Jump to ratings and reviews
Rate this book

Der große Wunsch

Rate this book
Was tun, wenn die eigene Tochter nach Syrien reist, um einen Glaubenskrieger zu heiraten? – »Einer der politisch hellsichtigsten deutschen Schriftsteller.« DIE ZEIT

Feinfühlig und scharfsinnig erzählt Sherko Fatah eine erschütternde Vater-Tochter-Geschichte vor dem Hintergrund der Konflikte im Nahen Osten, die auch das heutige Westeuropa längst erreicht haben. Eine Tochter verschwindet. Sie ist aufgebrochen, um sich in Syrien mit einem Glaubenskrieger zu verheiraten, den sie im Internet kennengelernt hat. Zurück bleibt ein Vater, der sich Vorwürfe macht. Hätte Murad seiner Tochter Naima nur mehr von seinem Herkunftsland erzählt, von dem er sich hier in Deutschland endlich gelöst hat. Hätte er ihren Fremdheitsgefühlen nur mehr Beachtung geschenkt. Vielleicht wäre sie dann nicht im Namen der Religion in eine Welt heimgekehrt, die ihr vollkommen unvertraut ist. Murad sieht nur eine Lö Er muss Naima finden. Und so nimmt er Kontakt zu Schleusern auf, reist in das Kurdengebiet an der türkisch-syrischen Grenze und stellt sich dabei auch seiner eigenen Vergangenheit. Als ihm die Schleuser ein Audiotagebuch präsentieren, das von einer Frau in Rakka aufgenommen wurde, mit großer Wahrscheinlichkeit Naima, entscheidet Murad, die gefährliche Reise in das Herrschaftsgebiet des Islamischen Staates auf sich zu nehmen …

385 pages, Kindle Edition

Published August 30, 2023

2 people are currently reading
178 people want to read

About the author

Sherko Fatah

13 books14 followers
Sherko Fatah was born in Berlin in 1964 as the son of an Iraqi father and a German mother. He spent his early childhood in East Germany and also spent longer periods of time in Iraq. In 1975 his family moved to West Germany. Sherko Fatah studied philosophy and art history in Berlin, where he currently lives as a writer.

Awards:

* 1999 Berlin Literary Colloquium Stipend
* 2001 Aspekte Literature Prize
* 2002 Special German Critic’s Award for the Most Notable Prose Debut
* 2003 Alfred Döblin Stipend
* 2007 Hilde Domin Prize for Literature in Exile
* 2008 Nomination for the Prize of the Leipzig Book Fair

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
11 (10%)
4 stars
29 (28%)
3 stars
40 (38%)
2 stars
20 (19%)
1 star
3 (2%)
Displaying 1 - 20 of 20 reviews
Profile Image for Meike.
Author 1 book5,046 followers
September 11, 2023
Longlisted for the German Book Prize 2023
A novel about a young woman who travels to Syria to marry an IS terrorist- now THAT's what I call topical relevance. Unfortunately, the result is not as captivating as a text with this topic could be. Sherko Fatah was born in East Berlin, the son of an Iraqi Kurd and a German, many of his texts deal with Middle Eastern conflicts. In this novel, protagonist Murad (the name can be roughly translated into "the great wish", so the book's title) is a German with a Kurdish migration background, he has worked as a social worker and a journalist and is separated from his wife, Dorothee. Ten months ago, his 20-year-old daughter Naima disappeared with a young French man who joined the Daesh. Murad has borrowed money and traveled to the Kurdish area the Turkish-Syrian border, where we meet him at the beginning of the text. His goal: To find and bring home his daughter - but does she even want to come back?

Murad's informants present him with audio files that allegedly captured Naima's voice, who is supposed to be in Raqqa. Our protagonist spends a lot, and I mean: A LOT!, of time waiting and pondering how to get there. While he waits, he thinks about possible answers to question how and why Naima was radicalized, he communicates with his landlord, the landlord's wife, his friend Aziz, his estranged wife, and he waits, waits, waits. Other topics that arise are Murad's alienation from Naima since puberty because she grew up with an idea of freedom Murad never knew, the tiredness stemming from othering in Berlin and now, in his father's homeland, 9/11, the Armenian genocide, the effects of the separation from his wife, colonial history, Sykes-Picot and inner-regional conflict, and multi-cultural marriage (is it even multi-cultural, according to Murad?). And then: Description abound, especially of the landscape, sometimes exact, sometimes hallucinatory. They are extremely well done, but, taken together with the static ruminations, it makes for a very slowly read.

And two things bothered me about this book: First, the plotting lacks stringency (why would the wife of an IS fighter record a diary that then makes it out of Raqqa - does she have a death wish? Aziz reads like a plot device, he is not a three-dimensional human; and then, the whole thing relies on the assumption that Murad can just bring Naima home, which he can't, because Naima is a terrorist and, if she makes it out alive, will go to jail). In regarding this whole discourse whether she is a victim - a part that is well done, especially because it refrains from giving clear answers! -, I still have to compare "The Great Wish" with V13: Carrère does a better job discussing the agency of radicalized Westerners, and he points out that the videos from the Daesh are in fact not glossing over the war, but are in fact showing violence and brutalization in HD in order to attract sadists ready to act out their lowest impulses.

