Preis der Leipziger Buchmesse 2016 in der Kategorie ÜbersetzungWas für Irland Joyces ULYSSES, ist für Serbien DIE ein avantgardistisches, fast unübersetzbares Meisterwerk voller Wortspiele und Stilbrüche, ein experimentelles Labor der Sprache - aber dabei hochkomisch!Im Mittelpunkt steht eine in Slawonien angesiedelte Familienchronik, die auf vielfältige Weise erzählt anhand einer Rauferei in einer Kneipe, in Form eines Lexikons oder als Beratungsgespräch in einer Buchhandlung. Dabei hat der Erzähler als leidenschaftlicher Sammler kurioser Phänomene ein besonderes Augenmerk für Alltagsdinge.Bora Ćosić, der während der Entstehung der TUTOREN mit Veröffentlichungsverbot belegt war, bietet alles auf, womit sich nationalistische Mythen und Ideologien jeglicher Couleur lächerlich machen Ausgehend von einem rebellischen orthodoxen Priester des 19. Jahrhunderts über tatkräftige unternehmerische Frauen bis hin zu einem namenlosen Autor spannt er einen Bogen über 150 Jahre europäischer Geschichte.
Bora Ćosić is a Serbian, Croatian and Yugoslav novelist, essayist, translator and opinionated intellectual.
He was born in Zagreb in 1932, He lived most of his life in Belgrade until 1991, when he moved to Rovinj and later to Berlin, where he currently resides. A recipient of multiple awards, including the Nin Prize, he is known for his satirical and humorous style, exemplified in his cult novel Uloga moje porodice u svetskoj revoluciji (t. My Family's Role in the World Revolution). Ćosić is recognized as an important voice from the former Yugoslavia.
"Leipzig Book Fair Prize rewards three epic works" http://www.dw.com/en/leipzig-book-fai... "The winner of the best translation is "Die Tutoren" (The Tutors), from the Serbian author Bora Cosic, translated into German by Brigitte Döbert. "The jury described the book as a Serbian modernist equivalent to James Joyce's Irish "Ulysses." The Berlin-based translator Brigitte Döbert managed to "apply exuberant wordplay to summarize Balkan madness," declared the jury."
Bora Cosic macht es seinen Lesern nicht leicht, denn eigentlich geht es ihm nicht um eine Geschichte, sondern um Sprache, also: Wie wandeln sich Wirklichkeiten, indem man sie in Sprache kleidet. Hierzu entwirft er eine eigenwillige Haute Couture der Textsorten – nachgeplappert den Sprachlehrern oder Tutoren – für das Fundament von „Die Tutoren“, nämlich die Generationenfolge der Familie Uskokovic aus Grunt. Diese Textsorten gestalten die Kapitel des Romans, Cosic nennt sie selbst im Nachwort: „Lexikon / Bauernkalender / Lesebuch / Belehrender Bilderbogen / Dilettanten / Bildunterschriften / Kitsch / Katalogverzeichnis / Haushaltsbuch / Comic / Kochwissenschaft / Pornografie / Baedeker / Volksliederbuch / Schundroman in Fortsetzungen / Privater Briefwechsel / Literarische Sprache / Amts- und Verordnungssprache.“ (S. 786) Ich hätte schwören können, dass auch einige Seiten Telefonbuch dabei waren, so stattliche Namenskolonnen rasselten da über die Seiten. Von Namen gab es viele, von Absätzen nur sehr wenige. Das Kapitel Bauernkalender kommt ganz ohne einen Absatz aus, und sogar das Volksliederbuch entbehrt der Absätze und ihrer wohltuenden Gliederungswirkung, obschon der Text gereimt ist.
Abgesehen von dieser stilistischen Manieriertheit, die das Spiel von 180 annehmbaren auf 800 ehrfurchtgebietende Seiten ausdehnt, verlässt sich Cosic auf eine handlungsarne Inhaltsfülle, die er eine „Chronik unerheblicher Vorkommnisse“ nennt (S. 785). Was mich durch die Zeilen trug, war also das Interesse am Sprachspiel und die Bewunderung für die Übersetzungsleistung von Brigitte Döbert. Immerhin beeindruckt auch die Chuzpe, mit der jemand eine basale Handlung als Reihe von Lexikonlemmata darstellt – und es funktioniert! Es entsteht ein ganz breites Lektürebild einer serbischen Gesellschaft im Wandel, das einem den Fortschritt in der rückständigen serbischen Provinz, die Gottgläubigkeit der Landbevölkerung, die politischen Emotionen beim Zusammenbruch der Habsburger Dynastie näher bringt.