"DUNKLE MATERIE" ist die Geschichte eines Jungen, der nicht fliegen kann, in einer Welt, in der alle Menschen fliegen können. Manchmal muss man seinen eigenen Weg gehen, indem man mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht.
Von einem Moment zum anderen können alle Menschen fliegen. Was für die Meisten zunächst wie ein Wunder wirkt, wird schnell zum Alltag und schließlich zum Fluch. Als noch dazu ein Stern nach dem anderen am Nachthimmel verlischt, wird schnell klar, dass selbst das Fliegen uns nicht vor unseren Ängsten retten kann.
Auszug "Dunkle Materie" : "Es war um die Mittagszeit, als ein Mensch an meinem Fenster vorbeiflog. Nicht von oben nach unten wie es manchmal vorkommen kann, sondern von unten nach oben. Der Mensch strampelte ein wenig mit den Beinen und ruderte leicht mit den Armen, doch das war auch schon alles. Ich musste es in Gedanken ausformulieren, wie einen dieser sinnlosen Sätze, wenn man eine neue Sprache Ein Mensch fliegt an meinem Fenster vorbei wie eine Taube mit Schuhen. Ich konnte nicht ahnen, dass an diesem Tag alle Menschen auf dem Planeten die Fähigkeit zu fliegen an sich entdeckten. Ebenso wenig konnte ich wissen, dass ich der Einzige war, der es nicht konnte. Ich stand an die Küchenzeile gelehnt, eine weiße Teetasse in der Hand und sah kurz darauf drei weitere Menschen an meinem Fenster vorbeifliegen. Gefolgt von einer ganzen Schar fliegender Menschen in gewöhnlicher Alltagskleidung.Ich atmete langsam ein, als könnte Atmen mich jetzt beruhigen. Der Schwarztee in meiner Tasse dampfte unbeeindruckt weiter. Das Wasser färbte sich bereits so dunkel wie Brühe. Bevor ich einen Blick auf die Straße werfen konnte, begann das Telefon in der Wohnstube zu klingeln. Ich drehte mich um, zog den Beutel mit spitzen Fingern aus dem Wasser, warf ihn in die Spüle und folgte dem Läuten. Hannah rief am anderen Ende der „Ich kann fliegen!“ „Was?“, fragte ich, obwohl ich mir denken konnte, wovon sie sprach. „Ich kann fliegen! So wie´s aussieht kann auf einmal jeder fliegen. Ich hab keine Ahnung wie das geht.“ „Wie ´Fliegen´?“, fragte ich. „Na, richtig fliegen, wie Superman. Ich denke einfach daran und hänge plötzlich in der Luft. Es ist, als ob du dich entschließt, stehen zu bleiben, nur dass du dich entschließt, nicht mehr auf dem Boden zu stehen.“ Sie schwieg einen Moment, als warte sie auf eine Antwort, doch ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. „Du musst doch etwas mitgekriegt haben. Im Fernsehen läuft das die ganze Zeit.“ „Kannst du nicht fliegen?“, fragte sie endlich, so als wäre schon immer etwas Krankhaftes daran, nicht fliegen zu können. „Nein“, sagte ich, „Aber ein paar Leute sind gerade an meinem Fenster vorbei geflogen.“ „Hast du es schon versucht?“, hakte sie nach. „Stell dir einfach vor, du willst fliegen. Als ob du losläufst. Versuch es doch mal.“ „Okay“, sagte ich und tat, was sie sagte. Den Hörer, aus dem ihre Stimme mich ungeduldig zu beobachten schien, in der Hand, versuchte ich mir vorzustellen, wie man fliegt. Es tat sich nichts. Mir stand schon fast der Schweiß auf der Stirn, doch ich wusste nicht, wie ich es mir noch angestrengter vorstellen sollte. Noch dazu war ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt fliegen wollte. Ich hob das Telefon wieder ans Ohr. „Es klappt nicht. Ich kann nicht fliegen.“" Ende Auszug.