So all in all, this is not a bad book, but it's not focused and sharp enough.
Profile Image for Anna Carina.
686 reviews354 followers
October 20, 2023
Murad, im Grenzgebiet zu Syrien, wandert, durch der Türkei zugehörige, zerklüftete Felslandschaften, riecht und schmeckt den Staub. Nur er, seine Gedanken, die Einsamkeit, die nächtliche Kälte und das Vorhaben, seine Tochter zu finden.
„Ich hätte Naima davon erzählen sollen, wie sehr ich diese Müdigkeit in mit bekämpft habe. Nicht weil ich ein Streber war, der sich unbedingt anpassen wollte. Nein, es ging mir darum, diese Kraft nicht zu verlieren, anders sein zu wollen als die vielen, die ich seit meiner Ankunft in Deutschland sahn Berlin, in Mannheim, in Köln, wo auch immer. In den unübersehbaren, überbevölkerten Stadtvierteln saßen sie in den immer gleichen Cafes vor ihrem Glas Tee und ihrem Handy. Vermutlich erinnerten sie sich nicht einmal an die Hoffnungen, die sie hierher begleitet hatten. Sie waren einfach nur, jeder für sich, an seinem Platz, genau dort, wohin man sie verwiesen hatte, weil sich auch in ihnen irgendwann die Müdigkeit breit gemacht hatte, weil auch sie die Spannkraft verließ und nur Ernüchterung zurückblieb. Für mich wollte ich das nicht, dachte Murad. Dass jene Müdigkeit aber Naima mit solcher Gewalt zurückreißen würde in ein anderes Leben, von dem sie keine Vorstellung hatte, hätte er im Traum nicht für möglich gehalten.“

Die ersten 100 Seiten hat mich die Sprachfreude, die Leichtfüßigkeit, das schelmische Erzählen und Hineinziehen meiner Person, alles zu fühlen, mitzuerleben, stark an Umberto Eco erinnert und insbesondere an Baudolino. Begeisterung.
Er hält dieses Niveau jedoch nicht. Die Sprache wandert hin zur Alltagssprache. Nur hier und da, bei Überlegungen über die Spinne, die Maulwurfsgrille, das Empfinden von Vergehen der Zeit, blitzt diese Sprachlust wieder auf.
Je nach dem, mit welcher Erwartung man das Buch beginnt, könnte man es auch als Mogelpackung begreifen. Die Fragestellung: „Was führt dazu, dass die Tochter Murads sich einem Gotteskrieger anschließt und nach Syrien geht?, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Sie wird lediglich durch Überlegungen und Audiotagebücher behandelt, die redundant und oberflächlich bleiben. Sie führen zu nichts. Für mich der enttäuschendste Teil des Buches.
Es geht um Murad, sein Verhältnis zu seiner entfremdeten Tochter, sein Verhältnis zu seiner Exfrau, sein Verhältnis zu Freunden, als Migrant in 2. Generation und eigentlich um Fortschrittsgesellschaft, um „Minima Moralia“, in vollem Fokus als Migrant die Spannkraft nicht zu verlieren und nicht mitzubekommen, dass die kapitalistische, westliche Gesellschaft, das Individuum, durch Entfremdung und Unauthentizität ebenfalls in den Sumpf der Passivität zieht. Kämpfe an 2 Fronten.
Murads Passivität ist durch eine unfassbare Naivität, einem Freiheitsgedanken, der das Gegenüber glauben macht, es sei ihm alles egal, der, obwohl er im Bereich der Kriegsdokus arbeitet, nichts von gesellschaftspolitischen Strukturen und Zusammenhängen mitbekommt, gekennzeichnet. Der ein Versager ist, die Beobachtungen seiner Umwelt, die gewonnenen Eindrücke und Erkenntnisse, zu nutzen. Als wolle er sich nicht verhalten müssen. Dabei ist er ein absolut liebenswürdiger Charakter, der sich selbst ständig hinterfragt und versucht zu verstehen.
Das macht seine Figur so unendlich tragisch.
Leider wird diese Ambiguität überhaupt nicht gewinnbringend ausgeschöpft.
Die Einsamkeit in seiner Hütte, das karge Leben, sein Baum unter dem er sitzt – eine großartige Anlage, um in die Abgründe, den Schmerz, die Suche nach Antworten und Verstehen hinunterzusteigen. Der Autor macht es nur nicht. Immer wieder wird dieser Ansatz, durch beliebige Erinnerungen gebrochen. Das Einstreuen von langweiligen, völlig nutzlosen Sequenzen mit den Boten.
Es wird klar, Murads Warten hat nichts von Herman Hesses Siddharta: "… ich bin ein Stein, ich tue nichts, ich ziehe die Dinge an mich".
Er ist nicht die Spinne, die Jägerin, die wartet und nichts tut.
Das Buch hat mich zunächst, durch das Eingangszitat und die ersten Szenen im Glauben zurückgelassen, dass wir es hier nur mit scheinbarer Passivität zu tun haben. Einer Person, die den anpackenden Pragmatismus seiner Exfrau und den ständigen Tatendrang seines Freundes Aziz, kritisch in Relation zu seiner Einkehr, dem Fokussieren auf Ziele und das darüber nachsinnen stellt. Denken erfordert Zeit. Nee, diese These würgt das Buch durch Murads Persönlichkeit immer weiter ab. Es bleibt traurige Passivität, die im Vergleich zu „Tasmanien“ zwar keiner Desillusionierung erliegt, dennoch als Dämpfer fungiert. Der Autor vermag es nicht wie Fosse, einen limitierten, in sich kreisenden Menschen, sprachlich und stilistisch zur Explosion zu bringen.
Was bleibt: Murad, du warst als Vater ein Versager.

