Inhalt
Die Ich-Erzählerin ist gut ausgebildet, Juristin, aber sie ist nicht auf Karriere aus. Sie ist bei ihrer Oma aufgewachsen. Sie verdrängt ihr Trauma, als Kind musste sie miterleben wie ihr Vater ihre Mutter ermordet hatte. Gleichzeitig ist dieses Trauma ihre wichtigste Antriebsfeder. Sie geht im Auftrag einer Kanzlei nach Acre, genauer nach Cruzeiro do Sul, um Gerichtsverfahren zu beobachten und Material für ein Buch zu sammeln, das ihre Chefin über Feminizide in Brasilien verfassen will. Und in Acre ist die Zahl besonders groß, daher der Titel, denn da stapeln sich die Frauenleichen.
Sie selbst will ohnehin möglichst weit weg von Sao Paulo, nachdem ihr bis dahin charmanter Freund Amir angefangen hat seine brutale Seite zu offenbaren. Sie verlässt ihn, aber so leicht gibt er sich natürlich nicht geschlagen, zumal er längst glaubt, Besitzansprüche auf die Frau zu haben.
Inhaltlich wird der Roman von einem besonders brutalen Kriminalfall getragen, der früh beschrieben wird und die Protagonistinnen dann weiter begleitet.
Eindrücke
Ich habe sehr gemischte Gefühle bei diesem Roman.
Er arbeitet mit sehr viel Gewalt, teilweise sind es offenbar reale „Fälle“ an niederträchtigster Grausamkeit, die Frauen erleiden mussten und in den Roman eingearbeitet wurden. Zum Teil ist das so plakativ beschrieben, dass klar ist, als Leser kann ich nur empört und wütend sein. Jede andere Empfindung wäre unmenschlich und empathielos und die Autorin sichert das in jede erdenkliche Richtung ab. Auf dieser Ebene ist das Ergebnis ähnlich wie etwa bei einem Buch von Fitzek oder Grisham, inklusive Gewalt-Voyeurismus. Und natürlich habe ich genau die gewünschten Reaktionen beim Lesen. Man wünscht sich regelrecht eine brutale gnadenlose Racheaktion, die Todesstrafe, oder zumindest lebenslänglich, und am besten wäre die Welt wahrscheinlich ohne Männer dran, wenn man das so liest.
Andererseits arbeitet Melo viel abwechslungsreicher auf der literarisierenden Ebene als die genannten Autoren. Pressemeldungen werden zu einer Art pervertierten Gewaltlyrik. Es gibt stakkatoartige Tiraden, es werden Mythen und indigene Rituale unter Drogen miteingewoben (dieser Handlungsfaden bekommt sogar eine eigene Nummerierung, Alpha, Beta, etc.), geschildert als Fiebertraum, in den die Protagonistin flüchtet, mit zum Beispiel „fliegenden Muschis“, mit deren Unterstützung (der grüne Stein) die Ungerechtigkeiten wieder geradegebogen werden sollen.
Meine gemischten Gefühle rühren nun daher, dass ich von einer etwas komplexeren Welt überzeugt bin, als sie hier beschrieben ist. Männer und Frauen beleben ein gemeinsames System und in der überwiegenden Mehrheit der Fälle scheint es ja zu funktionieren, ohne Gewalt, ohne Morde. Aber wenn man diesen Roman liest, bekommt man das beklemmende Gefühl, jeder Mann ist ein potenzieller Mörder und jede Frau ein mögliches Mordopfer (was ja auch stimmt, aber statistisch eben „nur“ zu einem gewissen Prozentsatz).
Dennoch ist es mehr als legitim und wahrscheinlich sogar dringend nötig, dass es Bücher gibt, die dieses Thema anfassen.
Nur bin ich persönlich nicht ganz überzeugt, ob ich das in einem Unterhaltungsroman lesen will. Denn einerseits will er ganz eindeutig unterhalten, andererseits behandelt er ein enorm aufgeladenes Thema und dafür sind mir die Messages, die der Roman transportieren will, dann doch etwas zu wenig differenziert:
- Frau zu sein ist lebensgefährlich. Die Gefahr lauert überall.
- Männer sind - mit wenigen Ausnahmen (im Roman sind es 2 oder 3 von ungefähr 20 Männern die eine nennenswerte Rolle haben) gewalttätige Zeitbomben, oder/und pervers, korrupt oder schlicht feige Idioten.
- Frauen sind entweder hilflose Opfer oder tatkräftige Macherinnen, die für die gute Sache eintreten, für Gerechtigkeit.
- Männer, die das verkommene Justizsystem dominieren, schützen Mörder vor Strafverfolgung und sehen Frauen als wertlos an.
Ich war noch nie in Brasilien, deshalb kann ich nicht mitreden, wie sehr der Roman reale gesellschaftliche Zustände, speziell in Acre, abbildet. Aber ich glaube leider schon, dass da viel Realität enthalten sein könnte.
Und das bringt mich wieder zu der Frage, will ich das als Unterhaltungsroman oder wäre nicht eine Reportage besser?
Ansonsten flüssig geschrieben, fast rasant, atemlos, gehobenes Sprachniveau, kurze Kapitel, lässt sich sehr schnell und flüssig lesen.
Fazit: ich kann es keinesfalls mit 5🌟 bewerten weil meine Vorbehalte einfach zu groß sind. Aber es ist eindrucksvoll und gräbt sich ins (Unter-)Bewusstsein und arbeitet da weiter. Es ist angesichts des Gegenstands wahrlich kein Lesevergnügen, aber es ist wichtig, daher lande ich erstmal bei 4🌟.