Die Lügen unserer Zeit – Konrad Paul Liessmann liefert einen pointierten und provokanten Beitrag zu den Themen der Gegenwart.
Halbwahrheiten, Meinungsblasen, Propaganda, Euphemismen, Fake News, Verschwörungstheorien – lauter Lügen. Schrill, unüberseh- und unüberhörbar dominieren sie die Medien und die Diskurse. Um in diesem Gewirr und auch abseits davon die Wahrheit zu erhaschen, bedarf es eines scharfen Blicks und Ohrs. Konrad Paul Liessmann seziert die Gegenwart, sowohl aus der Distanz und mit sanfter Ironie als auch engagiert und mit großem Ernst. Hinter den pathetischen Formeln unserer Kultur erkennt er deren beengte Verhältnisse, in den Alltäglichkeiten unseres Denkens entdeckt er die Signaturen der Epoche. Pointiert entwirft der Philosoph ein facettenreiches Panorama unserer Gesellschaft und ein Mosaik ihrer Irrtümer und Selbsttäuschungen.
Konfrontation, weil ich mit den wenigsten Argumenten und Ausführungen inhaltlich d‘accord gehe.
Spaß, nicht nur weil die Formulierungen Liessmanns einfach Freude bereiten, sondern auch weil die Auseinandersetzung mit den konträren Meinungen in diesem Fall höchst unterhaltsam ist. Wir sind es in unserer zunehmend von Algorithmen gesteuerten Blase nicht mehr gewohnt, auf befruchtenden Widerspruch zu stoßen. Gegenteilige Meinungen schieben wir oft als falsch oder moralisch verwerflich weg. Wenn sie - in derartiger sprachlicher wie intellektueller Qualität vorgebracht - nicht weggestoßen, sondern als Anstoß zum Denken gesehen werden, kann das auch richtig Spaß machen.
Da Inhalt und Form aber schwer ganz zu trennen sind, gibt’s hier eine mittlere Punktebewertung.
Solide Überlegungen zu unserer Zeit. Einige Stellen könnten durchaus Künstlerinnen und Künstlern Mut machen, weniger an sich zu zweifeln in einer Welt voller whitewashing Marketing-Denken, dass die "richtige" "Intention" und "richtigen" "Autor*innen"-Backgrounds voraussetzt, bevor man überhaupt ein Werk beginnt. Jeder soll unbeeinflusst seine oder ihre Vision von Kunst schaffen. Auch Punkte zu Bildung schienen mir sehr nachvollziehbar, wie Lernen nicht völlig auf die Handhabung von digitalen Hilfsmittel umverlagert werden kann und viele "alt" genannte Methoden sicher ihre Berechtigung haben.
Doch leider sind viele seiner Kapitel auch voll mit zynischer, arroganter Polemik, Texte, die lustigerweise eben solche Polemik anprangern. Einerseits kritisiert er eine nur noch auf Digitalisierung konzentrierte, die "Klassiker" vergessende und zu schnelllebige Generation, präsentiert dann selber in diesem Buch pop-philosophische Häppchen in einer Stilistik wie sie auf Instagram funktionieren würden, und die nie so wirklich in die Tiefe gehen. Oft sind es politisch gefärbte Themen, die vielmehr von den Konservativen vor sich hergetragen werden (Gendern, Klimakleber) als von Oppositionen, und die er statt in Stammtischsprech eben sehr intellektualisiert niederschreibt. Ich fand es oft widersprüchlich, da er einerseits von verzerrter Darstellung spricht, wenn sich "statistisch der Großteil von jungen Leuten nachweislich nicht für Klima und LGBTQ interessieren", und er im späteren Kapitel basierend auf EINER kritischen Mail, die er mal bekommen hat, eine ganze Cancel Culture und linke Phantomfront über einen Kamm schert. Hier verwendet er dann im süffisanten Umkehrschluss "Wehret den Anfängen" in Bezug auf solche liberale Freiheitsberaubung und Sprachpolizisten und meint dann aber schon in einem der letzten Kapitel, dass man diesen Spruch gar nicht mehr verwenden sollte, weil er so sinnbefreit ist letztlich. Das erscheint mir wie jemand, der sich gerade so dreht wie er es gerade braucht und sich eben in der Schwammigkeit und im Nebel seines Feldes, der Philosophie, versteckt. Kurz kommt er raus, haut in eine Richtung und zieht sich wieder zurück. Also ich stimme bei seinem "übertreibt mal nicht"-Standpunkt zu, auch dem Problem der Falschdarstellung von Relationen in unserer Zeit. Nur finde ich es dann irritierend, wenn er im Buch übertreibt und verzerrt darstellt.
Ich fand seine Gedanken zu Hass von Liessmann sehr tiefgehend auf den Punkt gebracht. Wie der eigene Hass immer der "gute" ist und existieren darf, und dass alle vergessen, dass jeder über seinen eigenen Hass (egal wie der konkret ausgeformt sein sollte) so denkt.
In einer Zeit ohne Nuancen habe ich viele gefunden in diesem Buch, einige die mich wie ersichtlich emotional eher abstoßen, sowie einige, die mir stimmig erscheinen und fast beruhigende Wirkung hatten. Ich werde sicher länger noch darüber nachdenken.
(Würde empfehlen, vorher oder vielleicht sogar statt diesem Buch "Digitale Diagnosen" von Wiesböck zu lesen. Auch eine Lesehilfe zu den Zeichen der Zeit, aber viel taktiler und eingehender in die Online-Existenz von uns allen. Liessmanns Lebenswelt doch eher weit entfernt von unserem mehrheitlichen Alltag.)
Bei Ankündigung des Werkes, machte sich vorerst aufgrund des Titels persönliche Verunsicherung breit. Nach einem etwas holprigen Start, findet man doch in die Lektüre und bewundert die gerechtfertigte Romantisierung der Literatur und den gezielten Aufruf an die Bevölkerung wieder mehr zu lesen. Mit zeitgenössischer Gesellschaftskritik, gekonnten Seitenhieben und Lichtblicken einzelner Betrachtungen, zieht Herr Liessmann einen Gedankenstrich unter die aktuellen Themen und "Sorgen" der Menschheit und versucht diese philosophisch zu entwirren. Einzig läuft er Gefahr, mit diesem Sammelsurium seiner Beiträge aus Zeitungsartikeln der letzten Jahre, lediglich dem Zweck zu dienen, auch in intellektuell mediokren Haushalten im Bücherregal einen verstaubten Stellplatz zu ergattern.