Sansibar, märchenhafte Insel im indischen Ozean vor der Ostküste Afrikas gelegen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wächst hier Salima heran, eines der zahlreichen Kinder des Sultans Sa'id. Ihre Erziehung ist fortschrittlich, sie lernt den Koran lesen, kann sich frei auf der Insel bewegen und so wird aus dem unbeschwerten, unbändigen Kind eine eigenständig denkende Frau mit einem starken Wesen, die nach dem frühen Tod der Mutter die Bewirtschaftung von drei Plantagen in die eigenen Hände nimmt. Als sie den deutschen Kaufmann Heinrich Ruete kennen lernt, entflammen die beiden in einer Liebe, die sich über alle Standesgrenzen und Konventionen hinwegsetzt. Da ihnen der weitere Aufenthalt auf Sansibar unmöglich ist, fliehen die beiden über Umwege nach Deutschland, um dort ein gemeinsames Leben zu beginnen.
Eine Geschichte, die klingt, als wäre sie erfunden. So märchenhaft, so exotisch - und doch hat sie sich genau so zugetragen. Es ist die Geschichte der sansibarischen Prinzessin Salima bint Sa'id, deren Memoiren unter ihrem christlichen Namen Emily Ruete im Deutschland des 19. Jahrhunderts für Furore, Staunen, aber auch für Ablehnung gesorgt haben. Eine Lebensgeschichte, die im fernen Sansibar beginnt und die in Jena endet und die für die Protagonistin in Nicole C. Vosselers neuem Roman mehr tragisch als glücklich verlaufen ist.
Die Lebensgeschichten historischer Figuren literarisch umzusetzen ist eine Gratwanderung. Gelingt es, den Figuren eine eigene Stimme zu geben, ohne sie mit den eigenen Eindrücken zu überlagern, ohne etwas hineinzuinterpretieren, was ihnen nicht gerecht wird. Gelingt, es, sie zum Leben zu erwecken, sie dem Leser nahe zu bringen, ohne in trockene Nacherzählung abzudriften. Gelingt es, das Interesse an ihnen zu wecken, sodass sich der Leser nach dem Buch weiter mit ihnen beschäftigen möchte. All diese Punkte lassen sich nach der Lektüre dieses Buches mit einem dreifachen und begeisterten ja! beantworten. Ich kannte die Geschichte der Emily Ruete seit ungefähr einem halben Jahr. Ich habe mich in dieser Zeit mit verschiedenen Artikel zu ihrem Leben befasst und die ersten Seiten ihrer Biografie gelesen. Nicole Vosseler hält sich in ihrer Geschichte dicht an den Fakten, ohne jemals in eintönige Nacherzählung oder in einen biografischen Trott zu verfallen. Wenn die Autorin die junge Salima ihr Sansibar mit seinen Düften nach Nelken, Mangos und Gewürzen beschreiben lässt, die unbeschwerten Tage der Jugend, das Licht, dass die Insel in ganz eigene Farben taucht, wenn Bilder geschaffen werden, die so plastisch sind, dass man glaubt, sie mit allen Sinnen nachempfinden zu können, dann kann man die lebenslange Sehnsucht fühlen, die Salima bint Said, verheiratete Emiliy Ruete, nach dieser Insel verspürt und von der sie ein Leben lang gezehrt hat. Diese Bilder sind es, an denen sie sich später festhalten wird, als das Leben ihr Schicksalsschläge und Niederlagen auferlegt, an denen sie zu zerbrechen droht, denn das Leben fern der Heimat entpuppt sich alles andere als märchenhaft und so verschweigt uns die Autorin auch nicht die verbitterten und verbissenen Seiten Emily Ruetes, die sich zeigen, als sie vergeblich das Recht an ihren Erbe einfordert.
Bei der Lektüre dieses Buches hatte ich Fotos von Salima/Emily vor Augen, sodass ich zum geschriebenen Text auch immer ein Gesicht hatte. Und so war es manchmal, als würde sie mir beim Lesen Gesellschaft leisten und mir über die Schulter schauen. Ich bin sicher, dass ihr Nicole Vosselers literarische Aufarbeitung ihrer Lebensgeschichte sehr gefallen hätte, denn die Autorin hat dieser ungewöhnlichen Frau, die als Exotin nach Deutschland kam, zu einem politischen Spielball wurde und nach kurzem Ruhm dem Vergessen anheim fiel, ein liebevolles und würdiges Denkmal gesetzt. Sie hat der Prinzessin aus Sansibar, die nirgendwo wirklich heimisch wurde, eine Stimme und ein Zuhause gegeben - in den Herzen der Leser.
Ich mag mich nicht verabschieden, von dieser so außergewöhnlichen Frau, mit der ich mich gefreut, gelitten, geliebt und geweint habe.
Und so sage ich nicht kwa heri, Salima - auf Wiedersehen, Salima, sondern karibu, Salima. Willkommen! Willkommen zurück.