Das Buch war für mich keines, das ich wirklich mit Genuss gelesen habe, ich habe es dennoch gerne gelesen. Die Protagonistin Liu Cui bleibt uns als europäschen Lesern fremd, ich glaube aber, dass liegt daran, dass uns der Kulturkreis selbst so fremd ist. In Asien zeigt man seine Gefühle nicht, Liu unterdrückt ja z.B. ihre Wutausbrüche, obwohl sie sich selbst als moderne Frau versteht, der diese Gefühlsäusserung in den gegebenen Umständen sogar zustünde. Gleichzeitig sind die Themen, die Hong Ying verarbeitet, sehr komplex. Auf der einen Seite die politischen Machtspielchen, Korruption und Klassengrenzen, die Liu hautnah miterlebt, auf der anderen Seite ihre Erkenntnisse über die Familiengeschichte, die eng mit politischen Ereignissen verknüpft ist. Fast nebenbei erlangt man Einblicke in den chinesischen Alltag und stellt fest, dass die um jeden Preis als westlich-modern gelten wollende Gesellschaft immernoch tief von traditionellem Denken geprägt ist. Das ganze Buch hindurch bewegt man sich zwischen den Extremen: früher - heute, arm - reich, moralisch - unmoralisch, männliche - weibliche Geschlechterrolle, Wissenschaft - Aberglaube... Darunter leidet die Erzählung leider etwas, und besonders nachdem ich das Nachwort gelesen hatte, verstärkte sich mein Gefühl, dass Hong Ying sich hier etwas zu viel vorgenommen hat.