Thorwald Dethlefsens Bücher über Reinkarnation waren es, die mir in den späten 90er Jahren das Tor zur Spiritualität eröffneten. Er gab mir damals schon das Gefühl, dass es normal ist, sich mit diesen Themen zu beschäftigen, während mir meine Umwelt ein völlig anderes Bild vermittelte. In "Schicksal als Chance" sagt Dethlefsen, dass die richtigen Themen, Menschen und Bücher uns immer dann finden, wenn wir die Resonanz dafür gefunden haben. Dieses Buch jetzt zu lesen fühlte sich an wie eine Reise zurück zum Ursprung meiner Entwicklung. Dennoch stehe ich ihm gespalten gegenüber.
Ich habe selten beim Lesen spititueller Literatur so oft mit dem Kopf genickt und ihn geschüttelt. Gerade in der ersten Hälfte des Buches vermittelt Dethlefsen wichtige Grundlagen für die gesunde Entwicklung des Menschen: alles, was ist, ist gut. Die Ablehnung der Wirklichkeit schafft Leid. Was uns quält ist unser Bewusstsein für Polarität (Einordnung in "gut" und "böse / schlecht"). Wahre Aktivität entsteht aus Ruhe. Das Resonanzgesetzt.
Womit ich große Probleme habe, ist der zweite Teil des Buches, in dem Dethlefsen den alten Hammer der "Erbsünde" herausholt, poliert und auf die Leute einsausen lässt. Hier baut er das Bild des Menschen auf, der aufgrund des Sündefalls grundsätzlich fehlerbehaftet ist. Mit genau diesem Bild (und der Geschichte um Adam und Eva) hat die Kirche die Menschen über Jahrhunderte geknechtet und gequält. Noch heute glauben viele Kirchengänger fest daran, dass sie schuldig sind, weil sie Menschen sind und einen Erlöser wie Jesus benötigen, um Gottes Liebe würdig zu sein. (Dabei brauchen sie Jesus eher als Vorbild in der Lebensführung, erlösen können sie sich nur selbst).
Ich verstehe Dethlefsens Punkt. Ich verstehe, dass er dem Leser klar machen will, dass dieser für sich selbst, sein Leben, sein Handeln, seine Gesundheit Verantwortung trägt. Ich sehe das genau so. Wir geben viel zu viel Verantwortung an Fremde ab: wenn wir uns nicht wohl fühlen (weil wir unsere psyische und physische Gesundheit vernachlässigt haben) gehen wir zum Arzt, damit der die Probleme wieder "wegmacht", denn die Auseinandersetzung mit ihnen ist schnerzhaft. Und das funktioniert in den seltensten Fällen. Weil wir das Grundproblem (das in unserem Handeln, Denken und Überzeugungen liegt) nicht beseitigt haben. Ich halte die Argumentation mittels der Erbsünde jedoch für völlig unangebracht.
Einem Menschen, der schwer erkrankt ist, kann man nicht sagen: du bist selbst Schuld daran. Und Angehörigen, die einen geliebten Menschen durch ein Verbrechen verloren haben, kann man nicht sagen: er war halt reif dafür ermordet zu werden. Was diese Menschen brauchen, ist Verständnis und Liebe.
Hätte ich dieses Buch einige Jahre früher gelesen, dann hätte ich mich für schuldig, für grundsätzlich falsch und fehlerbehaftet gehalten. Für leidend, weil ich nicht "wach genug" bin und es vielleicht nie sein werde. Aber genau dieses "ich bin halt so" ist das, was keinem Menschen weiterhilft, sondern in Resignation versinken lässt.
Man muss natürlich vor Augen haben, dass Dethlefsen dieses Buch in den späten 1970ern geschrieben hat. Wenn man im Hinterkopf behält, dass man hier auf einige sehr antiquierte Weltbilder (wie habe ich gehofft, dass er nicht auch noch die Erschaffung Evas aus Adams Rippe bemüht, nachdem er auf der uralten Vorstellung des männlichen Prinzips als dem "aktiven" und dem des weiblichen als "passiven" herumreitet - vergebens, natürlich wird sie hervorgekramt).
Dethlefsen macht gleich zu Beginn des Buches deutlich, dass er es für einen westlichen Menschen besser hält, sich mit westlicher Spiritualität zu befassen, weil ihm die östliche nicht so nahe läge. Es erscheint auch gar nicht grundsätzlich verkehrt, sich erst einmal vor der eigenen Haustür umzusehen, weil es dort viel Spannendes und oftmals Vergessenes zu entdecken gibt. Aber Dethlefsen schafft mit diesem Ansatz gleich die Grundlage für das negative Menschenbild, das er aus seiner Erbsünde-Herleitung kreiiert. Sollten wir nicht alle Weisheitslehren im Blick haben, unabhängig davon, ob sie aus dem Westen, Osten, Norden oder Süden stammen? Sollte man nicht ganzheitlich denken und in der Schnittmenge nach der Wahrheit suchen? Gerade aus dem Osten kommen die ältesten sprituellen Lehren der Menschheit. Wir finden sehr viel liebevollere Betrachtungen des Menschen im Hinduismus, Taoismus, Sufismus, usw. Muss man da ausgerechnet die Erbsünde bemühen, die wie nichts anderes das Dualitätsdenken befeuert: auf der einen Seite der strafende Gott auf der anderen der sündige Mensch, der durch ewiges Leid seinen Weg zu Gott zurückfinden muss?
