Diese 111 Flash Fictions sind Miniaturen des Unheimlichen. Miniaturgeschichten, die Grimms düsterste Märchen mit dem 21. Jahrhundert kreuzen. Hier tummeln sich japanische Geister und Dämonen. Spiegelbilder, die ein Eigenleben entwickeln und Gestaltwandler, die mitten unter uns leben. Geister des Internets finden ihren Weg in die Realität, während die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.111 Flash Fictions für alle Freunde unheimlicher Geschichten.
AUSZUG aus dem
Der böse Wolf
Der Wolf saß neben ihr an der Wand. Nur ein Schattenriss, denn sie saß allein auf dem Bett. Er hatte wildes Fell und war zwei Köpfe größer als sie. Sie fürchtete sich nicht, denn der Schatten eines Wolfes an der Wand ist nicht so schlimm wie die Mädchen, die ihre Unterwäsche klauen und in die Umkleidekabine der Jungs werfen. Oder Mädchen, die sie von allen Seiten mit Deodorant einsprühen und sich dabei angewidert die Nase zuhalten. Sie sagte nichts zu dem Wolf an der Wand. Sie fühlte sich müde. Der zurückliegende Schultag lastete wie ein großer Stein auf ihr. Der Wolf legte seinen Schattenkopf auf ihre kleine Schattenschulter und plötzlich fühlte sie sich leichter. Er musste von den roten Streifen auf ihrem Rücken wissen. Dort, wo das lange Lineal des blonden Jungen sie traf. Er wusste ganz sicher auch von dem Loch, das jemand in ihren Lieblingspullover schnitt und das sie erst zuhause bemerkte. Er wusste, dass Kinder grausam sein konnten. Ganz ohne Grund.Sie wiederum wusste genau, was er ihr sagen wollte, auch wenn er nicht sprechen konnte. Ich bin der böse Wolf. Dein böser Wolf. Wenn du möchtest, bleibe ich an deiner Seite. Ich bleibe bei dir, bis die Mädchen und Jungen aus deiner Schule erwachsen sind und Kinder haben. Sie werden sich nicht mehr an dich erinnern. Sie werden nicht mehr wissen, was sie dir genommen haben. Doch du und ich, wir erinnern uns an alles. Ich werde in die Zimmer gehen, in denen ihre Kinder schlafen. Ich werde fressen, was sie glücklich macht und was ihnen niemand zurückgeben kann. Genau wie sie gefressen haben, was dich glücklich machte. Das ist das Einzige, was ich für dich tun kann. „Bleib bei mir“, sagte sie und ihr Schatten legte einen Arm um den Wolf. „Du musst nichts für mich tun. Es reicht schon, einen bösen Wolf als Freund zu haben.“ Und eines Tages, dachte sie, werde ich auf dein Angebot zurückkommen
Diese und 110 weitere unheimliche Miniaturgeschichten warten in "LIBER 222". Hol es dir, wenn du dich traust.