Übrig geblieben sind ihr nur ein Briefumschlag mit einer Handvoll Fotografien und die Angst vor dem Vater, die Sorge um ihre Mutter und ihren Bruder, die Knoten in ihrer Brust. Seka sucht mit Anfang zwanzig nach den Spuren ihrer zerbrochenen Familie und ihres bisherigen Lebens. Sie rekonstruiert den Weg ihrer Eltern aus Bosnien in die Schweiz und fragt nach den Verbindungen, den Fäden zu ihr. Dabei stößt sie auf ein Gefangenenlager in Omarska in den neunziger Jahren und einen Brief, der sie weiter nach Den Haag und Genf führt, später ins Berner Oberland. Und sie stellt fest, dass in Omarska heute Erz in den Minen abgebaut wird, als hätte es die Geschichte nicht gegeben, die eines fast schon vergessenen Krieges in Europa. Dabei wirken die Versehrungen der Vergangenheit bis in die Gegenwart fort. Mina Hava verknüpft in ihrem Debütroman historisches Material, Recherche- und Rekonstruktionsarbeit mit persönlichen Erfahrungen, Verlusten und Ängsten – und beleuchtet, was Geschichte bedeutet für Landschaften und Körper. Sensibel erzählt Für Seka ein junges Leben, in dem das Politische und das Persönliche untrennbar verbunden sind, eine Geschichte vom Verlassen und Verlassenwerden und von der Frage, was war.
Ein Briefumschlag mit einigen Fotografien. Mit ihnen rekonstruiert Seka die Geschichte ihrer Familie, eine Geschichte von Flucht, Migration, Angst und Gewalt. Denn Sekas Eltern flohen vor dem Krieg aus Bosnien in die Schweiz.
Allerdings kam der Vater beruflich und emotional nie in der neuen Heimat an. Zerrissen zwischen zwei Welten, versuchte er sich mit Gewalt gegenüber seiner Familie einen Weg zu schaffen. Die Familie fiel auseinander und zurückblieb Seka in einem Wirrwarr aus Angst vor dem Vater, Sorge um Mutter und Bruder sowie dem Schrecken vor Knötchen in der Brust.
Eines der besten Debüts, die ich gelesen habe. Mehr zum Buch im Lesemonat Juli auf meinem YouTube Kanal „Japan Connect“.
Fragmentarisch und in bildlicher Sprache geschrieben. Bildet Lebensgeschichten von emmigrierten bosnischen Familien und Zeitzeug*innen des Genozids während des Jugoslawienkriegs ab. Ein Muss, die Geschichte dieses Landes zu kennen.
Sekas versucht anhand von erzählten Erinnerungen, Briefen, Fotos und Recherchen die Geschichte ihrer Familie besser zu verstehen. Da ist die Angst des gewaltvollen Vaters, der vom Bosnienkrieg gefohlen, ihm aber keinesfalls entkommen ist, die Sorge um die Mutter und den Bruder, da ist die Geschichte des Gefangenenlagers in Omarska, da ist so viel vergessene und verdrängte Geschichte drin, die die Autorin Mina Hava sichtbar zu machen versucht. Wie Seka mit all dem lebt, umgeht und versucht ihren eigenen Platz in der Geschichte zu finden und wie fest Mina Hava die Wichtigkeit der Geschichtsschreibung und Literatur begreift, beeindruckt mich tief.
"Seka is a twenty-two-year-old woman with Bosnian roots who lives in Switzerland. She is coming to terms with the national trauma of the war in Bosnia, as well as with a difficult family situation and her own experience of breast cancer. Seka’s father, a violent man who mistreated her and her mother, has left her an envelope containing photographs. These bring back memories Seka has repressed, which lead her back to her parents’ departure from Bosnia for Switzerland, and thence to the discovery of the concentration camp in Omerska, where Bosnian Serbs committed war crimes as recently as 1992. " [from: https://www.new-books-in-german.com/r...]
Die eigene Geschichte verwoben mit dem Schicksal einer gesamten Gesellschaft. Ein dichtes Netz an Gedanken und Informationen zu globalen Menschenbewegungen und der damit ausgelösten Gewalt.
"Für Seka" ist ein mehr als beachtliches Debüt, das Buch von Mina Hava ist persönlich, politisch, analytisch und emotional. Die Erzählweise springt in jedem Absatz an einem neue Ort, zu einem frischen Thema und in eine andere Zeit - am Ende der Lektüre hat man ein Kaleidoskop an Erfahrungen durchgemacht.
Was es bedeutet, Mensch zu sein, die Vergangenheit zu erfahren.
Ein extrem dichtes, formal interessantes Buch, das oftmals scheinbar zusammenhanglose Berichte aneinander hängt, die dann aber doch assoziativ verbunden sind. Themen wie Krieg und Genozid in Bosnien, häusliche Gewalt, das Schicksal von Gastarbeiter:innen, Krebserkrankung, Liebeskummer und adoleszente Ängste werden miteinander verwoben und bilden einen bedrückenden, zuweilen beelendenden Erzähl-Teppich. Trotzdem übt der Roman, hat man sich einmal auf diese Sekas Bewusstseinstrom folgenden Erzählweise eingelassen, einen extremen Sog auf den/die Leser:in aus und lässt einen kaum mehr los.
Nicht ganz einfach, die Verbindung zwischen den einzelnen Textstücken herzustellen. Je mehr man aber in die Geschichte eintaucht, umso mehr verdichtet sich das Bild zu einem Ganzen.