Ausgrabung aus der Mottenkiste, ganz nett, aber lohnt nicht wirklich. Für den Schulbuch-Verlag Diesterweg stellte Geissler eine Sammlung europäischer Einakter bzw. Kurzdramen zusammen, absurdes und engagiertes Theater der 1930-er bis 1960-er Jahre. Man kann sich vorstellen, dass dergleichen vor allem für Theater-AGs an Gymnasien gedacht war. Die Sachen sind ungekürzt, unkommentiert, vor allem, das ist erstaunlich, mehrheitlich aus Fremdsprachen übersetzt. Inhaltlich und stilistisch wechselhaft. Man kann einen Schwerpunkt bei „Schicksalsfragen der Menschheit“, insbesondere Krieg und Frieden, feststellen, während die Themen Jugend, Pubertät, Liebe, Sex, Freundschaft gar keine Rolle spielen.
Geissler dockt gewiss nicht bei britischer Popkultur, Jugendrevolte, Film, Show und Konsum an, durfte zu Beginn der deutschen siebziger Jahre dennoch für aktuell, zeitgemäß, fordernd gelten. Vor allem das sogenannte „Absurde Theater“ der 1950-er und 1960-er hat Spuren hinterlassen: Eugène Ionescos „Neuer Mieter“, Fernando Arrabals „Picknick im Felde“, Dino Buzzatis „Mantel“. Aber auch Karl Valentins schon etwas abgehangene Späßchen („mir hat dramt i war eine Antn“, eine Ente, geweckt, bevor sie den Wurm schlucken konnte) und zwei von Brechts Furcht-Szenen aus dem Dritten Reich (die jüdische Frau, die sich telefonisch von allen Freunden verabschiedet; ein Ehepaar, das nicht weiß, wohin sein Sohn verschwunden ist, ist er etwa zur HJ, um ihre despektierlichen Reden über die Drangsalierung katholischer Priester zu melden?).
Um kurz mal über die größten und heute ziemlich vergessenen Brocken zu referieren: In Slawomir Mrozeks „Karol“ wird ein Mann von einem Amokläufer angegriffen, der, aus nicht nachvollziehbaren Gründen, einen gewissen Karl in ihm vermutet, den er ermorden wird. Alles dagegen Argumentieren bringt nichts, also ändert er seine Taktik und behauptet, der echte Karl sei ganz in der Nähe, ein Verrückter, den er in Behandlung habe, der nächste Termin stehe bevor. Dann ruft er den angeblichen Karl an, er müsse dringend vorbeikommen. Wenn ein anderer stirbt, wird er selbst gerettet sein.
„Picknick im Felde“ (Arrabal) spielt in einem nicht näher spezifizierten Krieg, in dem ein einzelner Soldat auf Posten steht. Überraschend tauchen Papa und Mama auf, machen Fotos und fragen, ob auch alles in Ordnung ist, ob es ihm gut geht, packen ein Picknick aus, fangen an zu schmausen. Ein einzelner feindlicher Soldat taucht auf und stellt sich als patenter Kamerad heraus. Es entwickelt sich eine bewegte Party. Wie allerdings zu erwarten, schlägt der Krieg zurück. Alle sterben.
„Kaiser Jones“ des lang nicht mehr gespielten Nobelpreisträgers Eugene O'Neill (er natürlich Amerikaner, nicht Europäer, wie ich oben behauptet habe, - außerdem der Schwiegervater von Charlie Chaplin) kann schon längere Zeit nicht mehr gespielt werden, denn neben seinem eigentlichen Thema, dem überraschenden Sturz eines politischen Diktators und Kleptokraten, spielt es mit dermaßen vielen rassistischen Stereotypen über schwarze Männer herum, dass man das wohl kaum noch wird „behutsam anpassen“ können. Jones, ein schwarzer Amerikaner, hat sich zum absoluten Herrscher einer Karibik-Insel aufgeschwungen, deren gutgläubige Bevölkerung er bestiehlt, um irgendwann in ein Resort-Paradies zu verschwinden. Unter anderem fußt seine Macht auf der Illusion, keine Kugel könne ihn treffen, es sei denn, sie wäre aus Silber. (Ein altes Motiv aus der Oper „Der Freischütz“, wie O'Neill wohl wusste.) Als auf einmal alles Hauspersonal und die Bewohner seiner Hauptstadt verschwunden sind, aus dem Dschungel Trommeln tönen, flieht Jones in die Nacht, ausgerechnet in diesen Dschungel, verballert nach und nach sämtliche Kugeln aus Blei, weil ihn Schreckensvisionen seiner Vergangenheit quälen. Menschen, die er ermordet hat, die Kettensträflinge, von denen er sich absetzen konnte. Wie es kommen „muss“, ist in etwa so vorhersehbar wie bei „Picknick im Felde“.