Das reicht mir nicht, um das Buch mehr als durchschnittlich und gut zu finden. Eigentlich bin ich sogar verärgert, weil ich das Potential sehe.
Profile Image for Daniel.
522 reviews66 followers
October 25, 2023
Murad macht sich auf den Weg ins kurdische Grenzgebiet zu Syrien zu der Zeit als ISIS/Islamischer Staat/Daesh noch ein "Kalifat" errichtet hatten in Teilen Syriens. Er hat einen Boten engagiert, der seine Tochter finden soll, die verschwunden ist und sich scheinbar mit ihrem französischen Freund radikalisiert hat und diesem Kampf angeschlossen hat. Murad wartet vor allem und muss sich mit den Menschen im Grenzgebiet sowie seiner Ex-Frau und einem eher seltsamen Freund in Deutschland auseinandersetzen.
Zunächst beginnt das Buch sehr poetisch, dann wird es schnell viel Selbstreflexion, Beobachtung, Einsamkeit und leider auch viel Selbstmitleid mit dem abwesenden Vater, der seine Tochter nicht versteht und offensichtlich auch nie wirklich erreicht hat.
Viele Beobachtungen aus Syrien/dem kurdischen Autonomiegebiet. Es wird viel gewartet, geraucht und Tee getrunken.
Der letzte Teil wird dann spannender, aber auch etwas vertrackt, ohne wirkliches Happy End.
Sehr spannendes Thema, mal ohne Sachbuch zu sein
Profile Image for Jersy.
1,208 reviews108 followers
September 16, 2023
Ein Buch, in dem es größtenteils um Warten und Ungewissheit geht und darum, wie es ist, in der zweiten oder dritten Generation einer Einwandererfamilie im Westen zu leben. Wie im Roman selbst oft genug gesagt wird, geht es hier nicht um ein Abenteuer, es geht hier eher ruhig, aber dadurch nicht weniger eindrücklich vonstatten. Ich fand es sehr spannend, wie Murad mit der Situation umgeht und mochte die kleine Gruppe von Menschen, die ihn in der fremden Heimat umgibt. Es war für mich anders, als erwartet, das war in diesem Fall aber äußerst positiv.
Profile Image for Wandaviolett.
471 reviews66 followers
September 22, 2023
Kurzmeinung: Großartig – wenn man sich einlässt und aushält, langweilig, wenn man Spannungsromane gewohnt ist.
Überschrift: Entwickelt nach und nach große Kraft
Der etwas phlegmatische, energielose und etwas fatalistisch eingestellte Murad bricht aus Deutschland auf und begibt sich ins Hinterland der Türkei, um seine Tochter Naima zu suchen. Im Rücken des Städtchens Mardin, rund 20 km nördlich der Grenze zu Syrien, von dort ist es nicht weit in den Irak, quartiert er sich am Rande eines Dörfchens bei dem älteren Ehepaar Abbas und Aliija ein. Seine Tochter, inzwischen etwa 20 Jahre alt, ist vor längerer Zeit von zu Hause weggelaufen, um mit einem Krieger der IS zusammenzuleben. Heißt es, ganz genau weiß es niemand. Sie soll mit einem Krieger namens Faruk zusammenleben, einem Franzosen, und ein Kind haben.
Murad betreibt von seinem Standort, seiner Zentrale aus, halbherzige Nachforschungen: er trifft sich mit „dem Boten“ im Kaffeehaus, wartet auf Informationen, für die er bezahlt hat. Er ist zum ersten Mal im Land seiner Väter oder wenigstens in der Nähe davon, sein Vater kam aus dem Irak. Murad ist also ein typischer Vertreter der in Deutschland geborenen "Generation mit Migrationshintergrund", wie man so schön sagt. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, mit Dorothee. Doch die Ehe scheiterte. Dennoch ist man durch das gemeinsame Kind verbunden geblieben. Immer wieder ruft Dorothee an und fragt nach dem Stand der Dinge, da sie – ganz richtig – vemutet, dass Murads Reise ein Schnellschuss gewesen ist, ungeplant und unsystematisch und er, wie immer, sozusagen nichts unternimmt, sondern sich treiben lässt.

Der Kommentar:
Es ist die Gegend, staubig, hügelig, ereignislos, öde, dennoch voller unterdrückter Spannungen, die Männergesellschaft, das Teetrinken und die Gedanken des quallenartigen antriebslosen Murad, die einen allmählich einfangen. Berge, freilaufende Hunde, Telefonate, SMS, die zu nichts führen, unbefestigte Straßen, unwillige Unterhaltungen, Wanderungen auf staubtrockenem Boden, fremdartige Begegnungen, man wird eins mit dem eintönigen Leben der Menschen an prekärem Ort, denn nicht weit entfernt tobt ein Krieg. Die IS ist nie weit. Man hat Angst und hält sich bedeckt.Wie Murad leidet man unter der Abwesenheit von News, von Ereignissen, von Gesellschaft, von Irgendwas und wie Murad verbohrt man sich nach und nach in genau diese Szenerie:
Sowohl Murads Antriebslosigkeit, seine ungerechten Gedanken gegenüber seiner Exfrau, seine Gewissensbisse seiner Tochter gegenüber, die er mit dem Scheitern der Ehe fast gänzlich seiner Frau überlassen hat, korrespondieren mit der öden Umgebung. Staub. Berg. Staub. Tee. Karges Essen. Karge Gemeinschaft. Misstrauen. Abhängigkeit. Eine andere Art von Leben. Während Murad unter einer alten Aleppoeiche meditiert und an einer armseligen Quelle seine Zweitunterhose wäscht, unternimmt sein Freund Aziz aus der Ferne, das, was Dorothee von Murad erwartet. Er plant, arrangiert und kommt schließlich zu Hilfe. Jetzt gehts ratzfatz und ist auch höchste Zeit, denn Rakka, dem vermuteten Aufenthaltsort von Murads Tochter, soll gestürmt werden (ich hätte gerne gewusst, von wem).

