Am 22. Januar startete der Film „Operation Walküre“ in den deutschen Kinos und auch dieses Mal ist Hitler mit von der Partie, wenn auch nur in einer kleineren Rolle, verkörpert von dem eher unbekannten Schauspieler David Bamber. Held dieses Films ist natürlich Tom Cruise als Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg. Dennoch steht auch dieser Film in der Reihe zahlreicher Adaptionen der NS-Geschichte, die weit weniger nach gesellschaftlichen Zusammenhängen suchen, sondern mit Helden und Dämonen arbeiten. Einen guten Überblick über Hitler-Verkörperungen seit den 30er Jahren bis zur Gegenwart (auf den aktuellen Stauffenberg-Film wird in dem 2008 erschienenen Werk natürlich nicht eingegangen, auf Bernd Eichingers „Der Untergang“ aber sehr wohl) bietet der vorliegende Sammelband. Viele Filme werden der Vollständigkeit halber benannt, zahlreiche werden – beginnend mit Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ und Charlie Chaplins Antwort „The Great Dictator“ - hervorgehoben und in ihren Entstehungskontext eingeordnet. Bei den Alliierten, insbesondere in Hollywood, dominierten lange Zeit Satiren auf Hitler, der häufigste Hitler-Darsteller Robert Watson war zuvor als Komiker bekannt geworden. Die zahlreichen Exilanten in der Filmstadt wurden so häufig für Nazi-Rollen herangezogen, dass die Geschichte erzählt wurde, dass der Betrachter dieser Filme in 200 Jahren zu dem Schluss kommen müsse, die Nazis seien ein rein semitischer Stamm gewesen. Den „Führer“ selbst zu spielen blieb den Exilanten jedoch erspart, bzw. vorenthalten. Im deutschsprachigen Film der 50er Jahre gab es zaghafte filmische Annäherungen an die Figur, die von der Ideologie des Kalten Krieges nicht unberührt waren, in den 60er Jahren waren gar aufklärerische Impulse in Filmen wie Paul Rothas „Das Leben von Adolf Hitler“ zu finden. Beliebter war die so genannte „Umwegthematisierung“: Hitler ist präsent, aber nicht anwesend, wie beispielsweise in „Des Teufels General“. Man vertrat die Meinung, für einen Film aus Deutschland gehöre es sich nicht, alles zu zeigen. Dies galt auch für die Vernichtung der Juden, was zum Beispiel die Querelen um Alains Resnais Dokumentarfilm „Nuit et brouillard“ zeigten. (Link zu Rezension). In den 70er Jahren und damit seit Beginn der „Hitler-Welle“, wie Autor Detlef Kannapin die bis heute andauernde Phase nennt, prägen konservative Impulse ausgehend von Albert Speers Erinnerungen und Joachim Fests Hitler-Biografie sowie amerikanische Pop-Ikonografie die filmischen Hitler-Interpretationen. „Die Marke ‚Adolf Hitler’ verkauft sich unverändert gut.“ schreibt Kannapin und sieht Guido Knopp in der Nachfolge Fests. Auf der Strecke bleibt die historische Distanz, Personalisierung und Spannungseffekte dominieren. Abgerundet werden die rein cineastischen Betrachtungen durch die Darstellung der Entwicklung im Dokumentarfilm (auch hier löst Einfühlung die Analyse älterer Darstellungen ab) und Hitler-Inszenierungen im Internet. Hier finden nicht nur altes Material (Leni Riefenstahl) und Neonazi-Material ihren Platz, sondern auch satirische Bearbeitungen wie Walter Moers’ „Adolf – Ich hock in meinem Bonker“, die gleichermaßen die amerikanischen Antinazi-Cartoons der 40er Jahre zitieren wie die Detailfetischismus aktueller Filme wie „Der Untergang“ karikieren. Nur scheinbar führt Hans-Ulrich Wehlers Beitrag zum Charisma vom Thema weg, ist doch der „charismatische Hitler“ Mittelpunkt so mancher Verfilmung. Auch wird daran erinnert, dass Stefan George zu den ersten gehörte, der sein Charisma intensiv beförderte. Zu seinen Verehren gehörte kein Geringerer als Claus Graf von Stauffenberg. So schließt sich der Kreis. Offen bleibt, welchen Wert für die Betrachtung des vorliegenden Gegenstands die von Jan H. Marbach und Paul Matusseks entwickelte These von Hitlers Schizophrenie – mit der sie unter Experten ziemlich alleine stehen – haben soll. Da ist die Rede von „einer larvierten Form der Schizophrenie, die als Grundstörung vorhanden ist und gleichwohl im klinischen Sinn unauffällig bleibt“ – was doch nichts anderes bedeutet als: Es lässt sich nicht beweisen. Die Lektüre des Werks lohnt sich dennoch allemal – sowohl für Cineasten als auch für historisch Interessierte. Die Flut von Hitler-Darstellungen wird unter historischen und cineastischen Aspekten systematisiert und lenkt den Blick auf vom aktuellen „Hitler-Hype“ divergierende Klassiker wie „The Great Dictator“, „To be or not to be“ und „The Boys vom Brazil“ ohne aktuelle Entwicklungen zu vernachlässigen.