Also erstmal: auch wenn ich im Folgenden eher kritisch bin und auf Sachen eingehe, die ich nicht so mochte, ist das hier kein schlechtes Buch! Wer noch gar nichts zu diversen Gender Gaps gelesen hat, wird sehr viele gute und wichtige Informationen bekommen. Die Autorin schreibt zugänglich, was bei feministischen Themen nicht selbstverständlich ist. Einiges wird richtig gut aufgedröselt.
Dennoch hatte ich meine Schwierigkeiten, erstmal mit dem Schreibstil. Wut ist nicht das Problem, ich bin ganz oft über den Ist-Zustand unserer Gesellschaft wütend. Ich habe aber festgestellt, dass mir ein nüchterner, klarer Stil bei solchen Themen besser gefällt. Es war mir auch alles zu repetitiv. Ständig immer wiederkehrende Sätze wie "kein Witz" (ja, schon klar, ich habe auch keinen Witz erwartet) oder "aber Alex, das ist doch xyz, könnte man jetzt vielleicht meinen" - ein Satz der so beginnend in jedem Kapitel mehrfach auftaucht und mir irgendwann so auf die Nerven ging, dass ich das Buch in die Ecke pfeffern wollte. Und wo wir bei dem Thema sind: ich mag es überhaupt nicht, wenn mir ständig mitgeteilt wird, was ich wohl grade so fühle. Und das wirklich oft. ("Ihr wollt das Buch sicher auch grade vor Wut aus dem Fenster werfen." "Ihr wollt bestimmt alles anzünden." "Könnt ihr noch? Eure Wut muss ja riesig sein!")
Beim Thema Beförderungen und Aufstieg gab es hier leider das Übliche: mehr Frauen in die Chefetagen, Spitzenpositionen, Vorstände. Immerhin ein bisschen intersektional, denn auch die besondere Schwierigkeit für andere marginalisierte Gruppen in höhere Posten zu kommen, wird erwähnt. Meine Haltung ist immer eher eine Unbeliebte, trotzdem zwei Sätze dazu: Der Arbeiter*innenklasse ist es komplett egal, wer sie ausbeutet. Und wir brauchen nicht mehr Frauen in Spitzenpositionen, sondern weniger Spitzenpositionen.
(Ganz hinten geht die Autorin aber nochmal auf viele Sachen ein und schreibt unter anderem, wie sich die Arbeitswelt verändern muss - da sind ein paar gute Anmerkungen dabei.)
Der nächste Punkt... nun ja. Diese eine Stelle zu Kinderserien hat mich doch mit offenem Mund dasitzen lassen:
- Die Serien orientieren sich an der japanischen Manga-Kultur, konstatiert Ross (Anmerkung: Annika Ross in der EMMA), die, wenn man es ganz genau betrachtet, Teil der Pornoindustrie ist, sodass wir als Eltern somit mit diesen omnipräsenten Serien nachmittags ein Stück weit Teenie-Pornos in die Zimmer unserer Kinder holen. -
Ich meine... wtf? Das ist eine dermaßen eklige Sexualisierung und Beleidigung eines riesigen Teils japanischer Kultur - und natürlich völlig falsch! Mangas sind erstmal einfach Comics in einer bestimmten Kunstform, die natürlich auch variieren kann. Es gibt sie zu jedem (!) Genre, Fantasy, Horror, Detektivgeschichten, Abenteuer, Sci-Fi, Romanze, für Kinder, für Erwachsene und ja, auch Erotik. Das darauf zu reduzieren wäre aber so, als würde man sagen: "Wie, du liest ein Buch von Goethe? Es gibt ja auch pornografische Bücher, also liest du genau genommen einen Porno!" Oder: "Du guckst Herr der Ringe? Aber das sind ja Filme und es gibt auch Pornofilme! Deswegen guckst du eigentlich grade Pornos!" Völlig banane.