Das Leseerlebnis orientiert sich an seiner Umgebung. Erst fad. Dann eintönig. Dann Gewöhnung an die Eintönigkeit. Verliebtsein in diesselbe. Monotonie. Askese. Träumen in der Sonne. Staub. Teetrinken. Verzweiflung. Ich bin Murad. Schließlich werden Murad und ich aufgeschreckt von Aziz. Plöder Kerl, wir hätten ewig unter der Aleppoeiche sitzen können.
Es fällt natürlich erst schwer, sich auf Monotonie, Gewissensbisse, Apathie und Teetrinken einzulassen. Dazu der Staub, der durch alle Poren dringt. Spärliche Unterhaltungen. Dennoch, die Landschaft ist großartig. Ich sehe sie vor mir und blicke mit Murad und seinem Fahrer in die Täler. Ich renne mit ihm zu der Frau, die ständig mit einer großen Tasche von A nach B wandert; was ist da drin? Ein Maschinengewehr? Ich esse Ziegenfleisch, Fladenbrot und werde allmählich asketisch. Verlangsamung. Einsamkeit. Gedanken. Dann passiert etwas. Verrat. Ein großartiges Ende.

Fazit: Ein großartiger Roman mit Sprachkraft, ohne Fehl und Tadel, auf den man sich freilich ganz und gar einlassen muss, sonst bricht er unter einem weg. Ein Roman, der mir Hochachtung abnötigt.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 (hätte auf die Shortlist gehört)
Verlag: Luchterhand, 2023
Profile Image for Otto.
750 reviews50 followers
September 19, 2023
Die Geschichte nimmt immer mehr Fahrt auf, was mir bei einem Roman immer gefällt. Die Suche nach der zum islamischen Staat entwichenen Tochter punktet nicht nur mit interessanten Betrachtungen über die Motivation solcher Übergänge vom scheinbar so privilegierten Leben im Westen zum rauen, kargen, gefährlichen Leben in den kriegerischen Hotspots Syriens mit all der Grausamkeit, mit versuchten Erklärungen dazu, warum die Kämpfer des islamischen Staates diese Grausamkeiten veröffentlichen sondern auch mit tollen Einblicken in das Leben und die Landschaft an der türkisch-syrischen Grenze, dem Kurdengebiet.
Sherko Fatah erzählt vom verzweifelten Hass auf den überheblichen Westen genauso wie von der verzweifelten Suche eines Vaters nach seiner entschwundenen Tochter. Den überraschenden Schluss (der sich irgendwie ankündigt) will ich hier nicht verraten, weil ich dem Roman viele Leser wünsche. Derzeit noch auf der Longlist des deutschen Buchpreises, vielleicht ja bald auf der shortlist.
19.9.2023: Nein - keine Shortlist
Profile Image for Kirsten.
3,187 reviews8 followers
November 19, 2023
Seit Murads Tochter verschwunden ist, ist sein Leben ein Albtraum. Er weiß zwar nicht, wo genau sie ist. Aber er weiß, was sie getan hat: Naima ist nach Syrien gereist und hat einen Glaubenskrieger geheiratet, den sie im Internet kennengelernt hat. In Deutschland fühlt er sich nutzlos, deshalb reist er ins Grenzgebiet zwischen der Türkei und Syrien und nimmt Kontakt zu Schleusern auf. Sie sollen ihn zu seiner Tochter bringen, damit er sie nach Hause bringen kann.

Wie lange Murad schon in dem kleinen Dorf sitzt, als seine Geschichte beginnt, habe ich beim Lesen nicht erfahren. Er wirkt passiv auf mich, fast schon resigniert. Alles, was er tut, ist herumzusitzen und zu warten, dass etwas passiert. Das ist schwer zu lesen, aber es ist eine gute Beschreibung von dem, was von Murads Leben übriggeblieben ist, nämlich nicht viel außer einem kleinen Zimmer im Nirgendwo und die Hoffnung, dass heute der Tag ist, an dem sich alles ändert. Seine Gedanken drehen sich um seine Tochter und darum, wo er etwas hätte verändern können. Wann war der Punkt, an dem sie sich für den Weg entschieden hat, den sie jetzt geht? Hätte er etwas tun können, um ihre Entscheidung zu beeinflussen?

In seinen Augen ist Murad ein hingebungsvoller Vater, der alles für seine Tochter getan hat und immer noch tut. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich erkannt habe, dass das nicht so ist. So ist die überstürzte Reise an die Grenze zu Syrien vielleicht auch ein Eingeständnis der Schuld, die er fühlt. Für die Mutter seiner Tochter und seine Freunde in Deutschland ist es nur eine weitere unüberlegte Aktion von ihm, in die er alle in seiner Umgebung hineinzieht.

Dann verändert sich für Murad alles. Er bekommt ein Audiofile zugespielt, das angelblich von seiner Tochter ist. Die junge Frau erzählt von ihrem Leben, wie sie sich in ihrer neuen Umgebung zurechtgefunden und ihren Teil für den Kampf getan hat. Auf das erste Band folgen weitere, aber nur, wenn Murad dafür zahlt. Nicht nur das, ich habe mehr als einmal den Eindruck gehabt, als ob die Erzählerin genau das sagte, was Murad hören wollte. Waren seine Kontakte echte Helfer oder nutzten sie ihn nur aus?

Wahrscheinlich traf beides zu, genauso wie Murad eben nicht nur der liebende Vater ist. In dieser Geschichte gibt es kein Schwarz oder Weiß, sondern nur die Zwischentöne und die sind meistens düster. Ohnehin gibt es in der Geschichte wenig Schönes. Wenn überhaupt, dann nur die Tatsache, dass Murad sich endlich sich selbst stellt und sich so besser kennenlernt. Aber ob er sich nachhaltig verändern kann, bleibt abzuwarten.