Dabei handelt es sich übrigens auch ganz und gar nicht um das Menschenbild, das Jesus vermittelt (um dem westlichen Denkansatz nahe zu bleiben), wie Detlefsen selbst anhand eines Zitats aus Joh. 9,1 auf S. 248 demonstriert.
Es sind genau diese Formulierungen des "Schuldhabens", "des Reifseins für etwas", die Menschen in Büchern wie diesem entweder nicht weiterlesen oder daran verzweifeln lassen. Und das ist schade. Ist eine von Dethlefsen Kernaussagen, doch: "Alles, was existiert, hat Berechtigung zu existieren." Alles was ist, ist gut. Mit dieser Lebensauffassung lässt es sich leicht durch's Leben gehen, wenn man bereit ist, über die Dinge nachzudenken, die einem scheinbar (immer wieder) passieren. Mit Sanftheit und Liebe kommt man weiter als mit dem Brechhammer. (Und ich bin definitiv schuldig, es mit diesem früher selbst oft versucht zu haben. Das funktioniert nicht. Weil man damit Menschen entweder verletzt oder abstößt.)
Gott ist IN uns jederzeit. Ahambrahmasmi (wir selbst sind Gott). Wir müssen keinen weiten Weg zu ihm zurücklegen. Alles was wir tun müssen, ist still werden und lauschen. Auch das sagt Dethlefsen selbst. Es geht nur leider ein wenig in dem großen Schuldkomplex unter, den er konstruiert. Liebe spüren, das können wir jeden Tag, egal wie verzweifelt oder krank oder angefressen wir auch gerade sind. Und jeder kann dafür eine geeignete Methode finden, sei es nun Meditation, Yogapraxis oder eine andere moderne Entspannungstechnik.
Vermutlich hatte sich Dethlefsen mit Yoga (als östlicher Praxis) damals noch ebensowenig auseinandergesetzt wie mit dem Ayurveda (einer jahrtausende alten Heilmethode, die heute auch in der westlichen Medizin viel Beachtung findet), der just das Gegenteil von dem behauptet, was Dethlefsens viel gepriesene und als grundsädtzlich esoterisches Denkprinzip dargestellte Homöopathie aussagt: Gegensätzliches heilt.
Wenn ich auf eine Brandwunde einen heißen Lappen lege (= Gleiches heilt Gleiches), mache ich es in jedem Fall schlimmer. Woran die meisten Menschen heute erkranken ist Hetze, Gejagdheit, Unruhe. Wenn ich darauf noch eine Portion Stress gebe, führt das zum Zusammenbruch. Gemäß Dethlefsen, der einen depressiven Menschen damit therapieren möchte, ihn schwarz angezogen in einen schwarz gestrichenen Raum bei einer Tassen Zinnkauttee und klassischer Musik einzusperren, bis er sich seiner Schuld bewusst geworden ist, wäre das jedoch genau die Vorgehensweise: Du erkrankst an Stress, du brauchst mehr Stress. Hier funktioniert seine homöopathische Denkweise überhaupt nicht.
Meine Erfahrung ist, dass jeder das bekommt, was er für möglich hält. Wenn ich davon ausgehe, dass ich von Natur aus voller Sünde bin, irgendwann sowieso in der Hölle lande, wird mir alles egal sein und ich habe vermutlich genau dieses Erleben nach meinem Tod. Wie viel leichter ist es doch, eine Welt anzunehmen, in der wir leben, weil wir Fehler machen dürfen. In der es nichts Falsches gibt, in der wir aber auch für all unser Handeln Veranwortung übernehmen müssen. Nicht weil uns Gott dafür bestrafen würde, sondern weil es Teil der zugrundliegenden Ordnung ist, weil es gut für alle ist.
"Schicksal als Chance" ist ganz sicher ein hochlesenswerter Klassiker, der zahlreiche Denkanstösse und Einstiege zu weitergehender Lektüre und Forschung bietet (ich bin z.B. auf K.O. Schmidt erst durch dieses Buch aufmerksam geworden). Es lohnt sich jedoch, dabei immer im Hinterkopf zu behalten, dass dieses Buch 1979 erschienen ist und in all den Jahren keinerlei Überarbeitung oder Ergänzung erfahren hat. (Meine Ausgabe ist aus der 61. Auflage...) Wenn wir uns dabei klar machen, dass wir bei uns selbst anfangen müssen, wenn wir in einer besseren Welt leben wollen, fahren wir in jedem Fall richtig.
Wie Gandhi sagte: "Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg."