Der vorliegende Band enthält die Arbeiten Niklas Luhmanns, die sich mit sozialen Bewegungen beschäftigen. In seiner Einleitung macht Kai-Uwe Hellmann deutlich, inwiefern soziale Bewegungen einen interessanten Testfall für den Universalitätsanspruch der Systemtheorie darstellt.
Sozialen Bewegungen kommt die Funktion zu, mit ihrem Protest auf bestimmte Folgeprobleme funktionaler Differenzierung aufmerksam zu machen. Sie leisten außerdem eine Selbstbeschreibung moderner Gesellschaft, wie sie innerhalb des Schemas funktionaler Differenzierung sonst nicht vorgesehen ist. Die »protestierende Reflexion ... greift Themen auf, die keines der Funktionssysteme, weder die Politik noch die Wirtschaft, weder die Religion noch das Erziehungswesen, weder die Wissenschaft noch das Recht als eigene erkennen würden. Sie stellt sich quer zu dem, was aufgrund eines Primates funktionaler Differenzierung innerhalb der Funktionssysteme an Selbstbeschreibung anfällt.« Von besonderer Bedeutung ist dabei die Risikothematik, da das Risikopotential in der modernen Gesellschaft so weit zugenommen hat, dass immer mehr Entscheidungen anfallen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die Möglichkeit von Schäden beinhalten. Insofern spielen gerade die neuen sozialen Bewegungen »Betroffenheit gegen Entscheidung« aus.
Vor diesem Hintergrund kommt sozialen Bewegungen eine für moderne Gesellschaft geradezu einzigartige Funktion zu, die innerhalb der modernen Gesellschaft kein funktionales Äquivalent kennt, ohne dass soziale Bewegungen deshalb schon die »Deutlichkeit eines Funktionssystemarrangements« im Sinne funktionaler Differenzierung erkennen lassen.
Niklas Luhmann was a German sociologist, and a prominent thinker in systems theory, who is increasingly recognized as one of the most important social theorists of the 20th century.
Luhmann wrote prolifically, with more than 70 books and nearly 400 scholarly articles published on a variety of subjects, including law, economy, politics, art, religion, ecology, mass media, and love. While his theories have yet to make a major mark in American sociology, his theory is currently well known and popular in German sociology and has also been rather intensively received in Japan and Eastern Europe, including Russia. His relatively low profile elsewhere is partly due to the fact that translating his work is a difficult task, since his writing presents a challenge even to readers of German, including many sociologists. (p. xxvii Social System 1995)
Much of Luhmann's work directly deals with the operations of the legal system and his autopoietic theory of law is regarded as one of the more influential contributions to the sociology of law and socio-legal studies.
Luhmann is probably best known to North Americans for his debate with the critical theorist Jürgen Habermas over the potential of social systems theory. Like his one-time mentor Talcott Parsons, Luhmann is an advocate of "grand theory," although neither in the sense of philosophical foundationalism nor in the sense of "meta-narrative" as often invoked in the critical works of post-modernist writers. Rather, Luhmann's work tracks closer to complexity theory broadly speaking, in that it aims to address any aspect of social life within a universal theoretical framework - of which the diversity of subjects he wrote about is an indication. Luhmann's theory is sometimes dismissed as highly abstract and complex, particularly within the Anglophone world, whereas his work has had a more lasting influence on scholars from German-speaking countries, Scandinavia and Italy.
Luhmann himself described his theory as "labyrinth-like" or "non-linear" and claimed he was deliberately keeping his prose enigmatic to prevent it from being understood "too quickly", which would only produce simplistic misunderstandings.
As always, as expected: Viele kluge, scharfe, unnachahmliche Gedanken. Pointiertheit und Tiefe, wie sie sich nur bei Luhmann verbinden! Kann auch als Einführung in frühe Versionen der Systemtheorie dienen, illustriert dann ihre Anwendung auf konkrete gesellschaftliche Phänomene besonders gut.