Das Buch endet gefühlt mitten in der Erzählung, so wie es auch begonnen hat. Das Thema ist schwierig und der Autor ist sensibel und ohne zu bewerten damit umgegangen. Trotzdem konnte er mich mit seiner Geschichte nicht berühren, was ich selbst sehr schade fand.
Profile Image for Circlestones Books Blog.
1,146 reviews34 followers
September 15, 2023
„Ich bin hier, um meine Tochter zu finden, die von Deutschland aus herkam, um einen verrückten Traum zu realisieren, sagte er sich und wusste, schon dieser Anlass für die Reise hätte seinen Vater den Kopf schütteln lasen.“ (Zitat Pos. 46)

Inhalt
Murad lebt in Berlin. Seit der Scheidung von seiner Frau Dorothee hat er den Kontakt zu der gemeinsamen Tochter Naima verloren, doch er war überzeugt, seine Tochter, inzwischen zwanzig Jahre alt und eine moderne junge Frau, gut zu kennen. Bis Naima vor zehn Monaten verschwunden ist. Sie ist einem jungen Glaubenskrieger ins Kalifat Syrien gefolgt und ist nun verheiratet. Murad lässt nach seiner Tochter suchen, sein bester Freund Aziz, verfügt als Kriegsreporter über viele Kontakte. Dann beschließt Murad, sich selbst mit Hilfe von Schleppern in das kurdische Grenzgebiet durchzuschlagen, vor Ort auf neue Informationen zu warten und seine Tochter nach Hause zurückzuholen. In einem kleinen Dorf wartet er auf den Boten, der mit einer syrischen Organisation in Verbindung steht, die Aussteigern, die zurück nach Hause wollen, bei der Flucht aus dem Kalifat zu helfen. Ist die junge Frau, die in einem Audiotagebuch von ihrem Leben berichtet, seine verschollene Tochter Naima? Wie kann er wissen, ob die tief verschleierte Frau auf den Fotos seine Tochter ist? Wenn ja, will sie überhaupt gerettet werden?

Thema und Genre
Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein Vater mit kurdischen Wurzeln, der in Deutschland aufgewachsen ist und der Heimat seiner Eltern längst entfremdet, auf der Suche nach seiner Tochter, die sich genau diesen Wurzeln zugewendet hat und schon in der Pubertät den Kontakt zum Vater weitgehend abgebrochen hat. Themen sind Familiengefüge zwischen den Kulturen und Religionen, Freundschaft, Vertrauen, die unterschiedlichen Welten und Denkweisen in Ost und West, die Einflussnahme der westlichen Politik auf die Konflikte in diesem gefährlichen Krisengebiet.

Charaktere
Seine Frau denkt über Murad „immer zu spät und dann in der falschen Richtung unterwegs.“ (Zitat Pos. 868) Sie drängt, will genaue Berichte und Ergebnisse über die Suche nach ihrer Tochter und versteht nicht, dass es in dieser sensiblen, gefährlichen Situation wichtig ist, Geduld zu haben, zu vertrauen und zu warten. Murad und die Menschen, die er trifft, vertiefen in ihren Ansichten und in ihrem Verhalten die Authentizität dieser Geschichte.

Erzählform und Sprache
Es ist eine Geschichte auf vielen Ebenen, in einer personalen Erzählform in deren Mittelpunkt die Hauptfigur Murad steht. Murad reist in ein Dorf im türkisch-syrischen Grenzgebiet, unternimmt mit seinem Fahrer Streifzüge, trifft sich mit seinen Mittelsmännern. Als sein Zimmervermieter ihm ein abgeschiedenes kleinen Haus in Miete überlässt, hat Murad einen Rückzugsort. In den nun folgenden einsamen Stunden und Tagen des Wartens entwickelt sich eine zweite Geschichte, die der Bewusstseinsströme seiner Erinnerungen, Überlegungen und Gedanken. Er denkt über sein Verhältnis zu seiner verschwundenen Tochter nach, fragt sich, was er als Vater hätte besser machen können. Hätte er mehr mit ihr über die kulturellen Wurzeln der Familie gesprochen, hätte sie das vielleicht daran gehindert, selbst in einer ihr völlig fremden Welt danach zu suchen. Kritisch hinterfragt Murad in seinen Gedanken die Eingriffe der westlichen Politik in diese Krisenregion und die kulturellen Unterschiede, die schon in der Familienstruktur beginnen. Im Hintergrund verläuft jedoch, für Murad und damit auch uns Leser zunächst unbemerkt, eine dritte, reale Geschichte, die sich mit kleinen Hinweisen erst zum Ende erschließt. Die Sprache erzählt einfühlsam von der realen und philosophischen Suche eines Vaters nach seiner verschwundenen Tochter, nimmt sich aber auch Zeit für bildintensive Schilderungen der wilden, kargen Landschaft, des Dorflebens, der Menschen und der Natur.

Fazit
Ein beeindruckender, auch sprachlich überzeugender Roman, eine vielseitige Geschichte und eine besondere Art des Erzählens mit wichtigen, aktuellen Themen, der wir mit Interesse und gebannt folgen und die zum weiteren Nachdenken anregt.
Profile Image for Isa ◡̈ .
233 reviews42 followers
February 2, 2024
»Der große Wunsch« von Sherko Fatah war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 und ich konnte dem Autor live auf dem Longlist-Leseabend im Literaturhaus Hamburg zuhören. Die Thematik des Buches — Konflikte um den IS im Nahen Osten — hat mich sehr interessiert und ich war umso gespannter darauf, es zu lesen. 👀 As smart as you are, you start wondering: Warum erst jetzt die Rezension? Jaaa, das mit dem Buch und mir hat einfach nicht gematcht. 👉🏼👈🏼 Aber zunächst, worum geht es?

Ein Vater sucht seine Tochter an der Türkisch-Syrischen Grenze. Seine 20-jährige Tochter Nima hat in Syrien einen Glaubenskrieger geheiratet. Der Vater Murad (der Name kann mit der Bedeutung ‚Wunsch‘ / ‚Sehnsucht# übersetzt werden) ist zerrissen von Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln, hätte er seiner Tochter vielleicht mehr über sein Herkunftsland Syrien erzählen können, sollen, müssen? Auf der Suche nach seiner Tochter erhält er immer wieder Fragmente aus einem Audio-Tagebuch, bei dessen Sprecherin es sich um seine Tochter handeln soll. Er zweifelt daran. Sein Ziel ist es, seine Tochter zu finden und nach Hause zu bringen — aber ist sie überhaupt bereit dazu?

