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Eine schlimme Liebe: Tagebuch

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German

296 pages, Hardcover

Published January 1, 1987

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Profile Image for Klaus Mattes.
868 reviews20 followers
December 24, 2024
Ost-Berlin, 1984, sowie weitere Orte in Thüringen und Mecklenburg, auch Leipzig. Genre: Tagebuch eines Lyrikers.

1984 ist eher kein Orwell-Jahr geworden, obwohl damals viel davon geredet wurde. 1984 war aber das Jahr, in dem François Truffaut, Uwe Johnson und Truman Capote starben. Alle zu früh, unter Mithilfe von reichlich Alkohol und Zigaretten, erwähnt in diesem Tagebuch des Berliner Dichters Ulrich Berkes, das an seinem Ende auch noch ein paar Wochen vom Jahr 1985 umfasst.

Es erschien seinerzeit fast simultan im Osten und im Westen und galt als erstes offen schwules, dennoch verlegtes Buch der DDR. „Eine schlimme Liebe“ war ein Titel, der Aufmerksamkeit erregte, aber das Buch war weder eine Liebesgeschichte, noch war es dramatisch, noch stand viel Schlimmes drin. Im Grunde sind es recht unauffällige Alltagsbeobachtungen aus dem Leben eines Schriftstellers in der Hauptstadt der DDR, der über eine gute Bodenhaftung verfügt. Seine Homosexualität bringt er immer wieder mal zur Sprache, über den Rang einer Nebensache kommt sie nur selten heraus. Als offenbar unpolitisches, unpoetisches und unschwules Buch hat dieser Tagebuch-Querschnitt durch ein Jahr, an das sich kam noch jemand erinnert, natürlich viel an Leserinteresse eingebüßt. Dennoch ist es ein sehr gutes Buch!

Mit seinem Freund, einem etwas über zehn Jahre jüngeren Apotheker, der auch schon länger als Apotheker arbeitet, obwohl er für die endgültige Anerkennung noch ein paar Prüfungen nachholen muss, ist der damals gerade 48 werdende Berkes seit rund zehn Jahren zusammen. Für beide Männer scheinen erotische Abenteuer außerhalb ihrer Freundschaft kaum noch eine Rolle zu spielen. Was, wie das Buch andeutet, auch für den normalen Schwulen der DDR damals keineswegs selbstverständlich war, wie es der heterosexuelle Leser heute möglicherweise denken mag. Die „schlimme Liebe“ erleben sie beide nicht, sondern die stammt aus dem Buch, das Berkes in dieser Zeit abschnittsweise liest und für uns immer wieder auch interpretiert: „Die Gesänge des Maldoror“ von Comte de Lautréamont, ein für seine Entstehungszeit in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Frankreich sehr anstößiges, sowohl proto-surrealistisches wie päderastisches Werk. Dass sich Aids im Westen gerade Besorgnis erregend verbreitet, nehmen die Schwulen Ost-Berlins sehr wohl wahr, es betrifft sie aber noch nicht direkt, taucht im Tagebuch also fast nicht auf.

Lautréamont war ein Pseudonym, der junge Autor kein Adeliger, zwar Franzose, aber nicht in Frankreich aufgewachsen, sondern in Uruguay, gegen Ende seiner Jugend erst zu Verwandten nach Südwestfrankreich gelangt. Dass im Jahr dieses Berichts in Uruguay gerade politische Unruhen stattfinden, spielt wegen Lautréamont, der in Wirklichkeit Isidore Ducasse hieß und bald nach der Fertigstellung der Gesänge an einer Mangelkrankheit in Folge des Deutsch-Französischen Kriegs verstarb, für Berkes viel mehr eine Rolle als George Orwell oder Aids oder Helmut Kohl. Es ist wirklich nicht das Buch, in dem steht, was wir (heute) gern darin vorfinden würden. Dennoch ist es gelungen! Der Mann schaut genau hin, er formuliert klar und unsentimental, ist immer bescheiden, im besten Sinne volksnah in seinem privaten Mensch-Sein.

