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Körper in Cafés: Gedichte

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150 pages, Paperback

First published January 1, 1992

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Robert Gernhardt

182 books8 followers
Robert Johann Arthur Gernhardt war ein deutscher Schriftsteller, Dichter, Zeichner und Maler.

Im Dezember 2008 stiftete die Landesbank Hessen-Thüringen im Andenken an Robert Gernhardt den beim Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst angesiedelten Robert-Gernhardt-Förderpreis (heute: Robert-Gernhardt-Preis). Er wird seit 2009 jährlich an je zwei hessische Autoren vergeben, um sie darin zu unterstützen, ein besonderes literarisches Projekt zu verwirklichen.

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Profile Image for Klaus Mattes.
888 reviews21 followers
March 5, 2024
Sie sahen schon mal schön aus und lagen gut in der Hand, jene Leinenbände mit Lesebändchen, die man Ende der Achtziger vom Haffmans Verlag bekam. Dann auch noch von einem der Lieblinge, Robert Gernhardt, Blödelmeister der Nation (für: wer ihn so sehen wollte), Großmeister des humoristischen, parodistischen Schreibens der siebziger Jahre: „Die Blusen des Böhmen“, „Besternte Ernte“, Zweitausendeins-Longseller, ein Ghostwriter für Otto (Waalkes) und „Doktor Muffels Telebrause“. Als (damals, längst nicht mehr) getreuer „Titanic“-Abonnent war ich vornehmlich von den Gernhardt’schen Kritiken, Polemiken und Essays gefesselt. Die heute alle mehr oder weniger vergessen sind. Den Sammelband „Letzte Ölung“ von 1984, nur im Taschenbuch erschienen, hielt ich damals für Gernhardts genialstes Buch. Ich mag das, wenn mir Leute erklären, warum man manche Bücher unbedingt lesen muss, andere, die von Wissenschaftlern und Journalisten ständig genannt werden, dagegen überhaupt nicht. Wenn Autoren ihre Liebe und ihren Hass auf andere Autoren ausbreiten.

An Gernhardt'scher Lyrik hatten die achtziger Jahre nach „Wörtersee“ (1981) kaum was gebracht. Man dachte also, er wird wohl nach wie vor der Nonsens-Verse-Schmied geblieben sein, den man aus den legendären drei Zweitausendeins-Gedichtbänden der siebziger Jahre kannte. Und genau dies wolle ich dann bei „Körper in Cafés“ noch mal sehen. Schon damals hatte es angefangen, leider, möchte ich fast sagen, dass ihn die Kritik der überregionalen Blätter ihres Interesses für wert befand. Es deutete sich, immer noch etwas überraschend, eine Gewilltheit an, Robert Gernhardt als „einen der größten Dichter unserer deutschen Gegenwartsliteratur“ abzufeiern. Was dann in den neunziger Jahren zur Pflichtübung wurde, während die immer zahlreicher herausgeworfenen Gedichte, wie sie in den Bänden „Weiche Ziele“ (1994), „Gedichte“ (1996), „Lichte Gedichte“ (1997) erschienen, von Mal zu Mal schwächer und verzichtbarer wurden. Rückblickend lässt sich diese Versteinerung zum Konsens-Klassiker des Bildungsbürgertums bei überhand nehmender Eitelkeit und mangelnder Selbstkritik auch in „Körper in Cafés“ schon vorausahnen.

Abgesehen von Klassikern wie „Nachdem er durch Metzingen gegangen war“ steht da schon auch auch viel Halbgares, wurschtig Hingeworfenes, das ruhig unter den Schneidetisch hätte fallen dürfen.

Wobei wir lange noch nicht bei den Infarkt- und Krebs-Gedichten angekommen sind, sondern einstweilen noch im Steak-Haus feststecken.

Maredo Steak-House

Die Stücke toter Tiere auf den Teller
Die Teller in den Händen junger Menschen
Die jungen Menschen sind schwarz-rot gewandet

Die weißen Wände, roh gespachtelt, werden
von schwarzgestrichnen Stämmen jäh durchbrochen
wild spaltet sich das Holz der schwarzen Stämme:

Hier ist man ja mitten unter Gauchos!
Hier weht ja der schärfere Wind der Pampas!
Hier sollte man eigentlich nicht ohne Messer herkommen!

Das Deckenholz ruht schwer auf dunklen Säulen
Am Boden glänzen pflegeleichte Kacheln
Ein offnes Feuer glost durch rußges Eisen

Im Halblicht prüft der Kunde die Salate
Dann stellt er seinen Teller selbst zusammen
Für sieben fünfzig hat er freie Auswahl:

Ja, ist hier das Paradies ausgebrochen?
Ja, geht es noch ungezwungner?
Ja, fällt man sich hier als nächstes in die Arme?

Das Riesen-Entrecote ist fast ein Pfund schwer
Der Fettkern macht es saftig und besonders
in Sauerrahm getaucht lockt die Kartoffel

Das Messer schneidet silbern in das Fleischstück
Das rote Blut quillt auf den weißen Teller
Dem Schneidenden wird plötzlich schwarz vor Augen:

Wie schön still es hier auf einmal ist.
Wie schön dunkel es hier auf einmal ist.
Wie schön es hier auf einmal ist, still und dunkel.


Es sind letztlich Midlife-Crisis-Gedichte, was aber doch erlaubt ist.

Es schleicht sich so ein Schielen schon ein. Ob es zum „einer der besten Dichter deutscher Zunge“ denn noch langen wird? (Hat es dann.) Aber wenn man dem alten Blödeln dann noch mal begegnet, kriegt man vor lauter Nostalgie seine Mid-Life-Crisis:

Sie nannten ihn Walter Storchi

I
Showdown-Time in Tombstone-City,
Walter Storchi steht am Schatten.

Quietschend öffnet sich das Hoftor,
Walter Storchis Hand fährt aufwärts.

Licht schraffiert sein Gegenüber,
Walter Storchis Finger spannt sich.

Lippen klaffen, bartumstoppelt:
„Walter, komm sofort nach Hause!“

Kreischend dreht sich träg das Windrad,
Storchis Hand erscheint im Lichtfeld.

Hand greift Hand, da schreit es gellend:
„Na, wo bleibt ihr denn, ihr beiden?“

Showdown-Time. High-Noon. Das Licht gleißt.
Und bei Storchis gibt es Hammel.

II
Wer tritt die Tür zur Ox-Bar ein?
Das kann nur Walter Storchi sein.

Wer zieht blitzschnell den Colt heraus?
Das sieht verdammt nach Storchi aus.

Wer ruft: „Heb deine Flossen, Mann!“?
Das hört sich sehr nach Storchi an.

Wer hat dann keine Munition?
Na, wer denn wohl! Na, wer wohl schon?

III
Seinen allerletzten Fight
kämpfte er zur Kaffeezeit.

Walter Storchis letzte Bitte:
„Stell dich endlich, Käseschnitte!“

Walter Storchis letzte Worte:
„Wehr dich, feige Sachertorte!“

Walter Storchis letzter Satz:
„Mary, wein nicht, wenn ich platz!“

Walter Storchis Grabinschrift:
„Daß es stets die Dicksten trifft!“
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