Luhmann weiß um die ökologische Krise, erkennt früh die Warnfunktion (man könnte auch - gegen ihn - sagen: den Wert) grüner Protestbewegungen, moniert aber ihre Theorieferne, ihren Fokus auf "so nicht", ohne soziale Komplexitäten adäquat zu rezipieren. Er denkt über die Selbstbeschreibung der Gesellschaft nach, besonders im Hinblick auf Zeitlichkeit und Entwicklungslogiken, stellt fest, dass die funktional Differenzierte Gesellschaft auf eine zusammenfassende Repräsentation verzichten muss, ja der Repräsentationsgedanke vielleicht selbst zweifelhaft wird. Meisterhaft wird die Logik der Differenzen, wie sie Spencer Brown entwickelte, auf das Unterscheidungsschema Mann/Frau angewandt, empfiehlt der Frauenbewegung externalisierende Selbstbeobachtung hinsichtlich der Frage, wie sie selbst mit der Unterscheidung arbeitet (was zunächst billig klingt, aber bei weitem nicht in allen thematisch einschlägigen Texten zu finden ist).
Zu Technik, Risiken, Umweltbeherrschung und Protest folgen zwei Zitate, die auch im Kontext des in der Pandemie Erlebten nachdenklich machen oder zweifelhaft stimmen:
"Es wäre ganz unrealistisch zu erwarten, daß das politische System die Möglichkeit habe, in technisch-ökologischen Zusammenhängen der gesellschaftlichen Umwelt Sicherheit zu schaffen, und daß dies nur aus irgendwelchen ominösen Gründen bisher nicht ernstlich versucht worden sei. Auch weiß man seit langem, daß es nicht hilft, bei der Wissenschaft Rat einzuholen, um dann der Wahrheit gegenüber wirtschaftlichen Interessen zur Durchsetzung zu verhelfen.15 Die Wissenschaft selbst kann nur im Kontext ihrer eigenen Forschungsprogramme, nur im Licht ihrer eigenen Scheinwerfer etwas sehen, und es bringt nichts, wenn man sie veranlaßt, ihre eigene Kompetenz zu überschreiten. Experten, so könnte man ein Statement von Alvin Weinberg abwandeln, sind Leute, denen man Fragen stellt, die sie nicht beantworten können.16 Für die Politik folgt daraus eine eher negative Abgrenzungsregel: daß sie es vermeiden muß, Entscheidungen in Fragen zu treffen, wo sie das Risiko läuft, daß die Wissenschaft es besser weiß." (S. 173) Also Risikoentscheidungen konsequent depolitisieren? Luhmann bietet, seinem Selbstverständnis, nicht Schulmeister sein zu wollen, folgend (S. 70) keine Lösung an, auch mir bleibt nur, auf die Wahrheit der Mahnung zu verweisen: Demokratische Politik kann mit adäquater Lösung von Umweltrisiken schwer vereinbar sein.
Das mag auch aus dem normativen Selbstverständnis des Protests selbst und gar nicht mal aus den Risiken des "Durchregierens" folgen: "Die Protestierenden berufen sich auf ethische Grundsätze; und wenn man eine Ethik hat, ist es eine zweitrangige Frage, ob man in der Mehrheit oder in der Minderheit ist. Der Protest braucht in all diesen Hinsichten keine Rücksicht zu nehmen. Er geriert sich so, als ob er die Gesellschaft gegen ihr politisches System zu vertreten hätte. Insofern ist es nicht falsch, den Entstehungsgrund für Protestbewegungen neueren Stils in der Ausdifferenzierung und der relativen Resonanzlosigkeit des politischen Systems zu sehen. Die Verfassung dient der Beschränkung des politischen Systems auf sich selbst.11 Für die Protestbewegungen liegt darin eine Provokation zur Provokation." (S. 206)
Protest also zeigt Reflexionsdefizite, ungelöste Probleme, muss insofern (immer?) gehört werden, aber er fordert auch heraus, zu neuen sozialen Beschreibungen, zu anstrengender, nicht immer zielführender Lese- und Theoriearbeit und zu unzähligen politischen Kompromissen. Bringt es dabei etwas, Systemtheorie zu lesen? Manchmal erscheinen all die Geistesübungen Luhmanns wie erquickliche Kunststücke in einer gar nicht so zwingenden Gedankenwelt, manchmal wie famose, notwendige und seltene Einsichten, die es unbedingt zu verbreiten gilt. Diesen Band jedenfalls zu lesen hilft nicht beim Handeln, aber vielleicht beim Verstehen, wo die Probleme der Gesellschaft immer noch liegen und was welcher Umgang mit Protestbewegungen dahingehend bedeuten könnte.