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Die verwundete Stadt: Begegnungen in Bagdad

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Jon Lee Andersons Buch wird die Leser noch beschäftigen, wenn der Angriff auf den Irak längst Geschichte ist.

Jon Lee Andersons Kolumne „Letter from Baghdad“ im New Yorker gehört zum Besten, was bislang über den Irak geschrieben wurde. Nun hat er seine Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst.

„Die verwundete Stadt“ schildert die jüngere Geschichte Bagdads - von den letzten und surreal anmutenden Tagen des Saddam-Regimes über die verheerenden Bombenangriffe bis zum Widerstand gegen die Besetzer. Weil Anderson nicht die üblichen Reporterwege geht, entsteht ein vielschichtiges Panorama des vom Konflikt gezeichneten Zweistromlands. Typisch, dass er am Vorabend des Kriegs ein Hauskonzert besucht. Oder dass er sich einer Rückenbehandlung unterzieht, um mit den Ärzten zu politisieren.

Anderson trifft Saddams Lieblingschirurgen, Fanatiker, Friseure, Angehörige von Bombenopfern. Frühzeitig tritt dabei zutage, was inzwischen zur Gewissheit geworden ist: dass sich der Irak nicht durch eine neokoloniale Besatzungsmacht kontrollieren lässt.

Andersons Beobachtungen sind präzise, sein Stil ist bildreich, so dass der Leser glaubt, selbst dabei zu sein: die Sandstürme, die letzten Friedenstage, das folgende Chaos, und mittendrin der Tigris, der im Bombenhagel „so ruhig dahinfließt wie Olivenöl“. „Die verwundete Stadt. Begnungen in Bagdad“ ist literarischer Journalismus und Kriegsreportage zugleich.

534 pages, Hardcover

First published January 1, 2004

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July 5, 2013
Im Winter des Jahres 2002 harrt Bagdad im Warten auf den Angriff der USA aus. Die surreale Stimmung vor dem Krieg gibt einen Vorgeschmack auf die Anarchie, die diem US-Angriff folgen würde, als Saddams Hunderte von Häftlingen und psychisch Kranken aus dem Abu Ghraib-Gefängnis amnestierte und sie buchstäblich auf der Straße stehen ließ. John Lee Anderson gibt zunächst Einblick ins diplomatische Handwerkszeug eines Auslandskorrespondenten. Während seine Journalisten-Kollegen nach und nach das Land verlassen oder noch mit ihren Agenturen über Bleiben oder Gehen verhandeln, bereitet Anderson sich auf den Krieg vor. Sein Geschäft mit den Nachrichten erfordert Fahrer, Dolmetscher, einen Aufpasser des Informations-Ministeriums, Visum, Presseausweis und zahlreiche Genehmigungen. Andersons Kontakt-Personen wollen in Friedens- wie in Kriegszeiten bei Laune gehalten werden. Der amerikanische Journalist mietet ein Zimmer in einem unauffälligen Hotel, kauft Generator, Trinkwasser und Vorräte ein. Er nutzt dafür eine pragmatische Verbindung auf Gegenseitigkeit zu einheimischen Gewährsleuten, die sich von ihm glaubwürdige Informationen zu ihrer persönlichen Gefährdung erhoffen. . Im Gespräch mit seinem langjährigen Fahrer, beim Friseur, Schuhputzer oder Geldwechsler fängt Anderson die Stimmung in der Stadt ein. Es sind diese Verbindungen zu einfachen und prominenten Irakern, die Bremers "Briefe aus Badgdad" im New Yorker so authentisch lesenswert machten
Der Einmarsch der Amerikaner in Bagdad in der ersten Aprilwoche 2003 konfrontiert Anderson mit der politischen wie militärischen Ahnungslosigkeit der jungen Soldaten. Als Anderson bei den Amerikanern um die Bewachung eines Krankenhauses gegen drohende Plünderungen bittet, scheint es im ersten Moment, als wollte die US-Armee das Krankenhaus beschießen. Anderson erlebt sprachlos eine ziel- und hilflose Befreiungstruppe. Der langjährige Korrespondent entdeckt, in wie winzigen Ausschnitten er selbst die 5-Millionen-Stadt vorher nur gekannt hatte. Schlaglichtartig zeigen zwei Meinungen die Einschätzung der Zivilbevölkerung: Andersons Fahrer muss einsehen, dass sein sorgfältig gespanntes Netz aus "wohlwollenden" Polizisten und Kontaktpersonen nicht mehr existiert und er statt dessen jungen, ungehobelten Männern in Tarnanzügen zu gehorchen hat. Ein anderer Bürger Bagdads stellt pikiert fest, dass "die Amerikaner" doch wenigstens den Müll in der Stadt beseitigen könnten. Anderson nutzt derweil seine Kontakte in Bagdads Kliniken, er berichtet vom Krankenbett der ersten zivilen Opfer. Diese Berichte liefern den Lesern seines Buches die Reportage hinter den Reportagen. Die Bilder schwer verletzter Frauen und Kinder sind uns noch so präsent wie die Schlagzeilen in den Nachrichten; doch erst Anderson zeigt die Menschen und ihre Gefühle hinter den Bildern. Anderson, der schon aus Afghanistan berichtete, schafft mit geschickter Hand Vertrauen und profitiert für seine Arbeit davon, dass zahlreiche gebildete Iraker in englischsprachigen Ländern gelebt haben, Englisch verstehen und sich dem fremden Mann aus dem Westen öffnen. Das Leben in Bagdad vor dem Krieg zeigt Anderson in kurzen Alltagsszenen. Die Angriffe auf Bagdad sieht und spürt der Korrespondent, doch er kann nur punktuell von ausgewählten Schauplätzen berichten. Zu Hochform läuft Anderson im Gespräch mit seinem alten Bekannten Ala Bashir (*1939) auf, einem Arzt, der zu Saddams Vertrauten gehörte. An Alas Beispiel zeigt Anderson, wie sich Saddams Sturz zunächst im Kleinen auswirkt, als Ala untertaucht und nicht mehr an seinen Arbeitsplatz in der Klinik zurückkehrt. Anderson vermittelt seinen Lesern eine Ahnung davon, welche Lücke im sozialen und politischen Leben die Nomenklatura der Saddam-Ära hinterlässt, wenn sie sich ins Ausland absetzt. Andersons Berichte enden ein Jahr nach Kreigsbeginn.

Anderson zeigt sich in seinen für das Buch (Engl: The Fall of Baghdad, 2004) überarbeiteten Reportagen als einfühlsamer Beobachter, dem sich die Menschen leicht öffnen. Schon seine Berichte aus der Zeit vor 2003 ließen aufmerksame Leser daran zweifeln lassen, dass die alleinige Beseitigung des Saddam-Regimes zur Einführung demokratischer Strukturen im Land führen würden. Anderson öffnet seinen Lesern die Augen für fremde Kulturen – im Fall des Irak hätte man seine Reportagen in den USA nur lesen müssen.
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