Das Buch über die juristische Methodenlehre hat mich beeindruckt und nachhaltig fasziniert. Obwohl es sich dabei um ein sehr ausführliches Werk handelt und deswegen möglicherweise nicht jedem Leser (oder Student) gleichermassen zusagt, empfinde ich es als äussert aufschlussreich und bedeutend.
Die Autoren verstehen es, ihre Gedanken stringent und klar zu formulieren. Sie beleuchten auf beeindruckende Weise, wie grundlegend die richterliche Interpretation und die gerichtliche Rechtsfortbildungspraxis für das Fortbestehen unserer Rechtsordnung sind. In einer Zeit, in der oft über die Rolle der Gerechtigkeit, die Flexibilität und die Überalterung des Rechts diskutiert wird, bietet dieses Buch wichtige Impulse und zeigt die essentiellen Zusammenhänge zwischen Rechtssicherheit und der Weiterentwicklung des Rechts auf.
Die Auseinandersetzung mit der historischen Interpretation, ob eine nach dem Wortlaut unklare Norm entstehungs- oder geltungszeitlich zu verstehen ist, regt mich sehr zum Nachdenken an. Die Gratwanderung zwischen Kontinuität des gesetzten Rechts und der dynamischen Anpassung an veränderte Gegebenheiten zeigt die Vielschichtigkeit der Rechtswissenschaft auf. Das Werk fordert den Leser dazu auf, die Notwendigkeit klarer Leitlinien für die Auslegung und Anwendung von Normen zu erkennen. Es sensibilisiert dafür, wie wichtig ein methodisch fundiertes Vorgehen ist, um dem Recht seine Legitimation und Wirksamkeit zu erhalten. In diesem Kontext wirft das Werk ein Licht auf den vom Bundesgericht angewendeten pragmatischen Methodenpluralismus, welcher laut einer Vielzahl von zitierten Autoren in Anbetracht unsystematischer und unklaren Argumentationslinien wohl eher als ein vom Einzelproblem gesteuerter Methodenopportunismus zu klassifizieren wäre.
Rechtsstaatliche Bedenken, e.g., die Gefahr, die eine ex post Legitimation eines primär gefühlsmässig billigen Auslegungsergebnisses für die Steuerungsfunktion der Verobjektivierung der gerichtlichen Auslegungstätigkeit darstellt, oder das Spannungsfeld zum Richterrecht, welches einerseits die Funktionsfähigkeit des Gesetzes in einer seit dessen Entstehung beachtlich veränderten Umwelt sichert, andererseits das Potential des Wandels vom demokratischen Rechtsstaat hin zu einem oligarchischen Richterstaat birgt (wie der Deutsche Autor Rüthers dramatisierend gegen die s.E. verfassungswidrige, objektiv-teleologische Methode argumentiert) haben mich ebenfalls sehr fasziniert.
Für alle, die sich mit der Rechtswissenschaft und der juristischen Methodenlehre beschäftigen, ist dieses Buch ein wertvoller Begleiter, der nicht nur das Verständnis vertieft, sondern auch den Facettenreichtum der Rechtswissenschaft widerspiegelt. Es ist eine Lektüre, die ich jedem empfehlen kann, der bereit ist, sich auf eine anspruchsvolle, umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema der Rechtsanwendung einzulassen.