Abgesehen davon gibt es sehr viele japanische Frauen, die als Künstlerinnen bis ins hohe Alter ihren Lebensunterhalt damit verdienen, grade weil man von zuhause aus arbeitet. In einem Land wie Japan, in dem viele Frauen ab ihren 30ern aus dem Berufsleben verschwinden ein riesen Schritt der Emanzipation!
Und noch was: Mangas und Animes haben unfassbar viel für die Sichtbarkeit und Akzeptanz queerer Menschen getan. Mittlerweile gibt es sogar Realverfilmungen beliebter Reihen mit queeren Hauptcharakteren. Das war dort früher undenkbar. Und während westliche, weiße "Feministinnen" noch was von "Fetischisierung" faseln, merken sie gar nicht, dass sie ganz traditionell im Sinne des Patriarchats die erotischen Fantasien von japanischen Frauen (und ihren - oft queeren - Leser*innen auf der ganzen Welt) shamen und problematisieren. Hurra.
Und das heißt übrigens nicht, dass man einzelne Mangas nicht für ihren Inhalt kritisieren darf, ganz im Gegenteil.
By the way, die kritisierten Serien im obigen Zitat sind alle westlich und sehen ehrlich gesagt nicht sonderlich Manga-mäßig aus. Aber gut, haben wir noch einen schönen Seitenhieb auf eine fremde Kultur. Ehrlich, dass so ein Unsinn in der EMMA steht, wundert mich null. Dass die Autorin das hier aber völlig ahnungslos und unkritisch übernimmt, kreide ich ihr an!
Und dann das hier:
- (...) dass bestimmte Bücher von queeren Autor*innen vom Amazon-Algorithmus automatisch in der Unterkategorie "Erotik" gelandet sind, damit nicht unbedingt als jugendfrei anmuteten und dadurch eine latent schmuddelige, folglich negative Konnotation bekamen. -
Erstmal ja, wenn die Bücher keine expliziten Szenen enthalten, ist das falsch und ein Skandal. Damit geht den Autor*innen auch Geld durch die Lappen, weil die Bücher versteckter und völlig falsch eingeordnet sind. Aber diese Wortwahl. "Schmuddelig"? Ich lese als queere Frau sehr viele queere Romanzen und Erotikromane mit expliziten Sexszenen. Als schmuddelig oder negativ habe ich das noch nie empfunden!
Und eins noch, zum Wort Familienvater:
- Ein vermeintliches Kompliment, dass es auf der einen Seite offenbar "nur" Väter und auf der anderen Seite aber extra tolle "Familienväter" mit Fleißbienchen gibt, die nicht nur Kinder gezeugt haben, sondern sich tatsächlich auch noch um diese kümmern. -
Das ist eine spannende Definition. Ich mag das Wort auch nicht, habe es bisher aber immer anders verstanden. Eine Mutter ist einfach Mutter eines oder mehrerer Kinder. Der "Familienvater" hat dagegen eine ganze Familie unter sich, inklusive der Frau. Darum nennen sich geschiedene oder single Väter meist auch nicht so, weil die Frau fehlt und sie "nur" Väter der Kinder sind. Keine Ahnung welche Definition da nun richtig ist.
Die Autorin wird übrigens nicht müde, an die Männer zu appellieren und ihnen zu sagen, dass das Patriarchat allen schadet. Schon richtig, aber manchmal wird so getan, als sei das Patriarchat einfach so entstanden und nicht durch Männer, die es auch heute aufrecht erhalten (mit manchen Frauen als Steigbügelhalterinnen). Wir müssen auch ehrlich sein: Männer wollen es so dringend behalten, weil dieses System leider auch massive Vorteile für sie hat und ihnen eben nicht nur schadet. Und sei es nur das wohlig warme Wissen, dass man "über" sehr vielen Menschen steht (weil man Mann, hetero, weiß, cis, you name it ist.)
Jedenfalls habe ich beim Lesen oft genickt und mich manchmal leider sehr geärgert. Es gibt bessere Bücher zu dem Thema, aber wie eingangs erwähnt, schlecht ist es auch nicht.