Ein erfrischend ehrlicher, rationaler und umfassender Blick hinter die Kulissen - Kulissen, die man als Fußball-Fan vermutlich oft genug nicht einmal als interessant wahrnimmt. Dabei schafft es Patrick Ittrich in seinem Buch wunderbar, in klar thematisch abgegrenzten Kapiteln das Schiedsrichterwesen von den lokalen Fußballplätzen bis in die Bundesliga zu beschreiben - Regelkunde einbegriffen mit einer Frage am Ende eines Kapitels (die Situationen beschreibt, die man im regulären Betrieb meistens nicht einmal sieht). Als namhafter Schiedsrichter beschreibt er, was tatsächlich im "Kölner Keller" passiert und bringt vor allem ausgesprochen überzeugend auf den Punkt, was seine Leidenschaft für die Tätigkeit des Schiedsrichters ausmacht. Sehr zu empfehlen, wer als Fußallfan auch einmal einen Blick auf diese Seite des Geschehen werfen möchte - vielleicht also für alle, damit viele Annahmen, Vorurteile und Verhaltensweise gerade gerückt werden können.
Patrick Ittrichs Buch „Die richtige Entscheidung. Warum ich es liebe, Schiedsrichter zu sein: Ein Unparteiischer der Fußball-Bundesliga erzählt“ ist weit mehr als eine sportliche Autobiografie. Es ist ein Bekenntnis zur Verantwortung des Urteilens. Der Bundesliga-Schiedsrichter zeigt, wie Entscheidungen unter Druck entstehen – zwischen Regelwerk, Intuition und Gerechtigkeitssinn. Das Spielfeld wird bei ihm zum Experimentierraum moralischer Klugheit: Er führt vor, dass Neutralität keine Haltung ist, die man besitzt, sondern eine, die man sich in jedem Augenblick neu erarbeiten muss. Wer pfeift, steht immer zwischen Fronten und hält doch das Ganze zusammen – ein Sinnbild für jedes gesellschaftliche Feld, in dem Konflikte geregelt werden müssen. Ob im Sport, in der Politik oder in der Wirtschaft – die Welt braucht Schiedsrichter. Es ist oft schwer, sich zu einigen, schwer, unparteiisch zu bleiben. Ein Außenstehender bringt Expertise und Unabhängigkeit zugleich. Diese beiden Eigenschaften – Sachkenntnis und Integrität – sind die wahren Merkmale des Schiedsrichters. Seine Autorität beruht nicht auf Macht, sondern auf Vertrauen, jenem zerbrechlichen Gut, das nur besteht, wenn es freiwillig gewährt wird. Die Ehrlichkeit des Schiedsrichters ist Voraussetzung für die Legitimität des Spiels – und im weiteren Sinne für das Funktionieren jeder Gesellschaft. Michel Serres (1930 - 2019) hat es einmal bei France Info auf den Punkt gebracht: „Sagt nicht mehr: Der Irrtum ist menschlich; sagt vielmehr: Menschlich ist, wer irrt. Tiere und Pflanzen täuschen sich nie – ihr Instinkt ist vollkommen programmiert. Wir aber werden erst durch den Fehler zu Menschen. Der Schiedsrichter ist souverän.“ Doch das Tragische und zugleich Menschliche daran ist: Man weiß nie im Moment selbst, dass man sich irrt. Die Erkenntnis kommt stets post festum– wenn die Entscheidung längst gefallen, das Spiel längst weitergelaufen ist. Erst im Rückblick offenbart sich der Fehler, und mit ihm die Möglichkeit, zu lernen. Vielleicht ist es genau das, was Ittrich an seinem Beruf liebt – dass er mitten im Getöse einen Ort der Balance findet. In einer Zeit, die von Parteilichkeit, Tempo und Empörung lebt, erinnert der Schiedsrichter daran, dass Urteilskraft Mut, Geduld und Demut verlangt. Er zeigt, dass der Irrtum nicht das Ende des Spiels bedeutet, sondern seinen Sinn: Nur wer pfeifen kann, auch wenn alles unübersichtlich ist, bewahrt das Spiel – und damit das Menschliche selbst.