»Insgeheim wollte ich dein Retter sein, aber möglicherweise willst du gar nicht gerettet werden.« 🥷🏻

Der Autor Sherko Fatah erzählt in einem ruhigen, leisen Tonfall von einer dramatischen Vater-Tochter-Geschichte, den Konflikten in Syrien und dem Nahen Osten, der Landschaft dort. Dies ist sehr gut dargestellt, aber dadurch entstehen einige Längen und der Fokus verliert sich. Zudem frage ich mich die ganze Zeit, wieso die Tochter ein Audio-Tagebuch veröffentlichen sollte — was in diesem Kontext extrem lebensgefährlich wäre. 🤯

So all in all: Leider ist der Roman nicht so fesselnd wie die Storyline und diese wichtige Thematik sein könnte und für mich insgesamt zu wenig fokussiert und scharf genug.

[2.5/5 ★]
Profile Image for Annika🌞.
1 review1 follower
November 11, 2023
Sehr spannendes Thema!! Einen Einblick, den man sonst nicht bekommt. Jedoch hat mich das Buch mit zu vielen offenen Fragen zurück gelassen.
Profile Image for Jonas.
62 reviews1 follower
September 16, 2023
Ein ganz tolles Buch, das einen tiefen Einblick in die Welt des Vaters nehmen lässt, wie er verloren ist nicht nur in einem fremden Land sondern auch in der Beziehung zu seiner Tochter und zu sich selbst.
Nicht verwunderlich, dass dieser Roman für den deutschen Buchpreis nominiert war. Große Empfehlung.
Profile Image for Buchdoktor.
2,367 reviews190 followers
September 5, 2023
Naima, die 20jährige Tochter von Murad und Dorothee, ist mit einem Glaubenskrieger zu „den Brüdern“ über die Türkei nach Syrien gereist. Ihr Vater, der bereits länger von Dorothee getrennt lebt, macht sich Vorwürfe, dass sein Kontakt zu Naima abgerissen ist und ihre radikale Wendung für ihn völlig unerwartet kommt. Für seine kostspielige Reise in ein steiniges, staubiges, unwirtliches Gebiet hat Murad Geld aufgewendet, das ihm nicht gehört. Vor Ort wird ihm bewusst, dass sein von hier nach Deutschland ausgewanderter Vater sich am Schnittpunkt von Kulturen, Religionen und Sprachen zurechtgefunden hätte. Murad jedoch, in Deutschland aufgewachsen, ist ein Fremder, angewiesen auf Zimmervermieter, Taxifahrer und Übersetzer, Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Dienstleistungen verdienen.

Murads Blick in die steinige Leere während des Wartens auf einen einheimischen Boten scheint sein Lebenstempo zu verlangsamen. Er grübelt über das Verhältnis zu seinem Vater, dessen Geschichten über dieses Grenzland er als Jugendlicher stets zu märchenhaft fand, deren Inhalt ihm jedoch die Region mit ihren Konflikten hätte nahebringen können. In Gesprächen mit Einheimischen erkennt er, dass Naimas Protest gegen die Werte ihrer Eltern etwas typisch Westliches ist, die islamische Kultur kennt offenbar nur Gehorsam, aber keine Pubertät. Dass sein eigener Wunsch nach Abgrenzung von anderen Einwanderern durch Leistung auch eine Form pubertären Protests gegen die Elterngeneration ist, wird ihm erst während seines Wartens auf den Boten klar. Seine Vermittler liefern Murad Fotos einer verschleierten Frau und Audiofiles einer Europäerin aus Rakka, deren Nachrichten offensichtlich abgehört werden. Sie versichern, die Frau wäre Naima – doch wer könnte eine verschleierte Frau sicher identifizieren? Der Besitzer des Gästehauses empfiehlt Murad das leer stehende Häuschen seines Vaters, dort hat er Ruhe, kann unbemerkt Informanten empfangen und bleibt natürlich trotzdem unter Beobachtung der Dorfbewohner. Während Murad wartet, nimmt sein jüngerer Geschäftspartner Aziz aus Deutschland Kontakt mit ihm auf – und irgendwo wartet eine Europäerin auf Veränderungen, die sie ahnt, aber nicht aussprechen darf.

Sherko Fatah lässt in einer lebensfeindlichen Grenzregion einen Vater nach seiner Tochter fahnden. In einem Szenario aus Kälte, Krankheit, Angst und Misstrauen bildet ein anspruchsvoller Satzbau das Warten, die Verlangsamung in Murads Lebens ab. Er findet gezwungenermaßen die Muße, über Terrorismus und „wohlstandsverwahrloste Verlierer der Migration“ zu grübeln, letztlich auch über seine eigene Erschöpfung als Migrant der zweiten Generation. Dass jeder Tag des Wartens Murad teuer zu stehen kommt und er hier eine der wenigen Einkommensquellen darstellt, ahnen Fatahs Leser:innen lange vor Murad. „Liebe, Hass, Habgier, Ehre“, dafür gehen Menschen Risiken ein und das ist unser Geschäft, meint der Bote zu Murad. Nicht ohne brutale Gewaltszenen, gefiltert durch Berichte aus zweiter Hand, ist “Der große Wunsch“ ein vielschichtiger, stilistisch exzellenter Roman, der mich an die steinerne Leere in „Im Grenzland“ erinnert hat.
689 reviews11 followers
November 30, 2023
Warten im Niemandsland

Murad ist kein Abenteurer, kein risk taker und auch kein junger Backpacker. Und doch ist der eher nachdenklich-reflektierte Intellektuelle und Sozialarbeiter aufgebrochen in eine Region, vor deren Besuch das Auswärtige Amt auf seiner Seite warnen dürfte. Im Niemandsland an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien wartet er nach einer beschwerlichen Anreise in die kurdische Region. Die karge und doch dramatische Landschaft mit ihren steilen Bergstraßen und Dörfern, in denen die Zeit stehen geblieben scheint, müsste ihm eigentlich etwas sagen: Murads Familie stammt aus diesen Bergen, die er aus den Erzählungen des Großvaters kennt.