Eigentlich, ich nehme an, später hätte er das bestätigt, doch 2022 ist er gestorben, 86 Jahre alt, ging es Ulrich Berkes 1984 blendend. Er, der in Halle geboren worden war, die im Verlauf dieses Jahres mehrfach besuchten Familienangehörigen leben in Thüringen, er, der Fräser gelernt, sich nach und nach zum Lehrer fortgebildet und als Anfangsdreißiger berufsbegleitend am Leipziger Institut für Literatur studiert hatte, er hatte es nunmehr geschafft. Der erste Gedichtband war vor fast schon zehn Jahren erschienen, der zweite hatte arg lange gebraucht. Aber während diesem Jahr 1984 fährt er immer wieder zum Verlag, um noch paar Details abzuklären; die Veröffentlichung steht jetzt fest. Damit steht auch fest, dass Ulrich Berkes ein landesweit bekannter Lyriker ist und aus der Literaturgeschichte der DDR nicht verschwinden wird, sollte er auch morgen schon sterben. (Dass die DDR selbst verschwinden wird, kann niemand voraussehen.) Das Korsett seines Arbeitsalltags hat er abgestreift. Er muss nicht mehr fräsen, keine Oberschüler mehr unterrichten. Was er regelmäßig tun muss, ist, einmal die Woche eine zumeist langwierige Bahnfahrt nach Leipzig auf sich nehmen, dort zwei Stunden lang einen Kreis aus werktätigen Literaten leiten. Das sind Studenten, Lehrer, aber tatsächlich auch Industriearbeiter. Eine Frau himmelt ihn an: „Sie sind ein guter Mensch, sich uns hier immer noch aufzubürden!“ Im Tagebuch kommentiert der Lyriker: „Aber mit irgendwas müssen wir ja noch Geld verdienen.“

Seit zehn Jahren läuft seine Bewerbung um die Aufnahme in den Schriftstellerverband, das ist abnormal lang. Und dass ihm das so zusetzt, versteht der westdeutsche Leser anfangs nicht, bis ihm aufgeht, dass seinerzeit nur Mitglieder dieses Verbands die Genehmigung erhielten, ihre Bücher im deutschsprachigen Westen verlegen zu lassen, damit einhergehend Tantiemen in harter Westwährung zu generieren, bei Tagungen, Kongressen, Interviews mit diversen Medien als Vertreter der ostdeutschen Szene was sagen zu dürfen. Den kleinsten Verweis auf die Ausbürgerung eines Ost-Berliner Lyrikers namens Wolf Biermann (im Jahre 1976) wird man im Buch vergeblich suchen. Dagegen kommen Thomas Böhme und Ronald Schernikau mehrmals vor. Zwei schwule Autoren, deren Homosexualität allerdings nicht extra erwähnt wird. Der Lyriker Böhme ist Leipziger, der junge Schernikau hat seinen ersten Roman schon als Gymnasiast in Niedersachsen veröffentlichen können und bereitet jetzt gerade seinen Umzug nach Ost-Berlin vor. Er ist überzeugter Kommunist – und wird später an Aids sterben.

Auf mehr als drei Gedichtbände sollte es Berkes gar nicht mehr bringen und der nächste brauchte dann noch viel mehr als zehn Jahre. Aber da war die Wiedervereinigung dazwischen. Doch sehen wir im Tagebuch, dass er seinerzeit mit diversen Nachdrucken in Zeitungen und Literaturzeitschriften geradezu „berühmt“ gewesen ist und die Honorare fließen auch schon von Westen her. Einmal verkloppt er das ganz schnell für eine Flasche echt französischen Cognac. Für weit über 100 Mark kauft er eine angeblich original (schwarze) US-Jeans, die beim Waschen ewig abfärbt und irgendwann einen Einnäher „Made in Yugoslavia“ preisgibt. Ein französisches Wörterbuch legt er sich zu, um endlich Lautréamont in der Originalsprache zu lesen, natürlich nur Bruchstücke. Das schwule Paar hat eine kleine Wohnung in Mitte, unweit der Spree und des Alexanderplatzes. An den Wochenenden fährt man raus, wandert ein bisschen und futtert Steaks mit Pommes frites. Oder man spaziert an der Karl-Marx-Allee. Einmal besuchen sie Caterina Valente im Friedrichstadt-Palast, mehrfach Inszenierungen des Berliner Ensembles.

Einen richtigen Urlaub haben sie nicht in diesem Jahr, geschweige eine Auslandsreise, aber sie sind x-Mal für paar Tage weg. Da ist Berkes' Familie, südlich vom Thüringer Wald, dann der Künstler auf Rügen, ein Bekannter, der sie eingeladen hat, auch ein Kurzurlaub im Inneren Mecklenburgs. Im Juni frosten sie kiloweise Erdbeeren ein, verschenken sie im Winter dann als Kuchendeckung, doch die schmecken nur noch nach nichts. Berkes mag Wahrheitsliebe und schätzt sie auch an Lautréamont, dessen Narzissmus und Egozentrik ihm eher abgehen.

Im Traum umarmt mich ein Junge von fünfzehn oder sechzehn, wir sind beide nackt, ich streichle mit der Hand über die glatten Schenkel, die Hoden, er macht Fellatio bei mir, ganz zittrig vor Aufregung und ungeschickt. Ich bin unruhig, er ist noch zu jung, das ist bei uns verboten. Doch dann sagt er: „Das brauchst du aber nicht gleich jedem zu erzählen!“ Ich wache mit einer Erektion auf, noch ganz deutlich diesen Satz im Ohr.
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