Wie würden Sie reagieren, wenn ein wildfremder älterer Herr Sie anspricht und erstaunt feststellt, Sie seien Ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch kannte der Fremde Ihren Vater und weiß alles über die Umstände Ihrer Geburt im Jahre 1943. Problematisch nur, die geschilderten Personen und Ereignisse haben mit den eigenen Eltern nicht das Geringste zu tun! Eine ungeheuerliche Geschichte. Die 23-jährige Aude Yung-de Prévaux muss ihr Leben neu justieren. Nachdem sie erfahren hat, dass sie nach dem Tode ihrer Eltern als neun Monate altes Baby vom Bruder des Vaters adoptiert wurde, beginnt sie auf eigene Faust die ihr vorenthaltene Familiengeschichte zu recherchieren. Stück für Stück entfaltet sich vor ihr das tragisch kurze Leben ihrer Eltern Jacques und Lotka de Prévaux, zweier heldenhafter Menschen, die an sich und ihren Überzeugungen bis in den Tod eisern festhielten. Jacques de Prévaux, ein junger adliger Seeoffizier mit makelloser Karriere, weltgewandt und eloquent, lernt 1933 die schöne polnische Jüdin Lotka Leitner kennen, eine wilde, lebenslustige Frau, die als Mannequin arbeitet. Für beide ist es die Liebe ihres Lebens, eine Liaison, die von Jacques' erzkonservativer Familie strikt missbilligt wird. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs -- Jacques hat sich inzwischen zum Vizeadmiral hochgedient -- wird ihm das Amt des Marinegerichtspräsidenten in Toulon übertragen. Sehr bald jedoch wird die Vichy-Regierung des Marschall Pétain misstrauisch. Prévauxs Urteile lassen eine verdächtige Tendenz zugunsten von Widerstandskämpfern erkennen. Zu Jacques und Lotka treibt es mehr und mehr zu den Männern und Frauen der Résistance. Unter den Decknamen Vox und Kalo tauchen sie unter, werden zu Schlüsselfiguren des französischen Widerstands. Ihr womöglich kriegsentscheidendes Verdienst besteht darin, den Alliierten kurz vor der Invasion in der Normandie wichtigste Informationen zugespielt zu haben. Dann die Tragödie. Die Gestapo hat ihre Spur aufgenommen. Am 29. März 1944 werden beide verhaftet und in die berüchtigte Festung Montluc in Lyon verbracht. Dort treibt Klaus Barbie, als Polizeichef und "Schlächter von Lyon" in die Geschichte eingegangen, sein Unwesen. Selbst unter fürchterlichsten Folterqualen (die im Buch rücksichtsvoll verschwiegen werden), schweigen Jaques und Lotka beharrlich -- und verlieren den Wettlauf mit der Zeit. Im Morgengrauen des 19. August 1944 erfolgt der tödliche Aufruf -- kurz darauf werden beide von deutschen Maschinenpistolen hingerichtet. Zwei Wochen später rückt die Befreiuungsarmee in Lyon ein. Jacques und Lotka wurden vergessen. Die Geschichte von Jaques und Lotka löste in Frankreich eine Welle der Bestürzung aus. Nur einer Tochter, die ihre Eltern kennen lernen wollte, ist es zu verdanken, dass zwei große Liebende, im anonymen Massengrab verscharrt, der Vergessenheit entrissen wurden. --Ravi Unger