Doch Murad fühlt sich als Fremder und es ist keine sentimental journey, sondern die verzweifelte Mission eines Vaters, die Sherko Fatah in seinem eindringlichen Roman "Der große Wunsch" beschreibt. Murad ist auf der Suche nach einem Lebenszeichen seiner Tochter, einer Tochter, die ihm nicht nur nach der Scheidung von seiner deutschen Ex-Frau fremd geworden ist. Denn die junge Frau, die nach westlichen Werten erzogen worden ist, die sich als Jugendliche nie für den Islam zu interessieren schien, hat einen französischen Glaubenskrieger geheiratet und ist mit ihm in das IS-Kalifat gezogen.

Murad bezahlt Vermittler, die seine Tochter ausfindig machen und ihn letztlich zu ihr bringen sollen. Er will sie heimholen. Doch will sie das? Und ist die tiefverschleierte Frau, deren Bilder man ihm zeigt, seine Tochter? Selbst das Audio-Tagebuch, das man ihm zuspielt, kann seine Zweifel nicht beenden. Ist das ihre Stimme? Ist sie überzeugt von ihrem neuen Leben, zweifelt sie? Hat sie sich mitschuldig gemacht, billigt sie die Versklavung der Jesiden, die grausamen Enthauptungen, mit deren Videos der IS um Nachwuchs wirbt und seine Glaubenskrieger rühmt?

Die Ausflüge in die Region, die er in den Wochen des Wartens unternimmt, verstärken nur Murads Gefühl der Fremdheit und Isolation. Er spricht die Sprache der Menschen in den Bergtälern, zu einigen baut er nachbarschaftliche Beziehungen auf, und doch fühlt er sich wie auf dem falschen Planeten.

Fatah schildert die inneren Nöte Murads, die spröde Schönheit der Landschaft, das ruhige isolierte Leben in den Dörfern, in denen manche Geheimnisse gehütet werden, in einer ruhigen und eindringlichen Erzählweise und lüftet manche offene Frage erst ganz zum Schluss. Trotz der dramatischen Situation, in der Murad sich sieht, vermeidet er plakative Darstellungen und überzeugt dadurch nur noch mehr. "Der große Wunsch" ist ein Buch, auf das man sich einlassen und für das man sich Zeit nehmen sollte.
Profile Image for Barbara.
86 reviews2 followers
Read
June 5, 2024
In der Fremde

„Migration verändert Menschen, vor allem aber deren Kinder.“ (17)
meint Murad, der nach seiner in Nahen Osten verschollenen Tochter Naima sucht. Murad, ein Sohn der kurdischen Einwanderer, hat längst mit seinem Herkunftsland abgeschlossen; als Sozialarbeiter in Berlin hat er seinen Platz in der neuen Heimat gefunden. Völlig unvorbereitet traf ihn deswegen die Nachricht über das Verschwinden von Naima, die mit ihrem westlichen Lebensstil, kurzen Röcken, Make-up und Fingernägel-Design wie jedes andere Mädchen in Berlin wirkte. Aber Naima lernte einen französischen Glaubenskrieger kennen, ist ihm nach Syrien gefolgt, hat sich dem Kalifat angeschlossen.
Voller Unverständnis für Naimas Entscheidung und von Selbstvorwürfen geplagt, will Murad seine Tochter in Syrien finden und sie zurück nach Deutschland bringen.

Der Roman von Sherko Fatah spricht viele brisanten Themen unserer Zeit an. Eines der Wichtigsten ist die Migration, die seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien sehr stark zugenommen hat. Überzeugend schildert der Autor das Leben in der Fremde, spricht über Parallelgesellschaften und die Sehnsucht nach dem Vertrauten, nach der Zugehörigkeit. Oft geschieht dann, dass „eine Hinterhofmoschee voller >Landsleute< aus aller Herrenländer zur Ersatzheimat“ wird. (29)

Doch das Hauptthema des Romans ist die Suche nach der Tochter, die ihr westliches Leben aufgegeben hat, um in den barbarischen Krieg in einem fremden, ihr unbekannten Land zu ziehen. Murads Suche entpuppt sich als ständiges Warten; das Warten auf den Boten der Schleuser, das Warten auf irgendwelche Infos über Naima, an eine Nachricht von ihr. Es ist ein Warten voller Hoffnung und Zweifel. Wie schwer Naimas jetziges Dasein ist, erfährt Murad aus den Fragmenten des Audiotagebuches, die ihm die Schleuser in einiger Zeitabständen zusenden. Es sind verstörende Nachrichten, manche sind schwer zu ertragen, auch für mich als Leserin.

