Vier Todesfälle und keine Hochzeit
Nach zwei erfolgreichen Anekdotenbüchern im Generation-Golf-Stil wollte der Kabarettist zum Romancier upgraden und sich als eine Art deutscher Nick Hornby profilieren.
Dieser Versuch ist gründlich gescheitert, da es dem Autor an den technischen Fertigkeiten fehlt, auch wenn sich das Thema gar nicht mal so uninteressant liest.Ein abgebrochener Student, der es sich in seiner Looser-Ecke als Nachhilfelehrer und Glöckner einer evangelischen Kirche gemütlich eingerichtet hat, wird von seinem an einer seltsamen Form der Demenz erkrankten Vetter heimgesucht.
Dieser Einbruch der Vergangenheit ins Bohemien-Idyll wird zum Ausgangspunkt für eine Reise in die Vergangenheit mit zahlreichen mehr oder minder komischen bis peinlichen Erinnerungen. Die Rückreise in die Heimat führt zu Begegnungen mit Ex-Freundinnen und der plötzlich erreichbaren Superfrau von einst, die aber nun in die zuvor schon reichlich beackerte Kategorie der allein erziehenden Mütter fällt.
Schließlich wird Lukas nicht nur der Nachhilfe wegen geordert, allerdings erreicht den von Vetter Dittsche in die A-Klasse eingestuften Lukas das abgelehnte Angebot der Bundesliga-Braut auch zum denkbar falschen Zeitpunkt, denn er ist gerade mit der Sozialpädagogin Patrizia zusammen.
Allein die Art und Weise in der weibliche Hauptperson eingeführt oder auch nicht eingeführt wird, spricht Bände über die Erzählkompetenz.
In der Mitte des Buches ist Patrizia auf einmal da und im Bett und Leben von Lukas. Vielleicht wurde sie ja vorher irgendwann einmal kurz erwähnt, aber Jochimsen müllt den Leser derart mit einer Flut von Erinnerungen an schlechten Sex und peinliche Angebote zu, dass man in Sachen Frauen so dement wird wie der arme Paul und sein eigenes Merkheft führen muss, um noch durchzublicken. Insofern könnte man einen Extra-Stern für die gelungene Vermittlung des Phänomens der Demenz vergeben.
Im Verlauf der Handlung erfährt Lukas immerhin, wie banal die letzten Momente seiner Eltern vor dem tödlichen Autounfall verliefen, da sich Passagier Paul in einem lichten Moment ausgerechnet daran erinnern kann.
Und der Leser, dass die fatale Fahrt zum Baumarkt vollkommen überflüssig war. Übervetter und Hansdampf-in-allen-Gassen Dittsche wird beim Besuch beim Koma-Erbonkel Sepp von einem alten Heizlüfter zu Tode gegrillt. Der ach so teure Anverwandte lässt sich mit dem Sterben immerhin noch genug Zeit, dass Tante Erikas Überlegungen zum Rabatt beim Beerdigungsunternehmen hinfällig werden.
Natürlich gibt es die eine oder andere nette Stelle in Sachen Alltagshumor, aber da dem Romancier Jochimsen jegliches Gespür für Struktur und Erzählrhythmus abgeht, gerät sein Roman zur weitgehend zusammenhangfreien Anekdotenhopserei. Das Lesevergnügen ist in etwa so hoch, wie wenn das Nachbarskind auf dem Glockenspiel „Freude schöner Götterfunke“ hämmert.
Auch sonst lässt sich Jochimsens Dilemma für mich am besten in einen musikalischen Vergleich packen, da versucht sich jemand, der ein paar ganz nette Kinderlieder hinbekommen hat, an einer Sinfonie und legt eine ganz gewaltige Bauchlandung hin. Zum Glück ist Detlef Jöcker nie auf derartige Ideen gekommen. Jochimsen war immerhin selbstkritisch genug zu kleineren Erzählformen zurückzukehren oder den aberwitzigen Humor des Alltags abzufotografieren.
Fazit: Wer Hi Fidelity fünf Sterne gegeben hat und keinen allzu großen Wert auf Erzählrhyhthmus und eine gewisse Musikalität des Erzählens legt, könnte es vielleicht bei drei Sternen belassen, aber allein das erste Kapitel von „Hi Fidelity“, auch wenn der Roman über die volle Länge durchaus nervtötende Qualitäten entwickeln kann, macht deutlich, dass ganze Galaxien zwischen diesen beiden Erzählern liegen.
P.S. Jochimsen verweigert seinem Helden jegliche Veränderung der Lebensumstände oder den Gewinn einer Einsicht, die ihn zumindest über die Traumata seiner Kindheit wegkommen lässt. Nichts ändert sich, auch nicht Pauls Zustand, der sein Leben wohl weiterhin im Wechsel Nutte, Kloster, evangelische Kirche verbringen wird. Vielleicht ist diese Verweigerung gegenüber sämtlichen Erzählkonventionen, sogar denen des offenen Endes. ja Absicht. Aber nachdem zuvor schon alles mögliche kreuz und quer in den Roman wie in einen gestopft wurde, erscheint mir der Schluss eher als ein Symptom.