) wie eine Art Tabu vorkommen mag, und zwar: wie fühlt es sich, als unerwünschtes Kind auf die Welt zu kommen? Wie lebt man, wenn man von der eigenen Mutter vom ersten Augenblick an verachtet wird und wie bricht man unter dem Dauerstrom von Hass nicht zusammen? Die ganze Geschichte ist aus der Sicht einer Frau erzählt: am Anfang spricht die Großmutter, dann übernimmt Solveig selbst und man verfolgt ihre freudlose Kindheit und Jugend, lernt ihre bösartige, manipulative Mutter kennen, ihre Großmutter, die zwar ein großes Herz hat (Großmutter eben!), zugleich aber eine schon veraltete Vorstellung von Gesellschaft und Dienstverhältnissen; wir sehen Brutalität der Kinder und Ignoranz der Erwachsener, armselige Lebensumstände der Geringverdiener und kleine Freuden, die noch übrig bleiben. Ja, vieles wirkt abstoßend und man ist eigentlich froh, die Zeiten nicht am eigenen Leibe durchmachen zu müssen, und man hofft insgeheim für Solveig, die erst am Ende des Romans ihren eigenen Weg beginnt, dass sie noch etwas Besseres erleben wird. Immerhin hat es ja Finnland heute zu einem der angesehensten Länder geschafft, wahrscheinlich waren es solche Leute, die allein mit ihrer ehrlichen Haltung dazu verholfen haben?