Ist Eleganz ein veraltetes Wort, das sich zusehends aus unserem Wortschatz verabschiedet und nur mehr oberflächlich mit Mode in Verbindung gebracht wird? Weder mit dem einen noch mit dem anderen geht Ilma Rakusa d’accord. Stattdessen hebt sie die vielen Ebenen der Eleganz und deren Bedeutung im Hier und Jetzt hervor. Die sozialen und politischen Funktionen des Begriffes seien ebenso wenig zu unterschätzen wie das zu bewundernde Elegante in den Künsten und der Architektur – und natürlich finden wir Eleganz auch im Auftreten der Menschen, ob nun in Kleidung oder Haltung, Gesten oder Blicken. Ilma Rakusa zeigt in ihrer feingeistigen Art die innere und äußere Eleganz.
Ilma Rakusa ist eine Schweizer Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Literaturübersetzerin.
Sie ist die Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Budapest, Ljubljana und Triest. 1951 liess sich die Familie in der Schweiz nieder. Ilma Rakusa besuchte die Volksschule und das Gymnasium in Zürich. Nach der Matura studierte sie von 1965 bis 1971 Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und Leningrad. 1971 promovierte sie mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit zum Thema „Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur“ zum Doktor der Philosophie. Von 1971 bis 1977 war sie Assistentin am Slawischen Seminar der Universität Zürich, an der sie seit 1977 als Lehrbeauftragte wirkt. Neben dieser Tätigkeit ist sie als Übersetzerin aus dem Französischen, Russischen, Serbokroatischen und Ungarischen und als Publizistin (Neue Zürcher Zeitung und Die Zeit) tätig. Heute lebt Ilma Rakusa als freie Schriftstellerin in Zürich.
Rakusa ist Mitglied des Kuratoriums der Allianz Kulturstiftung und Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
Von diesem Thema hatte ich mir nicht allzu viel erwartet und war dann teilweise positiv überrascht.
Die Autorin zeigt Eleganz in ihren vielen Facetten und beleuchtet einzelne Aspekte wie Leichtigkeit, Einfachheit, Geschmack, Anmut und Natürlichkeit, ohne die im Zusammenspiel Eleganz nicht vorstellbar wäre. Sie spricht nicht nur über Eleganz in der Kleidung, woran viele sicher als erstes denken, sondern auch in der Bewegung, im sprachlichen Ausdruck sowie im Verhalten.
Obwohl sie sich bemüht, das alles nicht elitär wirken zu lassen, so hinterfragt sie doch zu selten die Ansprüche des Ästhetischen und des Schönen, die dem Begriff anhaften, und wirkt so trotzdem aus der Zeit gefallen, altmodisch und etwas abgehoben.
Sie bezieht sich auch wesentlich häufiger auf Frauen als auf Männer, wenn sie beispielsweise der Leichtigkeit im Gang nachtrauert, die junge Frauen heutzutage nicht mehr hätten, oder über einen dezenten Lippenstift spricht, über das kleine "Schwarze"... immer scheint vor ihrem Blick das Bild einer eleganten Frau von Welt (Paradebeispiel Audrey Hepburn) zu stehen. Da ist wenig Platz für normale Durchschnittsbürgerinnen, für Hausfrauen, Mütter, Alte, Emanzipierte, Übergewichtige, Ungelenke, Tolpatschige, weniger gut Gebildete, Flachschuhträgerinnen, Geringverdienerinnen, etc.
Wo mich Rakusa aber kurz überrascht hat, das sind die Ausführungen über Eleganz in der Sprache, speziell im Gedicht. Sie zitiert Goethe und einige Haikus, überhaupt scheint sie insgesamt die japanische Kultur für eine sehr elegante zu halten und zeigt ihre Verehrung deutlich. Auch hier würde man sich einen kritischeren Blick wünschen: Die Stellung der Frau in Japan, wo die Sphäre der Frauen nach wie vor das Heim/Zuhause ist, das sie für den Ehemann schön und ansprechend - elegant! - gestalten sollen, lässt doch einiges zu wünschen übrig.
Insgesamt gesehen sind das hier Gedankenspiele, die den Begriff der Eleganz positiv aufladen und in die heutige Zeit retten wollen, sich dabei aber zu oft nostalgisch verklärend an der Vergangenheit orientieren und überhaupt die Geschlechterklischees, die der Eleganz anhaften, unhinterfragt als gegeben und conditio sine qua non hinstellen.