Der Arbeiter Horst Reblaus und der Ingenieur Manfred Raddatz sind zum Angeln verabredet. Doch Reblaus wartet vergeblich auf seinen Freund. Die Polizei sieht in einer versäumten Verabredung aber keinen Grund für eine Suchaktion und so beschließt Reblaus schließlich selbst nach dem Rechten zu sehen. ln der Wohnung des Freundes findet er den Ingenieur- brutal ermordet. War es wirklich ein Raubmord oder gab es vielleicht noch andere Motive für die schreckliche Tat?
„Die Glotze ersetzte alles. Die Illusion an Stelle des Lebens, Tennisspielen im Sessel. Wenn man dem Experten glauben sollte, würden sogar Bücher und Zeitungen überflüssig. Ein Druck aufs Knöpfchen und die Schlagzeilen erschlagen einen in der guten Stube. Wem das Programm nicht gefällt, der macht sich sein eigenes. Theater und Kino sind nicht mehr nötig, eigentlich ist kaum noch etwas nötig, außer dass man arbeiten geht, um das Geld ranzuschaffen.“ So lautet die Vorwegnahme der übermedialisierten Gesellschaft in einem DDR-Krimi „Das Risiko der Perfektion“ von 1988, den ich gerade beendet habe. Nach Dutzenden angefangenen und wieder fortgelegten Büchern griff ich nun zu einem Krimi von einem Autor, der mich schon einmal mit angenehm detailliertem DDR-Milieu überrascht hatte – Wolfgang Kienast. Fast die komplette Handlung spielt in der Gegend zwischen Schreiner, Rigaer und Liebigstraße, wo ich mich fast täglich aufhalte. Damals, Mitte der 80er war dies allerdings noch in großen Teilen eine recht heruntergekommene Gegend. Auch hier greift Kienast wieder heiße Eisen an. In „Ende einer Weihnachtsfeier“ war es um die unausweichlichen Schiebereien zwischen den Betrieben gegangen. Diesmal tauchen wir in die Welt eines HiFi- und Video-Liebhabers ein. Und ein solcher kann man nur sein, wenn man das entsprechende Equipment aus dem Westen hat. Blaupunkt, Sony, Grundig – alles wird hier genannt. Fast entschuldigend taucht irgendwann auch mal ein Stern-Rekorder auf. Nena-Songs, Columbo-Serien, Intershop, A&V, private Verhökereien. Es bedurfte schon eines gewissen Mutes, diese Dinge so frei heraus zu schreiben. Aber der Kern des Buchs ist eine Episode, die in der Vorvergangenheit spielt und nur angedeutet wird – zwei jugendliche Freunde werden 1968 (es ist wörtlich vom Prager Frühling die Rede) aus politischen Gründen verhaftet, und einer von ihnen unschuldig verurteilt. Der Freigelassene wird später Leutnant bei der Polizei, der andere zum Mörder in dieser Story. (Ups, Spoiler, zu spät, aber auch egal.) Aber wer die größere Schuld trägt, bleibt offen, der Mitläufer oder der erkaltete und ressentiment-geladene Kneipier. In einer Auseinandersetzung zwischen den beiden: „Kennst du die Beweise gegen mich, die damaligen? Du kennst die Wahrheit.“ – „Du solltest das endlich vergessen.“ Genau so wurden die früheren politischen Grausamkeiten in der DDR immer wieder vom Tisch gefegt – als vernachlässigbare kleine Irrtümer, die man doch nun endlich mal ruhen lassen solle. Schön abgerundet durch eine Fußballkneipe, in der die Spieler der Kreisklasse saufen, Karten spielen und einander groben Trost spenden. In einem Traum des Kommissars, der der Vorgeschichte vorangestellt wird, stellen sich alle seine Freunde auf die Seite des Verurteilten. Es erinnerte mich an eine Stelle aus Brechts Gedicht „Böser Morgen“ Heut nacht im Traum sah ich Finger, auf mich deutend Wie auf einen Aussätzigen. Sie waren zerarbeitet und Sie waren gebrochen. Unwissende! schrie ich Schuldbewusst. Ob sich Kienast hierauf bezog? Der Kriminalplot für meine Begriffe insgesamt zu ausgedacht. Aber irgendwie muss ja die Geschichte vorangehen, so nehm ich’s eben in Kauf. „Das Bier neunundvierzig Pfennige, der Korn fünfundsechzig und der Weinbrand achtzig.“ Ein Poster von Paul Breitner und ein „verjährter Wandkalender von BFC Dynamo“. „Da jaulte Nena und dort wurde Colombo (sic!) aufgezeichnet.“ Zum DDR-Geburtstag am 7. Oktober: „Wir hatten Oktoberfest gestern. Blech an Höhnerbrüste und ein paar Scheinchen ins Kuvert für brave Kinder.“ Die Schule „Graue Laus“ ist nun das Hertz-Gymnasium. Der A&V in der Kopernikusstraße (bei dem ich als Jugendlicher auch ab und zu war). „Das falsche Sozialismus-Modell, wie er es nannte… Jedem das gleiche, sagte, er, bedeutet allen wenig.“ Über einen brav schuftenden Arbeiter, der nicht einmal 800 Mark verdient: „Ist er nun eine hervorragende sozialistische Persönlichkeit oder einfach nur ein Narr?“ „Das Umgekehrte ist nie eine Alternative.“