Dieser kurze Roman handelt vom Onkel des Ich-Erzählers, einem etwas sonderbaren Tierpräperator, der im ausgehenden 19. Jahrhundert das Laufrad in Coburg einführte. Wie immer bei Timm sprudelt es von Witz und originellen Ideen. Deswegen schätze ich Uwe Timm auch sehr. Alle seine Bücher sind genuin lustig, ohne albern oder repetetiv zu sein, was man in der deutschsprachigen Literatur nur selten findet.
Hochradfahrer, Tierpräparator, Wegbereiter – all das ist Franz Schröter, der Visionär aus dem provinziellen Coburg, der zum Ende des letzten Jahrhunderts den Fortschritt in das verschlafene Nest bringen möchte und dabei so einige Hindernisse überwinden und Kunstfertigkeiten erlernen muss. Uwe Timm ist mit seinem leichtfüßigen Roman, der sprachlich überaus ausgefeilt ist, eine ausnehmend charmante und humorvolle Geschichte über Aufschwung und Scheitern gelungen, denn Fortschritt und was damit einhergeht ist ebenso relativ, wie es unmöglich ist, vorherzusagen, welche Erfindung sich durchsetzen wird und für wie lange sie sich an der Spitze der Entwicklung halten wird. Franz Schröter setzt mit Herz und Seele und einigem Geld auf das Hochrad, das ihn mit seiner Eleganz und Anmut verzaubert. Unermüdlich feilt er an seiner Fahrtechnik, übt Auf- und Abstieg und steckt mit seiner Begeisterung das ganze Städtchen inklusive des herzoglichen Schlosshaushalts an, obwohl dieser auch immer auch wieder einen argwöhnischen Blick auf die neue Mode wirft, ist Modernisierung doch auch potenziell immer bedrohlich, da sie Ausdruck des aufkommenden Sozialismus sein könnte. Anekdotenhaft, kurzweilig und mit feinem Humor schildert Timm aus der Perspektive des Nachfahren, wie Schröter gemeinsam mit seiner resoluten und warmherzigen Ehefrau, deren geradliniger Charakter besonders durch die plattdeutschen Einschübe unterstrichen wird, immer fieberhafter den Siegeszug des Hochrads vorantreibt. In spannenden Wettkampfszenen werden das heute aus der Wahrnehmung komplett verschwundene Altertümchen und der Vorläufer unserer heutigen Räder gegenübergestellt – man weiß, wie die Geschichte endet und wird trotzdem förmlich von der begeisterten Masse am Wegesrand mitgerissen. Neben der überzeugenden Handlung, die auch eine zarte Liebelei nicht ausspart, schafft es der Roman zahlreiche gesellschaftskritische Kommentare ironisch-liebevoll einzuflechten: sei es der Niedergang des Adels, der Aufbruch in neue Zeiten, die Sozialistengesetze oder die Emanzipation der Frau – all das wird mit Finesse und unfassbarer Anmut gestreift, ist dabei nie oberflächlich und vor allem niemals didaktisch. Dass der Roman nun bei seiner Wiederauflage bereits gute vierzig Jahre auf dem Buckel hat, merkt man auch nicht – im Gegenteil: er ist so zeitlos, dass er wie eine hochaktuelle Anspielung auf unsere Epoche wirkt. „Der Mann auf dem Hochrad“ ist ein gehaltvoller, anspruchsvoller, dabei aber unterhaltender Roman, den man einfach schon wegen seiner Erzählfreude und sanften Ironie mögen muss. So gewinnend und reizend wurde wohl selten die Geschichte eines Verlierers auf die Seiten gebracht.
Bei dem Titelhelden handelt es sich um Franz Schröder, einen Onkel Uwe Timms, der als Tierpräparator und Fahrradpionier Ende des 19. Jahrhunderts versuchte, Coburg den Segen des Hochradfahrens nahezubringen. Uwe Timm schildert diese Familienlegende in unaufdringlichem, elegantem und streckenweise herrlich trocken-ironischem Stil. Ich fand es sehr lesenswert, insbesondere die außergewöhnlichen Geschichten und psychologisch tiefsinnigen Beschreibungen, die er sogar aus ganz alltäglichen Begebenheiten herausschält.
Timm erzählt locker flockig über seinen Großonkel, der in Coburg das Radfahren eingeführt hat. Seine Besessenheit von der Eleganz des Hochrades und seine vergeblichen Mühen, es gegen das Niederrad zu behaupten. Amüsant und faktenreich geschrieben.
Der Wandel vom Fürstentum zur Moderne - demonstriert an der Einführung von Hochrad, Niederrad und den Debatten um die Emanzipation - eine sehr lesbare Geschichte aus und über Coburg - und ein wenig auch über das Ausstopfen von Tierpräparaten
What a lovely little story which turns a very ordinary man into a legend when he introduces a high wheeler into a backwater city. It says a lot about how society reacts to inventions and progress. About women as well. And yet it is an easy read, very funny.