Der Roman beginnt mit einer farbenprächtigen Szene. Ein Hochstapler, der sich als der wahre Marcus Claudius Marcellus, der früh verstorbene Lieblingsneffe des Augustus, ausgibt, wird im Tiber ertränkt. Dann taucht die rätselhafte Schlüsselfigur auf, die Sybille, das Orakel von Cumae, eine zeitlose Figur, die Botschaften von Apoll über das Internet erhält. Diese Szenen stimmen den Leser auf den Roman ein. Bald wird klar, hier müssen Rätsel gelöst, Geheimnisse aufgedeckt werden. Zeitgenössische Figuren sind auf mysteriöse Weise mit dem Rom zu Augustus Zeiten verbunden. Da ist Enea Potter, ein Computerfreak, der Fragen an das Orakel entgegennimmt, sie an sybille.cum weitergibt und postwendend Antwort erhält. Sein Herkunft ist ziemlich mysteriös, und die Orakelsprüche stellen als Rätsel harte Nüsse dar. Der andere, Theophilus Mittenzwei, wirkt wie eine Figur aus einem anderen Mit einem Stilledetektor sucht er die absolute Stille. Er findet sie in der Höhle der Sybille, doch dort hört er auch ein Schluchzen. Und er trifft auf die geheimnisvolle Fantastica, die beschließt, sich in ihn zu verlieben. Theophilus begegnet ihr immer wieder, als er sich aufmacht, das Geheimnis der weinenden Frau auf den Grund zu gehen. Er fährt nach Rom. Als ihm sein Stilledetektor geklaut wird, gerät er bei der Verfolgung der Diebe in das unterirdische Abflusssystem und von dort ins antike Rom. Die andere Handlungsebene in Rom, Livia, Gattin des Augustus, will ihren Sohn aus erster Ehe, Tiberius Claudius Nero, auf den Kaiserthron hieven, und versucht deshalb Schwachpunkte bei ihrem Gatten herauszufinden um dort anzusetzen. Sie kennt keine Skrupel und schreckt auch vor Mord nicht zurück. Gleichzeitig lässt Augustus seinen Freund Maecenas (Mäzen geht auf seinen Namen zurück) nach der Sache forschen, weil es ihm keine Ruhe lässt, ob sein Lieblingsneffe als Kind wirklich vertauscht worden ist.
Schäfer behandelt die kaiserliche Familie nicht gerade ehrfurchtsvoll. Der alternde Augustus zaudert und wirkt manchmal ziemlich kläglich. Die anderen sind in Intrigen oder Liebeshändel verstrickt. Kurzum, die Autorin bringt uns diese Römer recht nahe. Das macht einen Gutteil der Lesbarkeit dieses Romans aus. Am Ende werden die Rätsel auch tatsächlich gelöst. Die skurrilen Figuren der Gegenwart brechen aus ihrem bisherigen Leben aus, während im Rom die Geschichte ihren bekannten (schlimmen) Lauf nimmt. Nach der Lektüre blieb ich etwas ratlos zurück . Soll ich den Roman als gelungen bezeichnen? Es gibt viele lesenswerte Stellen, wo Schäfer die Leerstellen der Überlieferung mit ihrer Fantasie ausfüllt. Andererseits muss man zu viele von Schäfers phantastischen Einfällen als gegeben als Voraussetzung der Handlung hinnehmen. Das beißt sich mit der Suche nach der Wahrheit, dem Rätsellösen. Aber ein großes Plus dieses Romans ist seine Kurzweiligkeit. Darum kann ich ihn FreundInnen der römischen Geschichte und Kultur durchaus empfehlen.