Wenn ich mal wieder einen 500 Seiten-Roman nicht vorher abbreche, das muss schon was heißen. Dieser Roman ist allerdings ein Genuss. Ein sprachlich hervorragendes Panorama des Fin de sciècle-Wiens in den 1890ern, das vorgeblich viele Krimi-Elemente enthält, aber kein Krimi sein will. Vielmehr möchte der Autor diese Epoche verlebendigen, was ihm wunderbar gelingt, seine Figuren leben mit großer Intensität, was über die ganze Länge fesselt, und was gibt es Schöneres, als viel Zeit mit Gustav Mahler, Siegmund Freud, schwarzen Zirkeln, Kutschen, Musik und vor allem einem sehr, sehr berühmten englischen Detektiv und seinem Bruder zu verbringen (die hier beide nur unter Pseudonym auftreten). Ein sehr wichtiger, immer wieder auftauchender Aspekt des Romans ist der schon damals epidemisch auftretende Antisemitismus der Gesellschaft, heute im Jahr 2024 wieder aktueller denn je, dabei ist der Roman schon fast dreißig Jahre alt. Der leider schon verstorbene Autor hat noch zwei Fortsetzungen geschrieben, vielleicht muss ich die auch mal lesen. Gerne hätte ich 4,5 von 5 Sternen gegeben, einige Wendungen sind etwas abrupt und zu abstrus, und ein paar Seiten weniger hätten dann doch nicht geschadet, aber das lässt Goodreads nicht zu, also habe ich aufgerundet.