Nicht gleich so transparent, dann aber schon, Bertolt Brechts Lehrstück „Die Ausnahme und die Regel“. Da peitscht ein europäischer Geschäftsmann gnadenlos seine Träger, Diener, Führer, Minenarbeiter durch die asiatische Steppe, um als Erster eine ferne Stadt zu erreichen, bei der er einen Claim auf Erdöl abstecken will. Als nur ein Einziger noch übrig ist, ihnen Tod durch Verdursten droht, der Geschlagene aber eine versteckte Wasserflasche noch hat, kommt der Diener zum Schluss, dass er dem Boss was geben muss, sonst stirbt der - und die Gerechtigkeit dieser Welt wird ihn dafür hängen. Als er sich dem Herrn nähert, glaubt dieser, einen Stein in seiner Hand zu erkennen, und schießt. Man bringt ihn wegen Totschlag vor Gericht. Der Richter sagt: Wie es in dieser Welt eine Regel ist, dass die Herren ihre Diener gnadenlos ausquetschen, ist es die Regel, dass ihre Diener sie ermorden wollen. Nicht, dass sie ihnen das Leben retten. Ausnahme wäre das, wenn es doch geschähe. Der Herr konnte nicht davon ausgehen, dass es eine Wasserflasche war. Er musste um sein Leben fürchten. Folglich hat er sich verteidigt und ist hiermit freigesprochen.
Bei Buzzatis „Mantel“ geht es noch einmal um Krieg. Zu Beginn sehen wir Mutter und Tochter, die über einen jungen Soldaten sprechen, über dessen Verbleib nichts bekannt ist. Die junge Frau will die Mutter davon abbringen, ständig in Hinsicht auf die bevorstehende Rückkehr ihre Bruders zu hoffen. Dann ist dieser auf einmal da, aber als Geist, blass geschminkt, zitternd, den zerrissenen Bauch mit einem schweren Mantel verbergend, obwohl es warm ist. Draußen steht eine mysteriöse Figur, die wartet. Er behauptet, das sei sein Vorgesetzter, dem er seinen Kurzurlaub verdankt.
Wenn ich der Gymnasiast jetzt noch wäre, der ich war, wenn ich ein Elftklässler wäre, der gerade die große Literatur entdeckt, vielleicht zwei Mal schon im Sprechtheater war, obwohl ich Anfang der Siebziger noch kein Elftklässler war, wir auch Ende der Siebziger noch keine Theater-AG hatten, würde ich diese Sammlung großartig finden. Wie viele schlaue Gedanken und verrückte Ideen auf so wenig Raum!
Doch wenn ich der bin, der ich heute geworden bin, der irgendwann im langen Leben sich das Theatergehen gar nicht mehr leisten konnte, es dann aber auch nicht vermisste, man wurde immer viel zu lange in ungemütliche Körperhaltung gezwungen, mit stundenlangem Gerede und allerlei Schreien traktiert, nachdem man die Grundsituation und die erwartbaren Konsequenzen nach 30 Minuten durchschaut hatte, dann sage ich: „Schon seltsam, wie oft die kürzesten Stücke zu den längsten werden, einen langweilen mit ganz, ganz, ganz allmählichem Auswickeln von zwei, drei Gedanken, die sich jeder Depp nach den ersten fünf Auftritten hätte denken können.“
Ach, Kindheit unserer Deutschlehrer-Literatur, ach Naivität und Unschuld der Philosophischen!