Die Begegnung mit der Natur ist wie der Kontakt mit einem Menschen. Man muss hinsehen, zuhören und sich einstellen können, darf nehmen, aber auch geben und muss sich, wenn nötig, einsetzen, dann kann im Miteinander Liebe und Freundschaft wachsen. Dass dieses Einanderverstehen nicht immer leicht ist, erfährt Kerstin. „Du bist ein Sprüchemacher“, ruft sie ihrem Vater zu, der seinen Worten unerwartete Taten folgen lässt. Der alte Mann erfährt, dass seine Gemeinschaft mit den Vögeln ihm nicht allein gehören darf. Mit den Vögeln und den Jungen wird er reicher, die Gemeinschaft schöner. Wolf Spillners Sorge gilt in den neun Geschichten den alltäglichen Begegnungen, in denen sich die Haltung der Menschen zeigt.
Mein schönster Baum Ein Tag im Frühling Musik am Haus des dicken Dichters Die Vögel des alten Mannes Der erste Tag am Meer Der Fisch, die Angel, das Boot Vater soll kein Lügner sein Die Hexe mit der Mundharmonika Das höchste Blatt vom hohen Baum
Der alte Mann kannte seine Vögel. Es waren seine Vögel. Das machte ihn glücklich. Sie konnten fliegen, wohin immer sie wollten über der großen Stadt und auch weiter noch. Sie verschwanden im Herbst und blieben den ganzen Winter fern. Nur ihre Nester hingen da oben in den dünnen Zweigen. Aber sie kamen im Frühjahr zurück, und wieder fraßen sie dann sein Brot und erkannten ihn, wie er sie erkannte. Zwei sehr alte Krähen mit grindigen Hautstellen unter den Augen waren vor Jahren die ersten gewesen, die in seine Nähe kamen. Er hatte sie Paul und Paula genannt. Von der Straßenbahn aus las er an einem Paul und Paula. Das hatte ihm gefallen. Diese Namen gehörten zu seiner Jugend. Jetzt hießen die Kinder nicht mehr Paul und Paula. Aber seine beiden alten Krähen, die hießen nun so. Anderen Krähen gab er andere Namen, doch Paul und Paula blieben die einzigen, die immer wieder gekommen waren, die immer vertrauter wurden und ihm das Brot schließlich aus der Hand nahmen. Und dann, an einem dieser heißen Tage, als die Stadt fast zu kochen schien vor Hitze, da waren Paul und Paula verschwunden, genau an einem Montag, Ende August. Um diese Zeit saßen immer nur wenige Krähen in den großen Bäumen auf dem Friedhof. Wohin seine Vögel im Sommer gezogen sind, das wusste der alte Mann nicht. Sie verschwanden bis auf wenige. Paul und Paula blieben ihm immer. Er hatte sie zum letzten Male am Freitag gefüttert. Sie hatten die Köpfe schief gehalten, ihr Quork und Aaark-aark geredet, Brot gefressen und waren um ihn herumgehüpft mit ihren lustigen Hopssprüngen. Dann waren sie in die Baumwipfel zurückgekehrt. Am Montagnachmittag saßen nur drei jüngere Krähen auf den Bäumen, und sie trauten sich nicht herunter auf die Wiese. Der alte Mann streute das Brot aus und setzte sich auf eine der Bänke zurück in den Schatten. Es war wirklich unerträglich heiß. Der alte Mann wartete auf Paul und Paula, aber seine Vögel kamen nicht. Er wunderte sich sehr darüber, und es machte ihn traurig. Er war so sehr an Pünktlichkeit gewöhnt, an seine eigene und auch an die der Vögel. Immer flogen sie um vier zu diesem Platz. Aber vielleicht, so versuchte er sich zu trösten, waren sie in dieser großen Hitze aus der Stadt fortgezogen, zu den Feldern hinaus, wo es Seen und kleine Flüsse oder Weiher gab. Sie würden wohl zurückkommen. Doch sicher war sich der alte Mann nicht. Er hatte das Gefühl, es müsse etwas passiert sein mit seinen Vögeln, aber er konnte es nicht benennen, so sehr er auch grübelte.