Eines muss man dem Buch zu Gute halten: Es regt zum Nachdenken an. Zum Denken, wie die eigene Position zum Schulsystem, den Lehrern ist.
Aber das war es auch schon mit Positivem, denn ansonsten enttäuscht das Buch. Für ein normales, deutsches Sachbuch ist es viel zu unlustig. Nirgends findet man Humor. Nicht weiter schlimm, wenn es tatsächlich inhaltlich von Wert wäre, aber hier findet man nur ein schlecht recherchiertes, einseitiges Gemecker über Lehrer. Man müsse doch neue Wege gehen, aber gleichzeitig lässt sich die Autorin darüber aus, wie schlecht doch alles Neue ist. Sie regt sich darüber auf, dass Eltern in die Pflicht genommen werden, zuhause mit den Kindern zu üben, ärgert sich dann aber wiederum darüber, dass Eltern nicht in die Gelegenheit kommen, mitzubestimmen und so den Lehrer vielleicht zu entlasten. Sie beschwert sich, wie inkompetent ein Lehrer doch sein muss, dass ihr Sohn in der 9. Klasse immer noch nicht in der Lage ist, 'das' und 'dass' auseinander zu halten, sagt aber an der gleichen Stelle, dass sie es ihrem Sohn auch schon mehrmals erklärt hat und er es immer noch nicht kann - dann ist sie selbst also auch inkompetent? Natürlich haben auch Lehrer Schuld daran, wenn Schüler Joints oder Alkohol mit in die Schule nehmen, immerhin sollen sie doch auch Erzieher sein, in ihren Augen. Dass ein Lehrer gar nicht die ihm anvertrauten bis zu 30 Kinder in den im Schnitt 4 Wochenstunden erziehen kann, fällt ihr gar nicht erst ein. Und erst recht nicht, dass es vielleicht Aufgabe der Eltern ist, den Kindern schon vor Einschulung einen Hauch Manieren beizubringen.
Was mich aber am meisten an diesem Buch gestört hat, war die Frage, warum ein Nachhilfelehrer für 20 Euro in der Stunde es schafft, dass ein Kind Stoff begreift, und warum ein Lehrer, der ja viel mehr verdient, das nicht schafft. Was Frau Kühn dabei aber vergisst, ist, dass ein Lehrer von im Schnitt 25 Schülern bei durchschnittlich 25 Wochenstunden zu 20 Euro im Monat 50.000 Euro bekommen würde - und der Nachhilfelehrer immer noch auf dem Unterricht der eigentlichen Lehrer aufbaut.
Die Arroganz, mit der hier Lehrer behandelt werden, die extrem schlechte Recherche und die althergebrachten Vorurteile, nach Schulschluss und in den Ferien würde ja nicht gearbeitet werden, lassen einen nur den Kopf schütteln. Daher musste ich mich durch das Buch durchquälen und hätte es oft gern einfach nur noch weggeschmissen. Dabei hat sie doch mit einem Recht: Unser Schulsystem ist nicht ideal, das zeigt PISA alle paar Jahre wieder. Aber die Schuld von Eltern, Politik und vielleicht auch mal den Schülern im Einzelfall nur auf die Lehrer zu schieben, ist einfach nur haltlos.
Tja, wo soll man da anfangen.... Vielleicht zuerst bei den positiven Aspekten: Ich bin selbst angehende Lehrerin und dieses Buch hat mich einige meiner Verhaltensweisen noch einmal neu betrachten lassen und mich zum Nachdenken angeregt. Dies war bestimmt auch die Intention der Autorin, die sich in diesem Buch ihren Frust von der Seele geschrieben hat. Als alleinerziehende Mutter mit vier schulpflichtigen Kindern kann man wohl sagen, dass sie ihren "fair share" an verschiedensten Lehrern und Erlebnissen aus dem Bereich Schule gehabt hat. Sie legt ganz offen, was viele Lehrer als selbstverständlich ansehen: dass Eltern ihre Kinder in allem unterstützen können und die Lücken, die nach dem Unterricht bleiben, auffüllen. Zu Recht bemängelt sie, dass dies nicht möglich ist, da sie sich in ihrer Position klonen oder zerreißen müsste. Andererseits verlangt sie von den Lehrern, dass sie eben jene eierlegende Wollmilchsau werden, die absolut unerreichbar scheint. Natürlich ist es ein hohes Ziel, der beste Lehrer zu sein, der man sein kann. Aber ab einem bestimmten Punkt muss auch ein Lehrer sagen dürfen: bis hierhin und nicht weiter. Was den Schreibstil des Buches betrifft: die Schimpftiraden werden nach gewissen Oberbegriffen geordnet und abgearbeitet. Dabei springt die Erzählung jedoch sehr schnell zwischen den verschiedenen Schulformen (Grundschule und Gymnasium) hin und her, sodass es schwer fällt den Gedankengängen der Autorin zu folgen. Alles in allem rechnet sie jedoch am meisten mit den Grundschulen ab, welche die Kinder (ihrer Meinung nach) nicht passend für die weiterführenden Schulen vorbereitet. Dies schließt jedoch gleich an die Kritik am Gymnasium an, welches die Pflicht, den Schülern den Übergang auf die neue Schule zu erleichtern, schuldig bleibt. Zum Schluss schlägt sie jedoch recht versöhnliche Töne an und gibt zu bedenken, dass es durchaus gute und hervorragende Lehrer gibt, welche jedoch viel zu rar gesäht sind. Ich möchte hier jedoch meine Hoffnung kundtun, dass sich in den letzten 11 Jahren einiges geändert hat. Alles in allem werde ich dieses Buch wahrscheinlich schnell aus meinem Bücherregal entfernen, da es leider keinen Entertainmentfaktor besitzt und mich persönlich nicht anspricht.
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