Die Geschichte wirft viele Fragen auf, doch auf keine von ihnen findet man eine eindeutige, klare Antwort. Die Erzählung, auch wenn sie in einer bildhaften Sprache erfasst ist, zieht sich – genauso wie Murads Warten – in die Länge.
Angeregt von der spannenden Kurzbeschreibung des Buches habe ich diesen Roman mit großem Interesse gelesen.
Profile Image for Jin.
848 reviews148 followers
October 8, 2023
Wie willst du eine Tochter zurückholen, die dir fremd geworden ist und die vielleicht auch gar nicht zurück will? Und wie konnte dir jemand so fremd werden, jemand wie deine eigene Tochter? Der Vater begibt sich auf eine Reise zu seiner Tochter, was sich letztendlich auch als eine Reise zu sich selbst entpuppt. Man mag jetzt an eine actiongeladene Geschichte denken, so wie der Film "Taken", aber es ist trotz der Thematik ein ruhiges Buch. Es erzählt vom Diskurs, Zweifel und des ewigen Wartens. Dabei spricht der Protagonist ganz unterschiedliche, verschiedene Themen an, die man als 2. Generation einer Einwandererfamilie hat. Und natürlich auch die große Frage: Was habe ich in meinem Leben alles falsch gemacht?
Insgesamt fand ich das Buch spannend und es war auch sehr leicht zu lesen. Es hat sich zwar etwas lang angefühlt, aber es hat insgesamt zur Storyline gepasst. Auch das Ende hat mir so gefallen, aber ich will hier nicht zu viel verraten.

** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Profile Image for Pascal.
309 reviews53 followers
November 2, 2023
Das Herausragendste an Der große Wunsch ist das, was bereits der Klappentext andeutet: „Ist es nicht total krass, absurd, schlimm und unvorstellbar, dass junge Frauen in Deutschland mit islamistischen Gotteskämpfern in Kriegsgebiete ziehen?“

Es dauert hunderte Seiten, bis der Roman in diesem Thema auch nur ansatzweise so etwas wie Tiefe erreicht.

Natürlich steckt die Geschichte voller interessanter Einblicke in den Alltag der chronisch konfliktgebeutelten Gebiete im Nahen und Mittleren Osten. Für solche Erkenntnisse gibt es aber genügend andere Romane, wenngleich dort die deutsche Perspektive fehlen mag, wie wir sie hier erhalten.

Das größte Problem von Der große Wunsch ist der ausdrucksschwache Protagonist (der Vater), der für eine sterbenslangweilige Erzählstimme und -perspektive sorgt. Das liegt natürlich auch an seiner extrem passiven Situation über weite Strecken des Romans.

Das Gros der Geschichte besteht aus Gegrübel über Beziehungen zu Figuren, die komplett losgelöst vom eigentlichen Setting existieren. Den Gegenpol bilden ausschweifende Landschaftsschilderungen auf Wanderungen und Autofahrten, die den Erzählfluss nur noch weiter hemmen.

Das ist unglaublich ärgerlich, denn der Kernkonflikt des Romans ist enorm spannend und bietet viel Potenzial. Allem voran in der Frage: Wieso hat die Tochter sich dem IS-Krieger angeschlossen? Wie funktioniert diese Art der Rekrutierung im Ausland?

Diese Fragen spielen in Der große Wunsch praktisch gar keine Rolle. Der Fokus liegt eben auf der Beziehung zwischen Vater und Tochter, mag man da sagen, doch hängt auch diese zu sehr in der Schwebe, wenn die Tochter allenfalls in monologischen Fragmenten auftritt.
Profile Image for Andi Meyer.
50 reviews
January 25, 2024
Die sehr persönliche Vater-Tochter Geschichte auf dem Hintergrund der nahöstlichen Konflikte und Ideologien ist absolut lesenswert. Serko Fatah gelingt es, in der langen Zeit des Wartens von Murad Gefühle und Gedanken der beteiligten Personen glaubwürdig einzufangen. Der Entschluss von Naima zwingt die deutsche Mutter, den kurdischen Vater - in zweiter Generation in Deutschland - und die verschiedenen Kontaktpersonen vor Ort über die eigenen Gefühle und ihre eigene Rolle nachzudenken.
48 reviews
December 7, 2023
Der Klappentext lässt vermuten dass es um die Geschichte eines Vaters geht, der in Syrien versucht seine verschwunden Tochter zu finden . Im
Wahrheit ist es aber eher ein fast innerer Monolog des Vaters über seine
Schuldgefühle gegenüber seine Tochter und seiner Suche nach ihr . Dabei handelt es sich eher um eine Warterei und Grübelei, daher leider von nur geringer Spannung und storyline.
Profile Image for Kleinebuecherwelt.
250 reviews8 followers
October 10, 2023
Das Buch ist aufgrund der ernsten Thematik sehr erdrückend. Die Gefühle von Murad werden sehr anschaulich dargestellt, sodass man nicht anders kann, als sich mit ihm um seine Tochter zu sorgen. Im Buch stehen nicht die politischen und religiösen Konflikte im Fokus, sondern menschliche Beziehungen und Gefühle - und das macht es so nahbar. Es wird sehr deutlich, dass Menschenleben betroffen sind und wie leicht es passieren kann, dass Menschen wie Naima oder ihr Ehemann extremistischen Gruppen beitreten.
Leicht ist die Lektüre nicht, aber es lohnt sich, bis zum Schluss dranzubleiben. Das Buch hat eine starke Sogwirkung, sodass man immer weiterlesen möchte und der Autor baut immer wieder spannende Wendungen und Hoffnungsschimmer ein. Oberflächlich betrachtet, wirkt das Buch wie eine Abenteuerreise, aber es steckt viel mehr dahinter. Die Suche nach den Antworten auf die vielen Warums des Vaters, der nicht verstehen kann, wie seine Tochter ein sicheres und freies Land wie Deutschland gegen eine Konfliktregion eintauschen konnte. Die Frage nach seinen möglichen Fehlern. Das Beschäftigen mit seinen eigenen Wurzeln.
All das verpackt der Autor in ein rundes Bild, sodass das Buch eine einmalige Atmosphäre hat und auch nach Beenden nicht loslässt, weil man sich mehr mit den Themen beschäftigt.

Fazit: Ein spannendes Buch mit einer Sogwirkung, das einige ernste Themen aus einer sehr menschlichen Perspektive betrachtet.

Displaying 1 - 20 of 20 reviews

Can't find what you're looking for?

Get help and learn more about the design.