Asien, das ist das radikal Fremde. Indien, Kambodscha, der Himalaya und China – ein Unterwegssein zwischen Traum, Flucht und Vergessenheit. Einmal fällt der Reisende in heftiges Fieber. Seine Gefährten lassen ihn in einem aufgegebenen Kolonialhospital zurück, wo er die Abenteuer auf Neue durchlebt: den indischen Traum des Gott oder Geister suchenden Europäers, die Extreme, die Faszination und die Abstoßung. Dann verliert er sich nach einer langen Fahrt über staubrote Pisten ins Fremdeste des Fremden, wo ein Fürst ein Konzert für seine Affen gibt. Absencen, das sind Abwesenheiten und Träume, das ist Wolfgang Büschers melodiös-sinnliche Prosa – seine Asienreisen, die zu einer Erzählung wurden, literarisch auf den Spuren eines Rudyard Kipling oder Joseph Conrad. Büscher gehört bereits jetzt zu den Klassikern der Reiseliteratur - in gleichem Atemzug zu nennen mit Bruce Chatwin.
In seinem Sahara-Buch stehen die Beschreibungen der Landschaften für sich und sind insofern - wiewohl sprachlich gelungen - in keinem literarischen Kontext sinnbehaftet. Das hat mir nicht gefallen, denn die wenigen Menschen, denen Büschers Aufmerksamkeit gilt, passen sich nicht darin ein, obwohl sie zwischen Dünen und Bergen Wege suchen und finden...
Aber hier geht es um ein anderes Buch und in diesem sind die Beschreibungen der Landschaften und Menschen nicht nur atmosphärisch, sondern sinnstiftend, Träger eines Sinns, der sich anders nicht erschließt. Man mag Büscher glauben, dass er sah, wie sich der Schamane im Sitzen in die Höhe hob, allein, der Leser glaubt es deswegen noch lange nicht. Und hier kommt die Magie der Worte, die der Beschreibung ins Spiel: Büscher zeigt sich wirklich als ein Magier der Sprache, denn er vermag es, im Leseerlebnis jeden Zweifel auszuräumen, der einem beim Nachdenken darüber käme. Aber der Text ist in diesem Sinne wie ein gutes Essen, bei dem man vergisst zu fragen, ob da ein Rezept war. Was man aufnimmt, ist der Geschmack, bei Büscher ist es das Erleben des Autors, das im Moment der Lektüre lebendig wird, als wenn man dabei wäre.
Büscher ist Journalist, aber wie er hier schreibt, das ist hohe Kunst. Man denkt an die "Zimtläden" von Schulz, die eine unwirkliche Stadt beschreiben, in der kaum einer der Leser selbst war. Bei Büscher sind es Reiseerlebnisse aus Asien, die kaum nachvollziehen kann, wer nicht selbst (wenigstens als Rucksacktourist) dort und hier sogar- wer nicht dabei war. Jedenfalls nicht am Höhepunkt des Buches, der Beschreibung eines Zusammentreffens von Schamanen am Rande des tibetischen Himalaya. Hier wird das Unerklärliche Poesie, bleibt in der Schwebe zwischen "Ich weiß, dass es nicht sein kann" und "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen". Dieses Gefühl kenne ich, seit ich in der Ukraine einen Schamanen kennenlernte, der Tinnitus heilt und einen Heilpraktiker (?), der mit seinen Diagnosen die Gerätemedizin Lügen strafte und der nach einem kurzen Griff in den Nacken eines Mädchens zu diesem sagte, dass sie in ein paar Tagen über die verflossene Liebe nicht mehr weinen wird. Nichts Besonderes? Ok, aber auf die Frage einer Kollegin, woher ihre in Deutschland unbehandelbaren Beschwerden kämen, die er in fünf Minuten mit ein paar Griffen abstellte, sagte er, dass sie vor wenigen Wochen mitten in einer heftigen Erkrankung ein schweres Unglück ereilt habe. Die Kollegin wurde blass und bestätigte, dass sie vor fünf Wochen, mitten in einer schweren Grippe, vom Tod ihres Freundes erfahren habe, dem sie der Erkrankung wegen nicht einmal das letzte Geleit geben konnte. Die beiden kannten einander nicht, hatten einander nie gesehen und auch keine gemeinsamen Bekannten... Was ich hier mit dürren Worten beschreibe, was das Wunder ist, wird bei Büscher unabweisbar, weil märchenhaft und gleichzeitig abenteuerlich, teilnehmende Beobachtung und Initiation durch Miterleben.
Kurz: Das Buch ist faszinierend. Eine Liebeserklärung an das von Europäern nicht zu verstehende Asien, das dem Leser dennoch in seinen Menschen vertraut gemacht wird. Die sind anders und doch wie wir. Oder doch nicht so, sondern gefühlvoller, mitfühlender und natürlicher, auch in der Grausamkeit, die in der Erzählung aus Kambodscha aufscheint. Auch deswegen sollte man das Buch lesen, um zu verstehen, was wir an Mensch- Sein schon verloren haben. Ganz klar eine Leseempfehlung.